Der Lacklaborant Lernwerk

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L-167

Qualitätssicherung und Statistik im Lacklabor

Mittelwert, Standardabweichung, Messunsicherheit und Regelkarte

Prüfungsteil 1A 8.4

KernaussageEin einzelner Messwert sagt wenig — Messungen streuen. Qualitätssicherung heißt: aus mehreren Werten Mittelwert und Streuung berechnen, die Messunsicherheit einordnen und den Prozess über die Zeit mit Regelkarten überwachen.

Warum Statistik im Lacklabor

Jede Messung streut — Schichtdicke, Glanz oder Viskosität schwanken von Probe zu Probe und von Messung zu Messung. Ein einzelner Wert ist deshalb wenig aussagekräftig. Die Qualitätssicherung arbeitet mit mehreren Werten: Ihr Mittelwert beschreibt die Lage, die Standardabweichung die Streuung, und über die Zeit zeigt eine Regelkarte, ob der Prozess stabil bleibt.

Mittelwert, Standardabweichung, Variationskoeffizient

Mittelwert:            x̄ = Σxᵢ / n
Standardabweichung:    s = √(Σ(xᵢ − x̄)² / (n − 1))
Variationskoeffizient: VK = s / x̄ · 100 %

n = Anzahl der Messwerte. Die Stichproben-Standardabweichung s (Nenner n − 1) beschreibt die absolute Streuung, der Variationskoeffizient VK die relative.

Wiederhol- und Vergleichbarkeit

Man unterscheidet zwei Arten der Streuung: Die Wiederholbarkeit beschreibt, wie eng dieselbe Person mit demselben Gerät im selben Labor kurz nacheinander misst. Die Vergleichbarkeit — in DIN ISO 5725 als Vergleichpräzision unter Vergleichbedingungen geführt, international meist Reproduzierbarkeit genannt — beschreibt die Streuung von Messergebnissen unter veränderten Bedingungen, z. B. zwischen verschiedenen Laboren, Geräten oder Personen; sie ist typischerweise größer. Ein Messergebnis ist nur belastbar, wenn man seine Streuung kennt.

Messunsicherheit

Kein Messwert ist exakt — zu jedem gehört eine Messunsicherheit. Ein Ergebnis wird deshalb als Wert plus/minus Unsicherheit angegeben (z. B. 82 ± 2 µm). Man gibt nie mehr Stellen an, als die Unsicherheit rechtfertigt: Eine auf ± 2 µm genaue Messung als 82,37 µm zu berichten, täuscht eine Genauigkeit vor, die es nicht gibt.

Ausreißer erkennen

Ein Wert außerhalb von x̄ ± 2 bis 3 s ist auffällig, aber allein dadurch noch kein statistisch sicherer Ausreißer — dafür braucht es ein passendes Ausreißerkriterium. Bevor man ihn verwirft, prüft man die Ursache — Messfehler, verunreinigte Probe, Gerätefehler. Ausreißer werden dokumentiert, nicht stillschweigend gestrichen.

Regelkarte (SPC)

In der laufenden Fertigung trägt man die Messwerte über die Zeit in eine Regelkarte ein: eine Mittellinie mit Warn- und Eingriffsgrenzen darum. Ein Prozess gilt im Rahmen einer Regelkarte als statistisch beherrscht, wenn keine relevanten Regelverletzungen oder nichtzufälligen Muster nach dem verwendeten Regelwerk auftreten — zufällige Streuung allein reicht nicht als vollständiges Beherrschungskriterium. Ein Trend Richtung Grenze, ein Sprung oder mehrere Werte auf einer Seite zeigen an, dass etwas driftet — bevor Ausschuss entsteht. Das ist die Idee der statistischen Prozesslenkung (SPC).

Probenahme und Rückstellmuster

  • Repräsentativ ziehen: Die Probe muss den Zustand der ganzen Charge widerspiegeln (richtige Stelle, ausreichende Menge, gut homogenisiert).
  • Rückstellmuster aufbewahren: Ein Teil jeder Charge wird zurückgestellt, um später reklamierte Ware vergleichen zu können.
  • Kennzeichnen und dokumentieren: Charge, Datum, Prüfer — ohne saubere Dokumentation ist kein Nachweis möglich.

Prüfmatrix — Technische Frage → passende Methode

Welche Prüfung für welche Fragestellung? Als Lacklaborant muss man nicht nur wissen WIE man prüft, sondern WANN welche Prüfung sinnvoll ist:

Läuft der Lack an senkrechter Fläche? → Ablaufprüfung (Sag-Test, Keilrakel)
Deckt der Film den Untergrund ab? → Deckvermögen / Kontrastverhältnis (ISO 6504)
Ist die Haftung ausreichend? → Gitterschnitt (ISO 2409) qualitativ ODER Pull-off (ISO 4624) quantitativ
Wie hart ist der Film? → Pendeldämpfung König oder Persoz (ISO 1522)
Wie dünn/dick ist die Schicht? → Schichtdickenmessung (ISO 2808)
Sind Pigmente gut dispergiert? → Grindometer / Feinheitsbestimmung (ISO 1524)
Wie glänzend ist der Film? → Reflektometrie 20°/60°/85° (ISO 2813)
Wann ist der Lack trocken? → Trocknungsphasen (ISO 9117-1/-5)
Beständig gegen Witterung? → Bewitterung Xenon/QUV (ISO 16474)
Korrosionsschutz ausreichend? → Salzsprühnebelprüfung (ISO 9227)

Laborpraxis Recht/Umwelt — welche Frage, welche Quelle?
Kann sich das Lösemittel entzünden? → Flammpunkt, Explosionsgrenzen, SDB
Wie viel VOC steckt im Lack? → VOC-Berechnung, ChemVOCFarbV
Ist der Lack wassergefährdend? → WGK / AwSV, nicht die CLP-Klasse
Wie entsorge ich den Rest? → Zusammensetzung prüfen, Abfallschlüssel bestimmen
Ist das Etikett richtig? → CLP-Gemischeinstufung, SDB Abschnitt 2
Wie reduziere ich die Exposition? → Gefährdungsbeurteilung, AGW (TRGS 900), PSA

Prüfungsfallen-Checkliste — Die 10 häufigsten Irrtümer

1. Gitterschnitt ≠ Haftfestigkeit — Gt 0–5 ist ein Index, kein N/mm²-Wert. Für quantitative Haftfestigkeit: Pull-off (ISO 4624).

2. König ≠ Persoz — Werte sind NICHT vergleichbar oder austauschbar. Gerät immer angeben.

3. Tg ist methodenabhängig — DSC- und DMA-Tg desselben Films können sich um 10–20 °C unterscheiden.

4. Festkörper ist methodenabhängig — ISO 3251 (Bedingungen z. B. 105 °C/60 min, aber vereinbarungsabhängig) ≠ Einbrennrückstand (höhere Temperatur).

5. Scherverdünnung ≠ Thixotropie — Scherverdünnung ist sofort reversibel (strukturviskos); Thixotropie ist zeitabhängig und regeneriert nach Scherungsende langsam.

6. WGK ≠ CLP-Gefahrenklasse — zwei völlig verschiedene Rechtssysteme für zwei verschiedene Fragen.

7. Gefahrstoff ≠ Gefahrgut — Gefahrstoffrecht betrifft Tätigkeiten; Gefahrgutrecht betrifft den Transport.

8. Wasserbasiert ≠ nicht wassergefährdend — WGK richtet sich nach dem konkreten Stoff/Gemisch, nicht nach dem Lösemittel.

9. Auslaufbecher: DIN 4 ≠ Ford 4 ≠ ISO-Becher — Bechertyp und Düse immer angeben, Werte nicht vergleichen.

10. Glanzmessung: 60° ≠ 20° ≠ 85° — Messgeometrie immer angeben; gemessen wird zuerst bei 60°; über 70 GE wechselt man auf 20°, unter 10 GE auf 85°.

Das Wichtigste

Messungen streuen — deshalb zählt nicht der Einzelwert, sondern Mittelwert und Standardabweichung. Jedes Ergebnis trägt eine Messunsicherheit und wird mit passender Stellenzahl angegeben. Über die Zeit überwacht die Regelkarte, ob der Prozess beherrscht bleibt. Repräsentative Probenahme und Rückstellmuster sichern die Nachvollziehbarkeit.

QualitätssicherungStatistikMittelwertStandardabweichungVariationskoeffizientWiederholbarkeitVergleichbarkeitMessunsicherheitAusreißerRegelkarteSPCProbenahmeRückstellmusterPrüfmatrixPrüfungsfallenGitterschnittKönigPersozAuslaufbecher
Quellen
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • DIN ISO 5725
  • ISO 1522
  • ISO 1524
  • ISO 16474
  • ISO 2409
  • ISO 2808
  • ISO 2813
  • ISO 3251
  • ISO 4624
  • ISO 6504
  • ISO 9117-1
  • ISO 9227

Übungsblatt Ü-167

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis6 Punkte

1. Was ist der Unterschied zwischen Wiederhol- und Vergleichbarkeit, und warum gehört zu jedem Messergebnis eine Messunsicherheit?

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WiederholbarkeitStreuung bei derselben Person, demselben Gerät und Labor kurz nacheinander — klein.
VergleichbarkeitStreuung unter veränderten Bedingungen, z. B. zwischen verschiedenen Laboren, Geräten oder Personen — typischerweise größer; in DIN ISO 5725 Vergleichpräzision, international meist Reproduzierbarkeit genannt.
MessunsicherheitKein Messwert ist exakt; das Ergebnis wird als Wert plus/minus Unsicherheit mit passender Stellenzahl angegeben.
Warum das eine Eins verdientBeide Streuungsarten werden korrekt unterschieden; die Messunsicherheit wird als notwendige Angabe erkannt.
Anwendung6 Punkte

2. Fünf Schichtdickenmessungen ergeben 82, 85, 79, 83 und 86 µm. Berechnen Sie Mittelwert und Stichproben-Standardabweichung.

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Mittelwertx̄ = (82 + 85 + 79 + 83 + 86) / 5 = 415 / 5 = 83 µm
Abweichungsquadrate(−1)² + 2² + (−4)² + 0² + 3² = 1 + 4 + 16 + 0 + 9 = 30
Standardabweichungs = √(30 / (5 − 1)) = √7,5 = 2,74 µm
Warum das eine Eins verdientMittelwert (83 µm) und Stichproben-Standardabweichung (√7,5 ≈ 2,74 µm) werden korrekt berechnet.
Anwendung6 Punkte

3. In einer Regelkarte wandern die letzten sechs Messwerte langsam auf die obere Warngrenze zu, ohne sie zu überschreiten. Wie beurteilen Sie das und was tun Sie?

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BeurteilungEin Trend zur Grenze zeigt, dass der Prozess driftet — auch wenn noch kein Wert außerhalb liegt.
KonsequenzUrsache suchen und korrigieren, bevor Ausschuss entsteht (z. B. Gerät, Charge, Bedingungen prüfen).
PrinzipGenau das leistet die statistische Prozesslenkung: eingreifen, bevor die Eingriffsgrenze erreicht ist.
Warum das eine Eins verdientDer Trend wird als Handlungssignal erkannt; die vorbeugende Prozesslenkung wird korrekt eingeordnet.

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