Der Lacklaborant Lernwerk

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L-20

Gesättigte Polyester — Vernetzung und Anwendung

Die Endgruppe wählt den Vernetzer

Prüfungsteil 2A 10 · B 12

KernaussageHydroxyfunktionelle Polyester vernetzen mit Aminoharz oder Isocyanat, carboxyfunktionelle mit Epoxid — Endgruppe und Molmasse bestimmen die Anwendung.

Warum vernetzt werden muss

Weil der gesättigte Polyester keine trocknenden Doppelbindungen trägt, entsteht der feste Film nicht von selbst, sondern erst durch Reaktion seiner Endgruppen mit einem Vernetzer (chemische Härtung, siehe L-03). Ob hydroxy- oder carboxyfunktionell, entscheidet, welcher Vernetzer passt. Der Vernetzer ist dabei mehrfunktionell und verknüpft viele Polyesterketten zu einem Netzwerk — daraus kommen Härte, Haftung und Chemikalienbeständigkeit des Films.

Hydroxyfunktionelle Polyester

Sie vernetzen mit Aminoharzen (Melamin- oder Benzoguanaminharz) oder mit Polyisocyanaten. Beim Einbrennen reagieren die OH-Gruppen des Polyesters mit den reaktiven Gruppen des Aminoharzes, meist säurekatalysiert. Bei der Transetherifizierung werden dabei vor allem niedermolekulare Alkohole abgespalten; gehärtet wird durch Einbrennen (siehe L-30) oder mit Säurekatalyse bei Raumtemperatur forciert (siehe L-122). Mit Isocyanaten reagieren die OH-Gruppen zu Urethanbindungen — mit geblockten Isocyanaten einkomponentig und erst in der Hitze härtend, mit freien Isocyanaten als Zweikomponentenlack (siehe L-03).

Carboxyfunktionelle (saure) Polyester

Sie vernetzen mit Epoxidharzen oder mit Triglycidylisocyanurat (TGIC); die Carboxylgruppen öffnen dabei die Epoxidringe des Vernetzers. Diese Kombination ist vor allem für Pulverlacke wichtig, wo fester saurer Polyester und fester Epoxid-Vernetzer in der Schmelze gemischt und dann eingebrannt werden. TGIC ist als mutagen (erbgutverändernd) eingestuft; beim Arbeiten mit TGIC-haltigen Materialien sind Staubexposition und Haut-/Augenkontakt zu vermeiden — Sicherheitsdatenblatt, aktuelle betriebliche Gefahrstoffvorgaben und persönliche Schutzausrüstung sind maßgeblich. Zunehmend werden deshalb TGIC-freie Härter eingesetzt: β-Hydroxyalkylamide (Primid-Typen).

β-Hydroxyalkylamide (Primid-Typen)

Ein tetrafunktionelles β-Hydroxyalkylamid wie N,N,N′,N′-Tetrakis(2-hydroxyethyl)adipamid trägt vier reaktive Hydroxylgruppen und kann dadurch mehrere Polyesterketten gleichzeitig verknüpfen:

(HO–CH₂–CH₂)₂N–CO–(CH₂)₄–CO–N(CH₂–CH₂–OH)₂

Mit dem carboxyfunktionellen Polyester reagiert es unter Esterbildung:
Polyester–COOH + HO–R–N(…) → Polyester–COO–R–N(…) + H₂O

Anders als bei der Epoxid/TGIC-Vernetzung entsteht hier Wasser als Kondensationsprodukt.

Was beim β-Hydroxyalkylamid mit dem Wasser passiert

Das bei der Kondensationsreaktion freigesetzte Wasser muss während der Einbrennhärtung als Wasserdampf aus dem noch nicht vollständig erstarrten Film entweichen. Reaktionsgeschwindigkeit, Einbrenntemperatur, Schichtdicke und Formulierung müssen dafür zusammenpassen. Kann das Wasser nicht ausreichend entweichen, drohen Blasen, Poren oder andere Filmstörungen — besonders bei höheren Schichtdicken oder ungünstiger Härtungsführung ist die Entgasung deshalb ein wichtiger praktischer Punkt bei diesem Vernetzertyp.

Wasserverdünnbare Typen

Carboxyfunktionelle Polyester lassen sich — wie die sauren Alkyde (siehe L-17) — mit Amin oder Ammoniak neutralisieren und werden dadurch wasserverdünnbar. So entstehen emissionsarme Wasserlacke (siehe L-70, L-168).

Chemie kompakt

Herstellung:
  Diol + Dicarbonsäure → Polyester + H₂O

OH-Polyester + Aminoharz:
  Polyester–OH + Aminoharz–OR → Polyester–O–Aminoharz + ROH

OH-Polyester + Isocyanat:
  R–OH + R′–NCO → R–O–CO–NH–R′   (Urethanbindung)

COOH-Polyester + Epoxid:
  R–COOH + Epoxid → R–COO–CH₂–CH(OH)–R′   (β-Hydroxyester, Ringöffnung wie in L-18)

Anwendung nach Typ

  • Lineare hochmolekulare Typen mit Aminoharz — Coil- und Can-Coating, Verpackungen, Druckfarben. Typische Lösemittel: Xylol, Butanol, Butylglykol.
  • Niedermolekulare Typen mit Aminoharz oder Isocyanat — Automobil- und Industrielacke. Typische Lösemittel: Xylol, Butylacetat, teils Methoxypropylacetat.
  • Verzweigte saure Typen mit Epoxid/TGIC — Pulverlacke. Hier kein Lösemittel: Pulverlacke sind ein 100%-System, Harz und Vernetzer werden in der Schmelze gemischt (siehe L-94).

(Zuordnung als Richtwert.)

Merksatz

Die Endgruppe wählt den Vernetzer: Hydroxy zu Aminoharz oder Isocyanat, Carboxy zu Epoxid oder TGIC. Molmasse und Typ entscheiden dann über die Anwendung.

VernetzungAminoharzMelaminharzBenzoguanaminharzPolyisocyanatgeblocktes IsocyanatPolyurethanEpoxidharzTGICTriglycidylisocyanuratβ-HydroxyalkylamidPrimidEntgasungPulverlackCoil CoatingwasserverdünnbarEinbrennlack
Quellen
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur

Übungsblatt Ü-20

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Welcher Vernetzer passt zu einem hydroxyfunktionellen, welcher zu einem carboxyfunktionellen Polyester? Begründen Sie jeweils kurz.

Musterlösung anzeigen
HydroxyfunktionellAminoharze (Melamin-, Benzoguanaminharz) oder Polyisocyanate. Die OH-Gruppen reagieren mit dem Aminoharz beim Einbrennen oder mit dem Isocyanat zu Polyurethan.
CarboxyfunktionellEpoxidharze oder Triglycidylisocyanurat (TGIC). Die Carboxylgruppen reagieren mit den Epoxidgruppen.
PrinzipDie reaktive Endgruppe bestimmt den Partner: Sie muss eine Gruppe finden, mit der sie reagieren kann.
BeispielanwendungCarboxy + Epoxid/TGIC ist der typische Aufbau für Pulverlacke.
Warum das eine Eins verdientBeide Endgruppen werden dem richtigen Vernetzer zugeordnet und die Zuordnung über die reagierenden Gruppen begründet — nicht auswendig, sondern aus dem Reaktionsprinzip.
Berechnung9 Punkte

2. Ein hydroxyfunktioneller Polyester wird mit Melaminharz im Festkörperverhältnis 70 : 30 eingebrannt. Für 5,0 kg Klarlack mit 60 % Festkörper: Wie viel Polyester- und wie viel Melamin-Festkörper sind enthalten?

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GegebenLack = 5,0 kg; Festkörper = 60 %; Verhältnis Polyester : Melamin = 70 : 30
Schritt 1 — Festkörper gesamt5,0 kg · 0,60 = 3,0 kg
Schritt 2 — Polyester3,0 kg · 0,70 = 2,1 kg
Schritt 3 — Melamin3,0 kg · 0,30 = 0,9 kg
AntwortsatzDer Lack enthält 2,1 kg Polyester- und 0,9 kg Melamin-Festkörper; die restlichen 2,0 kg sind Lösemittel.
Warum das eine Eins verdientZuerst wird der Gesamtfestkörper aus dem Festkörpergehalt bestimmt, dann im Verhältnis aufgeteilt. Dass die restlichen 2,0 kg Lösemittel sind, wird richtig erkannt.
Anwendung7 Punkte

3. Für ein lösemittelfreies Pulverlacksystem soll ein Polyester gewählt werden. Welchen Polyester-Typ und welchen Vernetzer setzen Sie ein und warum?

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Polyester-TypEin verzweigter, carboxyfunktioneller (saurer) Polyester in fester Form.
VernetzerEin Epoxidharz oder Triglycidylisocyanurat (TGIC), ebenfalls fest — als TGIC-freie Alternative ein β-Hydroxyalkylamid (Primid-Typ).
BegründungBeim Pulverlack werden feste Komponenten in der Schmelze gemischt und eingebrannt; Carboxy- und Epoxidgruppen reagieren dabei ohne Lösemittel.
Besonderheit β-HydroxyalkylamidHier entsteht bei der Vernetzung Wasser als Kondensationsprodukt, das während der Härtung aus dem Film entweichen muss — eine ausreichende Entgasung ist deshalb wichtig, sonst drohen Blasen oder Poren.
PassungSo wird die Vorgabe „lösemittelfrei“ erfüllt und zugleich ein gut vernetzter, beständiger Film erzielt.
Warum das eine Eins verdientTyp und Vernetzer passen zusammen und zur Vorgabe lösemittelfrei; die Begründung nennt die Schmelze-Vernetzung als den entscheidenden Punkt des Pulverlacks und benennt beim TGIC-freien Weg zusätzlich die Entgasungs-Besonderheit.

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