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Alle Tafeln › Kapitel 7 · Wasserlacke und Elektrotauchlackierung

L-72

Bindemittel im Wasser — die drei Wege

Primärdispersion, Sekundärdispersion oder wässrige Lösung

Prüfungsteil 2A 10 · B 12

KernaussageHydrophobe Bindemittel kommen auf drei Wegen ins Wasser: als Primärdispersion, als Sekundärdispersion oder als neutralisierte wässrige Lösung.

Das Grundproblem

Lackbindemittel sind meist hydrophob und lassen sich nicht einfach in Wasser lösen (siehe L-71). Damit sie trotzdem als wässriges System vorliegen, gibt es drei grundsätzliche Wege — sie unterscheiden sich darin, wie das Bindemittel ins Wasser gebracht wird (siehe auch L-70). Alle drei haben eigene Vor- und Nachteile und Einsatzgebiete.

Weg 1: Primärdispersion

Das Bindemittel wird direkt im Wasser hergestellt — durch Emulsionspolymerisation (siehe L-73). Es entstehen feine, dispergierte Polymerteilchen (Latex). So sind sehr hohe Molmassen möglich, ohne dass die Dispersion zäh wird (siehe L-73). Primärdispersionen sind die Grundlage der Dispersionsfarben. Die Latexteilchen sind rund 0,05 bis 5 µm groß (typisch 0,1 bis 1 µm) — die Dispersion ist milchig.

Weg 2: Sekundärdispersion

Das fertige Bindemittel wird zuerst getrennt hergestellt (in Lösung oder Schmelze) und dann nachträglich in Wasser dispergiert. Diesen Weg nutzt man vor allem für Polyurethan- und Acrylat-Bindemittel höherer Wertigkeit. Der Umweg über die getrennte Herstellung erlaubt ein maßgeschneidertes Bindemittel. Die Teilchen sind häufig feiner — typische Werte liegen im kolloidalen Bereich (etwa 0,01 bis 0,1 µm), sodass die Dispersion fast klar bis opaleszierend wirkt. Das ist allerdings eine Tendenz und kein Definitionsmerkmal; entscheidend ist der Herstellweg (siehe L-74).

Weg 3: Wässrige Lösung

Bindemittel mit eingebauten Carboxylgruppen werden mit einem Amin neutralisiert und dadurch wasserlöslich (siehe L-75). Solche Bindemittel sind meist niedermolekular und werden vor allem für Einbrennlacke eingesetzt, wo sie mit einem Aminoharz vernetzen (siehe L-31). Hier liegen die Moleküle einzeln gelöst vor (molekulardispers, unter etwa 0,01 µm) — die Lösung ist klar.

Wann welcher Weg

Primärdispersionen liefern hohe Molmasse und physikalisch trocknende Filme ohne Einbrennen — typische Anwendungen: Fassadenfarbe (Styrol-Acrylat), Innenfarbe (Polyvinylacetat), Holzlasur (Reinacrylat). Sekundärdispersionen erlauben maßgeschneiderte Chemie für hochwertige Systeme: PU-Parkettlack, 2K-PU-Wasserbasislack für Möbel, PU-Decklack im Korrosionsschutz. Wässrige Lösungen sind niedermolekular und werden überwiegend eingebrannt: wasserverdünnbarer Alkyd-Einbrennlack (Automobil), wasserbasierter Klarlack im Coil Coating; daneben gibt es oxidativ lufttrocknende wasserverdünnbare Alkyde (siehe L-82, L-17). Oft kombiniert man mehrere Bindemittelarten; die Wahl richtet sich nach Anwendung und Trocknungsart.

Merksatz

Drei Wege ins Wasser: im Wasser hergestellt (Primärdispersion), nachträglich dispergiert (Sekundärdispersion) oder durch Neutralisation gelöst (wässrige Lösung). Der Weg bestimmt Molmasse und Einsatzgebiet.

PrimärdispersionSekundärdispersionwässrige LösungBindemitteldispersionEmulsionspolymerisationNeutralisationCarboxylgruppeLatexMolmassewasserverdünnbarPolyurethandispersionEinbrennlack
Quellen
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie

Übungsblatt Ü-72

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Nennen Sie die drei Wege, ein hydrophobes Bindemittel ins Wasser zu bringen, und je ein Merkmal.

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PrimärdispersionDas Bindemittel wird direkt im Wasser durch Emulsionspolymerisation hergestellt; sehr hohe Molmasse möglich (siehe L-73).
SekundärdispersionDas fertige Bindemittel wird getrennt hergestellt und dann nachträglich in Wasser dispergiert; für hochwertige PUR- und Acrylatsysteme.
Wässrige LösungBindemittel mit Carboxylgruppen werden mit Amin neutralisiert und dadurch wasserlöslich; meist niedermolekular, für Einbrennlacke.
KernideeDie Wege unterscheiden sich darin, wie und wann das Bindemittel ins Wasser gelangt.
Warum das eine Eins verdientAlle drei Wege werden mit einem treffenden Merkmal (Herstellort bzw. Neutralisation, Molmasse, Einsatzgebiet) genannt und klar voneinander abgegrenzt.
Berechnung8 Punkte

2. Eine Primärdispersion hat 50 % Festkörper. Wie viel Dispersion wird für einen Trockenfilm von 4,0 kg benötigt, und wie viel Wasser enthält diese Menge?

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GegebenFestkörper = 50 %; Trockenfilm = 4,0 kg
AnsatzDispersionsmenge = Trockenfilm / Festkörpergehalt
Rechnung4,0 kg / 0,50 = 8,0 kg
AntwortsatzEs werden 8,0 kg Dispersion benötigt; davon sind 4,0 kg Wasser.
Warum das eine Eins verdientAus Trockenfilm und Festkörpergehalt wird die Dispersionsmenge korrekt bestimmt und der Wasseranteil richtig erkannt.
Anwendung7 Punkte

3. Für einen physikalisch trocknenden Dispersionsanstrich mit möglichst hoher Molmasse: Welchen der drei Wege wählen Sie und warum?

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WahlDie Primärdispersion (Emulsionspolymerisation).
Begründung MolmasseNur hier wird das Polymer im Wasser aufgebaut; sehr hohe Molmassen sind möglich, ohne dass die Dispersion zäh wird.
Begründung TrocknungHochmolekulare Dispersionsteilchen bilden beim Verdunsten des Wassers einen festen, physikalisch trocknenden Film.
Warum nicht LösungDie wässrige Lösung wäre niedermolekular (eher für Einbrennlacke) und käme für einen hochmolekularen, lufttrocknenden Anstrich nicht infrage.
Warum das eine Eins verdientDie Primärdispersion wird mit der erreichbaren hohen Molmasse begründet und die wässrige Lösung folgerichtig ausgeschlossen — die geforderte Zuordnung nach Anforderung.

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