Alle Tafeln › Kapitel 12 · Prüf- und Messtechnik
L-179
Moderne Rheologie — Oszillationsmessungen
Speicher- und Verlustmodul, Amplituden- und Frequenzsweep
Prüfungsteil 1A 7.1
Was die Oszillationsmessung misst
Bei der klassischen Viskositätsmessung wird der Lack fortlaufend geschert. Bei der Oszillationsmessung dagegen wird eine kleine, periodische Verformung aufgebracht — der Lack wird nur leicht hin- und herbewegt. Die Probe antwortet mit einer periodischen Schubspannung, die gegenüber der Verformung phasenverschoben ist. Aus dieser Phasenverschiebung liest man ab, ob sich der Lack unter kleiner Belastung eher elastisch (wie ein Netzwerk) oder viskos (wie eine Flüssigkeit) verhält. Aufschlussreich ist das besonders bei thixotropierten und hochgefüllten Systemen, Dispersionsfarben, mit pyrogener Kieselsäure strukturierten Lacken sowie bei reaktiven Bindemitteln während der Härtung.
Speicher- und Verlustmodul
Die Antwort der Probe wird in zwei Anteile zerlegt: Speichermodul G′ — der elastische Anteil: die Energie, die die Probe bei der Verformung speichert und wieder zurückgibt. Hohes G′ → die innere Struktur wirkt wie ein elastisches Netzwerk. Verlustmodul G″ — der viskose Anteil: die Energie, die während der Verformung dissipiert (in Wärme umgewandelt wird). Hohes G″ → das flüssige Verhalten überwiegt. G′ > G″ → überwiegend elastischer Antwortanteil unter den gewählten Oszillationsbedingungen (spricht für eine stärkere Strukturkomponente, aber nicht allein für alle Verarbeitungseigenschaften) G″ > G′ → viskoses Verhalten überwiegt (fließfähig) Verlustfaktor: tan δ = G″ / G′ (tan δ < 1 elastisch, = 1 gleich, > 1 viskos)
Warum das für Lacke zählt
Eine Viskositätsmessung beantwortet „Wie zäh ist der Lack bei dieser Schergeschwindigkeit?“. Die Oszillationsmessung beantwortet „Wie stabil ist die innere Struktur gegenüber einer kleinen Belastung?“. Zwei Lacke können bei gleicher Schergeschwindigkeit dieselbe scheinbare Viskosität haben und sich beim Lagern und Auftragen doch völlig unterschiedlich verhalten: Ein Lack mit G′ ≫ G″ ist stark strukturiert — gutes Standvermögen, geringe Ablaufneigung, bei zu viel Struktur aber schlechterer Verlauf. Ein Lack mit G″ > G′ ist flüssigkeitsartiger — besserer Verlauf möglich, aber höhere Ablaufneigung. Ein Netzwerk aus pyrogener Kieselsäure ist ein typischer Grund für ein ausgeprägtes G′.
Amplitudensweep — der LVE-Bereich
Vertiefung — über dem Prüfungsstoff
Beim Amplitudensweep wird die Deformationsamplitude γ₀ bei konstanter Frequenz schrittweise erhöht und G′ und G″ werden beobachtet. Bei kleiner Amplitude bleibt die Struktur erhalten, G′ und G″ sind annähernd konstant — das ist der linear-viskoelastische Bereich (LVE, Linear Viscoelastic Region). Wird die Amplitude zu groß, bricht das innere Netzwerk auf und G′ (und/oder G″) ändert sich deutlich. Praktisch entscheidend: Für einen aussagekräftigen Frequenzsweep muss eine Amplitude innerhalb des LVE-Bereichs gewählt werden — sonst misst man an einer bereits zerstörten Struktur.
Frequenzsweep und Zeitmessung
Vertiefung — über dem Prüfungsstoff
Beim Frequenzsweep bleibt die Amplitude klein (im LVE-Bereich) und die Frequenz wird verändert (z. B. 0,1 → 1 → 10 → 100 rad/s). Niedrige Frequenz entspricht vereinfacht langsamer, hohe Frequenz schneller Belastung — so erkennt man, ob der Lack bei langsamer oder schneller Beanspruchung stärker strukturiert reagiert. Bei konstanter kleiner Amplitude und Frequenz lässt sich G′(t) und G″(t) über die Zeit verfolgen: Strukturaufbau nach dem Scheren, physikalische Filmbildung oder chemische Vernetzung werden sichtbar. Beim 2K-PUR steigt G′ nach dem Mischen an, während der Film vom flüssigen in den vernetzten Zustand übergeht. Der Gelpunkt darf dabei nicht pauschal als „G′ = G″“ definiert werden — das hängt von Messbedingungen und Auswertung ab.
Komplexer Modul — Vertiefung
Vertiefung — über dem Prüfungsstoff
Speicher- und Verlustmodul lassen sich zum komplexen Schermodul zusammenfassen: G* = G′ + i·G″, mit dem Betrag |G*| = √(G′² + G″²). Für die tägliche Beurteilung genügen jedoch G′, G″ und tan δ = G″ / G′.
Merksatz
G′ speichert (elastisch), G″ verliert (viskos); tan δ = G″ / G′. G′ > G″ → im Messbereich überwiegend elastisch (Hinweis auf Struktur; Standfestigkeit zusätzlich praktisch prüfen), G″ > G′ → fließfähig. Vor dem Frequenzsweep den LVE-Bereich per Amplitudensweep bestimmen. G′(t)/G″(t) macht Strukturaufbau und Vernetzung sichtbar.
- Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
- Mezger, Das Rheologie-Handbuch
- DIN EN ISO 6721-1
- DIN EN ISO 3219
Übungsblatt Ü-179
Prüfen, ob es sitzt.
1. Bei einem Amplitudensweep bleiben G′ und G″ zunächst konstant; ab einer bestimmten Amplitude fällt G′ deutlich ab. Was bedeutet das, und welche Folgerung ziehen Sie für einen anschließenden Frequenzsweep?
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2. Bei einer Oszillationsmessung ergeben sich G′ = 180 Pa und G″ = 60 Pa. a) Welcher Anteil überwiegt? b) Berechnen Sie tan δ. c) Was bedeutet das für das Verhalten des Lacks?
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3. Zwei thixotropierte Lacke haben bei 10 s⁻¹ nahezu dieselbe Viskosität. Lack A hat jedoch ein deutlich höheres G′ als Lack B. Welche Aussage ist möglich?