Der Lacklaborant Lernwerk

Alle Tafeln › Kapitel 7 · Wasserlacke und Elektrotauchlackierung

L-73

Primärdispersionen und Emulsionspolymerisation

Im Wasser polymerisiert — hohe Molmasse bei niedriger Viskosität

Prüfungsteil 2B 12 · A 10

KernaussageBei der Emulsionspolymerisation entstehen feine Polymerteilchen direkt im Wasser; die Dispersion bleibt dünnflüssig, obwohl die Molmasse sehr hoch ist.

Die Emulsionspolymerisation

Zutaten sind Monomere, ein Emulgator, ein Initiator und Wasser. Die Monomeren polymerisieren im Wasser zu feinen Polymerteilchen — es entsteht eine Primärdispersion (auch Latex genannt, siehe L-72). Der Festkörper solcher Dispersionen liegt oft bei etwa 40 bis 55 %. Primärdispersionen brauchen keine Neutralisation von Carboxylgruppen — die Stabilisierung erfolgt über adsorbierte Emulgatoren, nicht über eingebaute Säuregruppen. Viele Dispersionen enthalten dennoch etwas einpolymerisierte Acryl- oder Methacrylsäure; deren Carboxylgruppen an der Teilchenoberfläche werden mit Ammoniak auf pH 8–9 neutralisiert, was die Stabilität zusätzlich erhöht — daher der typische Ammoniakgeruch, zu dem auch Reste des häufig eingesetzten Initiators Ammoniumperoxodisulfat beitragen.

Emulgatoren und Schutzkolloide

Die feinen Teilchen müssen stabilisiert werden, sonst koagulieren sie. Das geschieht elektrostatisch durch anionische Emulgatoren (Tenside) und sterisch durch Schutzkolloide wie Polyvinylalkohol oder Celluloseether (siehe L-50, L-51). Emulgatorreste können später die Wasserfestigkeit des Films mindern; man hält ihren Anteil deshalb möglichst niedrig.

Ein- oder mehrstufig, Kern-Schale

Einstufig entstehen homogene Teilchen. Stufenweise lässt sich eine Kern-Schale-Morphologie aufbauen — etwa ein harter Kern mit weicher Schale. So verbindet man scheinbar gegensätzliche Eigenschaften wie Härte und gute Filmbildung in einem Teilchen. Die Morphologie steuert man über die Reihenfolge der Monomerzugabe.

Metastabil und koagulierbar

Primärdispersionen sind nur metastabil. Starke Scherung, Frost, mehrwertige Kationen (Salze) oder eine pH-Änderung können die Teilchen zur Koagulation bringen — dann fällt das Bindemittel unwiederbringlich aus. Deshalb sollten Dispersionen möglichst frostfrei gelagert werden; wie empfindlich eine Dispersion auf Frost reagiert, hängt vom konkreten System und von der Zahl der Frost-/Auftauzyklen ab.

Der große Vorteil

Die Viskosität einer Dispersion hängt nicht an der Molmasse des Polymers, sondern an Teilchengröße und -verteilung. Deshalb lassen sich sehr hohe Molmassen bei niedriger Viskosität erreichen — das ergibt harte, beständige Filme aus einem dünnflüssigen Lack. Das ist der Kernvorteil wässriger Primärdispersionen. Ein Styrol-Acrylat für Fassadenfarbe hat eine Molmasse von mehreren Millionen g/mol — dieselbe Polymermenge echt gelöst wäre ein unverarbeitbares Gel; als Dispersion bleibt sie spritzbar und gut verarbeitbar.

Merksatz

Emulsionspolymerisation baut das Polymer im Wasser auf. Emulgator und Schutzkolloid stabilisieren die metastabilen Teilchen. Hohe Molmasse trotz niedriger Viskosität ist der entscheidende Vorteil.

PrimärdispersionEmulsionspolymerisationLatexEmulgatorSchutzkolloidPolyvinylalkoholKern-Schale-MorphologiemetastabilKoagulationmehrwertige KationenMolmasseViskositätTensid
Quellen
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie

Übungsblatt Ü-73

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Was passiert bei der Emulsionspolymerisation, und wie werden die entstehenden Teilchen stabilisiert?

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AblaufAus Monomeren, Emulgator, Initiator und Wasser entstehen durch Polymerisation im Wasser feine Polymerteilchen — eine Primärdispersion (Latex).
Stabilisierung elektrostatischAnionische Emulgatoren (Tenside) laden die Teilchen auf, sodass sie sich abstoßen (siehe L-50).
Stabilisierung sterischSchutzkolloide wie Polyvinylalkohol oder Celluloseether bilden eine Schutzhülle (siehe L-51).
ZweckOhne Stabilisierung würden die Teilchen koagulieren.
Warum das eine Eins verdientDer Ablauf (Polymer im Wasser aufgebaut) und beide Stabilisierungsarten (elektrostatisch, sterisch) werden benannt — mit dem richtigen Zweck (Koagulation verhindern).
Berechnung9 Punkte

2. 20,0 kg einer Dispersion mit 45 % Festkörper sollen durch Zugabe von Wasser auf 40 % Festkörper verdünnt werden. Wie viel Wasser wird zugegeben?

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Schritt 1 — Festkörpermasse20,0 kg · 0,45 = 9,0 kg (der Festkörper bleibt beim Verdünnen gleich)
Schritt 2 — neue Gesamtmasse9,0 kg / 0,40 = 22,5 kg
Schritt 3 — Wasserzugabe22,5 kg − 20,0 kg = 2,5 kg
AntwortsatzEs werden 2,5 kg Wasser zugegeben.
Kontrolle9,0 kg / 22,5 kg = 0,40 = 40 % — die Zielvorgabe ist erfüllt.
Warum das eine Eins verdientDer Festkörper wird als konstant erkannt, die neue Gesamtmasse daraus bestimmt und die Wasserzugabe als Differenz berechnet. Die Gegenprobe bestätigt das Ergebnis.
Anwendung7 Punkte

3. Warum kann eine Dispersion sehr hohe Molmasse bei niedriger Viskosität haben, und was bedeutet „metastabil“ praktisch für die Lagerung?

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Molmasse und ViskositätDie Viskosität einer Dispersion hängt an Teilchengröße und -verteilung, nicht an der Molmasse des Polymers im Teilchen. Deshalb bleibt sie dünnflüssig, obwohl die Molmasse sehr hoch ist.
VorteilSo erhält man harte, beständige Filme aus einem gut verarbeitbaren, niedrigviskosen Lack.
Metastabil praktischDie Dispersion ist nur vorübergehend stabil: Frost, starke Scherung, mehrwertige Salze oder pH-Änderung können sie koagulieren lassen.
KonsequenzDeshalb frostfrei lagern, nicht überscheren und den pH-Wert im richtigen Bereich halten.
Warum das eine Eins verdientDer Zusammenhang (Viskosität an Teilchen, nicht an Molmasse) wird richtig erklärt und „metastabil“ in konkrete Lagerregeln (frostfrei, kein Überscheren) übersetzt.

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