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L-108

Betonbodenbeschichtung

Wässrige 2K-Epoxidharzsysteme für industrielle Betonböden

Prüfungsteil 1A 9

KernaussageModerne Betonbodenbeschichtungen nutzen wässrige 2K-Epoxidharzsysteme: niedrig-VOC, sehr chemikalienbeständig, haftfest auf Beton. Der dreistufige Aufbau — Tiefgrund, Grundierung, Versiegelung — ist der Stand der Technik und löst lösemittelreiche Chlorkautschuk-Systeme ab.

Anforderungen an den Industrieboden

Beton ist saugend, porös, alkalisch (pH > 12 im frischen Beton) und neigt zu Ausblühungen. Der Schutzfilm soll hohe Abriebfestigkeit (DIN EN 13892-3, Prüfmethode nach Böhme), Rutschhemmung (R-Gruppen), Beständigkeit gegen Chemikalien (Öle, Säuren, Laugen, Reinigungsmittel), gute Reinigungsfähigkeit sowie Haftung auf dem alkalischen Untergrund bieten. In Produktionshallen kommt Druckbelastbarkeit durch Gabelstapler hinzu: Der Betonuntergrund muss mindestens 25 N/mm² Druckfestigkeit aufweisen (Festigkeitsklasse C20/25) — das ist die allgemeine Untergrenze für die Beschichtbarkeit, nicht das Planungsziel. Für stark befahrene Industrieböden wird planerisch mindestens C25/30 vorgesehen, bei hohem Verschleiß (Verschleißklassen XM2/XM3) entsprechend höher. In der Lebensmittelindustrie kommt die Eignung für Lebensmittelkontakt und hygienische Reinigbarkeit hinzu; die Trinkwasserbewertung (KTW-BWGL, DVGW W 270) gilt dagegen für Beschichtungen im Trinkwasserkontakt.

Warum wässriges 2K-Epoxid

Wässrige 2K-Epoxidharze (EP-Dispersionen) verbinden die Stärken des Epoxids — ausgezeichnete Haftung auf Beton, hohe Chemikalien- und Abriebbeständigkeit, gute Druckfestigkeit — mit niedrigem Lösemittelgehalt (VOC < 50 g/L, weit unter den Grenzwerten; Chlorkautschuk > 500 g/L). Keine HCl-Abspaltung, kein Risiko toxischer Zersetzungsprodukte bei thermischer Belastung. Nachteile: längere Durchhärtung als beim physikalisch trocknenden Chlorkautschuk, höherer Preis, kein Anlösen und kein Überlackieren ohne Vorbehandlung.

Bindemittel und Härter

Komponente A ist eine wässrige Epoxidharzdispersion (meist Bisphenol-A/F-basiert, Epoxidäquivalentmasse 180–220 g/Äq., ca. 50–65 % Feststoff in Wasser). Komponente B ist ein wasserverdünnbarer oder selbstemulgierender Polyamin-Härter — entweder aliphatische Polyamine (kurze Topfzeit, gute Chemikalienbeständigkeit) oder Polyamidoamine (längere Topfzeit, bessere Flexibilität, weniger blushing). Mischungsverhältnis stöchiometrisch aus der NH-Äquivalentmasse des Härters (AHEW) und der Epoxidäquivalentmasse des Harzes (EEW) berechnen; das Massenverhältnis Härter zu Harz ist AHEW/EEW (siehe L-28, L-29). Topfzeit typisch 30–60 Minuten bei 20 °C.

Dreistufiger Systemaufbau

1. Tiefgrund (Primer, 50–80 µm nass): wässriger Epoxid-Tiefgrund, niedrigviskos (50–100 mPas), festkörperarm (~30 %), dringt in den Beton ein, verfestigt den Untergrund und sperrt Alkalität ab. Verhindert, dass Feuchtigkeit von unten die Haftung zerstört.
2. Grundierung/Zwischenbeschichtung (200–400 µm nass): wässriger 2K-EP-Lack, deckend, gefüllt (Quarzmehl, Bariumsulfat), schließt die Poren, egalisiert den Untergrund. Pigmentierung je nach Anforderung.
3. Versiegelung (150–200 µm nass): transparenter oder gefärbter 2K-EP-Klarlack oder Polyurethan-Klarlack (UV-stabiler), abriebfest, leicht zu reinigen, ggf. mit Quarzsand-Einstreuung für Rutschfestigkeit (Klasse R11–R12).

Untergrundvorbereitung

Betonfeuchte max. 4 % (CM-Messung); frischer Beton mind. 28 Tage aushärten lassen. Oberflächenzugfestigkeit ≥ 1,5 N/mm² (Abreißversuch DIN EN 1542). Mechanische Vorbehandlung: Kugelstrahlen oder Diamantschleifen entfernt Zementleim, öffnet Poren. Chemische Vorbehandlung (Fluatierung) für besonders alkalische Böden. Ausblühungen und Altbeschichtungen vollständig entfernen — der häufigste Delaminationsgrund sind Verunreinigungen oder Restfeuchte.

Prüfungen und Nachweis

Abrieb nach DIN EN 13892-3 (Böhme-Scheibe), Druckfestigkeit des Untergrundes, Haftfestigkeit (Abreißversuch ≥ 1,5 N/mm²), Chemikalienbeständigkeit (Lagerversuche in Öl, Säure, Lauge), Rutschhemmung (Bewertungsgruppen R 9 bis R 13; ermittelt im Begehungsverfahren auf der schiefen Ebene mit Schuhwerk nach DIN EN 16165 Anhang B — die frühere DIN 51130 ist damit abgelöst, Altprüfzeugnisse bleiben gültig. Die Zuordnung der R-Gruppen zu Arbeitsbereichen regelt ASR A1.5 Anhang 2, früher DGUV Regel 108-003/BGR 181. Das Pendelverfahren nach DIN EN 16165 Anhang C dient der Kontrollmessung am verlegten Boden). Schichtdicke nass und trocken messen.

Umwelt und Sicherheit

Epoxid-Härter (Amine/Polyamine) sind sensibilisierend und reizend — Haut- und Augenschutz, Handschuhe (Nitril, nicht Latex). Auch das ungehärtete Epoxidharz selbst ist hautreizend und hautsensibilisierend (H315, H317, H319, H411; nach der IFA-EIS-Liste stark sensibilisierend) — Hautkontakt mit beiden Komponenten vermeiden, nicht nur mit dem Härter. Erst der vollständig ausgehärtete Film ist weitgehend inert. Abluft beim Auftragen für die Amine beachten.

Lösemittelfreier 2K-PUR-Bodenbelag (selbstverlaufend)

Für Betonfußböden im Innenbereich bieten lösemittelfreie 2K-PUR-Systeme mit aromatischem Isocyanat eine wirtschaftliche Alternative zu wässrigen Systemen (praktisch ohne VOC; es gibt keine Ablüftphase, wohl aber eine chemische Aushärtezeit). Aus Müller/Poth, Tab. IV-1.1:

Komponente A                Gew.-%
Polyol Desmophen 1150        37,3   (Polyether/ester, 5 % OH, OH-Äqw. 340)
Ricinusöl 50 % / Baylith     7,4   (Trockenmittel)
Schwerspat                   32,4
Pigmentgemisch                4,9
Summe A                      82,0

Komponente B                Gew.-%
Desmodur VL (31,5 % NCO)     18,0   (aromatisches Polyisocyanat, MDI-Basis)

Gesamtsumme A + B           100,0
NCO:OH ≈ 1,1 — nachgerechnet: NCO 18,0 g · 0,315 / 42,02 g/mol = 0,135 Äq.;
OH 37,3 g / 340 g/Äq. = 0,110 Äq. aus dem Polyol plus rund 0,011 Äq. aus dem
Ricinusöl der Trockenmittelpaste (3,7 g, OH-Zahl rund 160 mg KOH/g) = 0,121 Äq.
→ 1,12 (Müller/Poth: 1,13). Ohne den Ricinusöl-Beitrag käme man fälschlich auf 1,23.
Lösemittelfrei; selbstverlaufend.
P/B = (32,4 + 4,9) : (37,3 + 7,4 + 18,0) = 0,6 : 1.

Hinweis: Aromatische Isocyanate (MDI) vergilben unter UV — nur für UV-geschützte Innenböden geeignet, nicht für Außenbereiche. Applikation durch Gießen und Rollen.
Quelle: Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur, Tab. IV-1.1.

Lösemittelarmes 2K-EP-Bodensystem (gefüllt, Quarzmehl)

Lösemittelarme 2K-EP-Systeme erzielen maximale Füllstoffdichte und exzellente Chemikalienbeständigkeit; Benzylalkohol wirkt als nichtreaktiver Verdünner, Weichmacher und Härtungsbeschleuniger — er wird nicht in das Netzwerk eingebaut und ist mit einem Siedepunkt von 205 °C VOC-relevant. Echte Reaktivverdünner für Epoxide sind Glycidylether. Aus Müller/Poth, Tab. IV-1.2:

Komponente A                             Gew.-%
EP-Harz flüssig, D.E.R. 3531 (Dow)       42,0   (EP-Wert 0,52; Äqw. 193 g/Äq.)
Pigment                                   5,0
Quarzmehl Sikron SF 300 (d50 = 10 µm)    49,0
Entschäumer (Byk A530 + Efka 2020)        2,0
Benzylalkohol (nichtreakt. Verdünner)     2,0
Summe A                                 100,0

Komponente B                             Gew.-%
Polypox H 354 L (cycloaliphatisch,        20,0   (NH-Äqw. 93 g/Äq.)
  lösemittelfrei)

Stöchiometrie: 42 g EP × 0,52 val/100 g = 218 mmol Epoxid; 20 g Amin ÷ 93 g/Äq. = 215 mmol NH → EP:NH ≈ 1,0.
P/B = (5 + 49) : (42 + 2 + 20) = 0,85 : 1.
Applikation: Rollen oder Rakel. Topfzeit bei 20 °C laut TDS beachten.
Quelle: Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur, Tab. IV-1.2.

Merksatz

Wässriges 2K-EP-Bodensystem: Tiefgrund (eindringen, absperren) → Grundierung (füllen, egalisieren) → Versiegelung (abriebfest, rutschsicher). VOC niedrig, keine HCl-Gefahr, hervorragende Haftung und Chemikalienbeständigkeit — Untergrundfeuchte und -festigkeit sind die kritischen Erfolgsfaktoren.

Betonbodenbeschichtungwässriges 2K-EpoxidTiefgrundGrundierungVersiegelungAbriebfestigkeitRutschfestigkeitDelaminationPolyamin-HärterPolyamidoaminUntergrundvorbereitungVOCIndustriebodenlösemittelfreiDesmodur VLDesmophen 1150aromatisches IsocyanatBenzylalkoholQuarzmehlD.E.R. 3531Polypox
Quellen
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
  • DIN EN 13892-3
  • DIN EN ISO 12944
  • DIN EN 16165
  • ASR A1.5
  • DIN EN 1542

Übungsblatt Ü-108

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Welche Eigenschaften soll eine Betonbodenbeschichtung haben, und warum hat das wässrige 2K-Epoxidsystem den früher üblichen Chlorkautschuk abgelöst?

Musterlösung anzeigen
EigenschaftenAbriebfestigkeit (Böhme-Verschleiß nach DIN EN 13892-3), Rutschhemmung, Ausgleich von Unebenheiten, Reinigungsfähigkeit, Beständigkeit gegen Chemikalien, Öle und Fette sowie Haftung auf dem alkalischen Untergrund.
Wässriges 2K-EpoxidAusgezeichnete Haftung auf Beton, hohe Chemikalien- und Abriebbeständigkeit, gute Druckfestigkeit — bei VOC < 50 g/L. Es vernetzt chemisch und spaltet bei thermischer Belastung keine Salzsäure ab.
Chlorkautschuk (abgelöst)Physikalisch trocknend, aber mit über 500 g/L VOC und der HCl-Abspaltung bei Hitze nicht mehr Stand der Technik.
Warum das eine Eins verdientDie Anforderungen an den Industrieboden werden genannt und die Ablösung des Chlorkautschuks durch das wässrige 2K-Epoxid wird über VOC und Zersetzungsverhalten begründet.
Berechnung6 Punkte

2. Pro Schicht soll eine Trockenschichtdicke von 45 µm erreicht werden. Bei einem Volumenfestkörper von 50 % — welche Nassschichtdicke ist nötig?

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AnsatzNSD = TSD · 100 / Volumenfestkörper.
RechnungNSD = 45 · 100 / 50 = 90 µm.
Warum das eine Eins verdientDie Nassschichtdicke wird korrekt bestimmt.
Anwendung6 Punkte

3. Welche Gefahr ging von Chlorkautschuk bei thermischer Belastung aus, und was ist beim Betonuntergrund unabhängig vom Bindemittel wichtig?

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ThermischBei Überhitzung — deutlich oberhalb der Dauergebrauchsgrenze von etwa 80 °C — spaltet Chlorkautschuk ätzende Salzsäuredämpfe ab (Atemwege, Augen) — Überhitzung vermeiden.
UntergrundBeton gründlich reinigen und mechanisch/chemisch vorbehandeln (ggf. Fluatierung); Verunreinigungen und Restfeuchte (max. 4 %, CM-Messung) sind der häufigste Delaminationsgrund.
Warum das eine Eins verdientHCl-Gefahr und die Untergrundvorbehandlung werden erkannt.

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