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Alle Tafeln › Kapitel 7 · Wasserlacke und Elektrotauchlackierung

L-75

Wässrige Bindemittellösungen und Neutralisation

Carboxylgruppen mit Amin neutralisieren macht wasserlöslich

Prüfungsteil 2A 10 · B 12

KernaussageBindemittel mit Carboxylgruppen werden mit einem Amin neutralisiert; das gebildete Salz macht sie wasserlöslich — meist niedermolekular, für Einbrennlacke.

Wie ein Bindemittel wasserlöslich wird

Bindemittel mit Carboxylgruppen (–COOH) werden mit einem Amin neutralisiert. Es bildet sich ein Salz (–COO⁻), das hydrophil ist und das Bindemittel in Wasser löslich macht (siehe L-70, L-72). Weil die Säuregruppen dabei neutralisiert werden, ist die fertige Lösung nicht sauer, sondern leicht alkalisch (typisch pH 7,5 bis 9) — „Säure“ meint hier die eingebauten Säuregruppen, nicht den pH-Wert der Lösung. Auch Sulfonsäure- oder Phosphonsäuregruppen können diese Rolle übernehmen. Sulfonatgruppen sind permanent ionisiert und benötigen kein Neutralisationsmittel — sie stabilisieren pH-unabhängig; Einsatz z. B. in sulfonatmodifizierten PU-Dispersionen für UV-härtbare wässrige Systeme. Phosphonatgruppen haften chemisch an Metalloberflächen und werden deshalb in haftungsverbessernden Grundierungen auf Stahl ohne aufwändige Vorbehandlung eingesetzt. Beim Trocknen kann ein ausreichend flüchtiges Neutralisationsmittel teilweise oder weitgehend entweichen; zusammen mit Filmbildung und ggf. Vernetzung kann dadurch die Wasserbeständigkeit steigen.

Warum niedermolekular

Für eine echte molekulare Lösung in Wasser sind ausreichend wasserverträgliche bzw. ionisierbare Strukturen erforderlich; in der Praxis sind solche Bindemittel häufig relativ niedermolekular, denn höhermolekulare ließen sich nicht mehr lösen, sondern nur noch dispergieren. Deshalb sind es meist Einbrennlacke: Erst beim Einbrennen vernetzen sie mit einem Aminoharz (siehe L-31) zum hochmolekularen, beständigen Film.

Die Rolle der Säurezahl

Die Zahl der Carboxylgruppen — gemessen als Säurezahl (siehe L-08) — bestimmt, wie viel Amin für die Neutralisation nötig ist und wie gut sich das Bindemittel löst. Sie ist die Grundlage für die Berechnung der Aminmenge: Für die vollständige Neutralisation gilt m(Amin) = M(Amin) · Säurezahl · m(Bindemittel) / 56 100 (56 100 mg/mol ist die Molmasse von KOH in Milligramm). Je höher die Säurezahl, desto wasserlöslicher — aber desto wasserempfindlicher der Film.

Neutralisationsmittel: Amine

Eingesetzt werden Ammoniak, primäre Amine (z. B. AMP, 2-Amino-2-methyl-1-propanol), sekundäre (Morpholin, Diethanolamin) und tertiäre (Triethylamin/TEA, Dimethylethanolamin/DMEA). DMEA gehört neben AMP zu den am häufigsten eingesetzten Neutralisationsmitteln für wässrige Bindemittel. Die Wahl beeinflusst pH-Wert, Geruch und Filmeigenschaften. Ammoniak ist am flüchtigsten, Aminoalkohole bleiben etwas länger. Physiologisch sind alle eingesetzten Amine bei Hautkontakt oder Inhalation reizend bis schleimhautschädigend. Ammoniak verursacht starken Schleimhautreiz und ist geruchlich unangenehm. TEA (Triethylamin) kann bei Exposition ein Hornhautödem auslösen. DMEA und AMP (2-Amino-2-methyl-1-propanol) sind weniger flüchtig und haben ein günstigeres Arbeitsschutzprofil; verbindliche Grenzwerte stehen in der TRGS 900 und im Sicherheitsdatenblatt des konkreten Produkts — die früher gebräuchlichen MAK-Werte sind durch den Arbeitsplatzgrenzwert abgelöst (siehe L-172); AMP gilt als bevorzugtes Neutralisationsmittel in modernen Formulierungen. Morpholin und Diethanolamin stehen unter regulatorischem Druck wegen Nitrosaminpotenzials und werden zunehmend durch unbedenklichere Alternativen ersetzt. Schutzmaßnahmen: Absaugung, Chemikalienschutzhandschuhe, Schutzbrille.

Flüchtigkeit und Colösemittel

Das Amin soll flüchtig sein, damit es beim Trocknen oder Einbrennen entweicht und die Wasserfestigkeit nicht mindert. Colösemittel wie Butylglykol oder N-Methyl-2-pyrrolidon (NMP) verbessern Löslichkeit, Lagerstabilität und Filmbildung. NMP ist allerdings reproduktionstoxisch eingestuft und REACH-beschränkt (mit DNEL- und Risikomanagementanforderungen); es wird deshalb in modernen Formulierungen zunehmend durch weniger problematische Alternativen ersetzt.

Merksatz

Carboxylgruppe plus Amin ergibt ein wasserlösliches Salz — reversibel: Beim Trocknen bzw. Einbrennen entweicht das flüchtige Amin weitgehend — zusammen mit der Vernetzung wird der Film wasserfest. Die Säurezahl bestimmt die Aminmenge.

wässrige BindemittellösungNeutralisationCarboxylgruppeAminSalzbildungSäurezahlDMEADimethylethanolaminTriethylaminAMPMorpholinAmmoniakflüchtigColösemittelButylglykolNMP
Quellen
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie

Übungsblatt Ü-75

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Wie macht die Neutralisation ein Bindemittel wasserlöslich, und warum wird der Film beim Trocknen trotzdem wasserfest?

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Löslich machenDie Carboxylgruppen (–COOH) des Bindemittels werden mit einem Amin neutralisiert; es entsteht ein hydrophiles Salz (–COO⁻), das das Bindemittel in Wasser löst.
ReversibelDie Salzbildung ist umkehrbar.
Beim TrocknenDas flüchtige Amin entweicht; die Carboxylgruppen liegen wieder unneutralisiert vor, und der Film verliert seine Wasserlöslichkeit.
ErgebnisDer getrocknete bzw. eingebrannte Film ist wasserfest — andernfalls würde ihn Regen wieder anlösen.
Warum das eine Eins verdientDie Salzbildung als Löslichkeitsprinzip und ihre Umkehr beim Verdunsten des Amins werden erklärt — mit der richtigen Schlussfolgerung zur Wasserfestigkeit des Films.
Berechnung9 Punkte

2. Ein wasserverdünnbares Bindemittel hat eine Säurezahl von 50 mg KOH/g. 1000 g davon sollen vollständig mit Triethylamin (M ≈ 101 g/mol) neutralisiert werden. Wie viel Amin wird benötigt? (M(KOH) = 56,1 g/mol)

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Formelm(Amin) = M(Amin) · Säurezahl · m(Bindemittel) / 56 100
Einsetzenm(Amin) = 101 · 50 · 1000 / 56 100
Rechnung= 5 050 000 / 56 100 = 90,0 g
AntwortsatzFür die vollständige Neutralisation werden rund 90 g Triethylamin benötigt.
HinweisIn der Praxis neutralisiert man oft nur zu 70–90 %, nicht vollständig.
Warum das eine Eins verdientDie Neutralisationsformel wird korrekt mit Säurezahl und Aminmolmasse angewandt; der Praxishinweis auf die Teilneutralisation zeigt das Verständnis über das Rechnen hinaus.
Anwendung7 Punkte

3. Warum wählt man als Neutralisationsmittel ein flüchtiges Amin, und wozu setzt man zusätzlich ein Colösemittel wie Butylglykol ein?

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Flüchtiges AminEs soll beim Trocknen oder Einbrennen entweichen; bliebe es im Film, würde es die Wasserfestigkeit mindern (der Film bliebe wasserempfindlich).
BeispieleDMEA, Triethylamin, Ammoniak — für raumtemperaturtrocknende Systeme eher die flüchtigeren.
ColösemittelButylglykol oder NMP verbessern die Löslichkeit des Bindemittels, die Lagerstabilität und die Filmbildung.
ZusammenspielAmin und Colösemittel sorgen gemeinsam für ein stabiles, gut verarbeitbares wässriges System.
Warum das eine Eins verdientDie Flüchtigkeit des Amins wird über die Wasserfestigkeit begründet und die Rolle des Colösemittels (Löslichkeit, Stabilität, Filmbildung) korrekt ergänzt.

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