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L-91

Pulverlack-Applikation

Wirbelsintern und elektrostatisches Spritzen

Prüfungsteil 1B 9 · A 8.2

KernaussagePulver wird auf zwei Wegen aufgetragen: aufgewirbelt und auf dem heißen Teil aufgeschmolzen, oder elektrostatisch aufgeladen und aufgesprüht; beide Verfahren können einen hohen Materialnutzungsgrad ermöglichen, der tatsächlich erreichbare Nutzungsgrad hängt jedoch von Geometrie, Prozessführung und Rückgewinnung ab.

Zwei Verfahren

Für den trockenen Auftrag von Pulverlacken haben sich zwei Verfahren durchgesetzt: das ältere Wirbelsintern und das heute vorherrschende elektrostatische Spritzen. Beide vermeiden Lösemittelemission und können das Material — insbesondere mit Overspray-Rückgewinnung — sehr gut ausnutzen, unterscheiden sich aber in erreichbarer Schichtdicke und geeigneten Werkstücken.

Wirbelsintern

Im Tauchbecken liegt eine luftdurchlässige Metallfritte; ein Luftstrom wirbelt das Pulver zu einer Wirbelschicht auf, die wie eine siedende Flüssigkeit wirkt. Ein über seinen Schmelzbereich vorgeheiztes Werkstück wird eingetaucht; auftreffende Teilchen schmelzen und bauen eine Schicht auf. Dicke und Qualität hängen von Temperatur und Wärmekapazität des Teils, vom Schmelzbereich, der Teilchengröße und der Eintauchzeit ab. Man erreicht 200 bis 600 µm, aber nur auf temperaturbeständigen, größenbegrenzten Teilen — fast ausschließlich Metall.

Elektrostatisches Spritzen

Hier wird das Pulver in einem geschlossenen Behälter mit Druckluft fluidisiert; das Aerosol strömt über Rohre zur Pistole, wird dort elektrisch aufgeladen und versprüht. Das Werkstück ist leitfähig und geerdet — die geladenen Teilchen folgen dem Feld, schlagen sich nieder, entladen sich langsam und haften. Typisch sind Schichtdicken von 40 bis 120 µm.

Korona und Tribo

  • Koronaaufladung — Die Pistole liegt auf 50–100 kV Gleichspannung; an der Nadelspitze ionisiert das elektrische Feld die Luft und erzeugt negative Ionen (negative Korona ist der Standardfall). Pulverteilchen fliegen durch diese Ionenwolke, nehmen Ionen auf und laden sich negativ auf; die geladenen Teilchen folgen den Feldlinien zum geerdeten Werkstück und haften dort. Faraday-Käfig-Effekt: In Hohlräumen und Ecken dringen die Feldlinien nicht ein — diese Stellen werden schlecht oder gar nicht beschichtet. Rückionisation (Back-Ionisation): Wird der Pulverfilm zu dick oder die Spannung zu hoch, baut sich eine Gegenspannung auf → Durchschlag → kraterartige Oberflächendefekte.
  • Triboaufladung — Keine Hochspannung. Das Pulver reibt an Kunststoffrohren (z. B. PTFE) in der Pistole, gibt dabei Elektronen ab und lädt sich positiv auf (Triboelektrizität). Vorteil: kein externes Feld — deshalb kein Faraday-Käfig-Effekt; Hohlräume und Kanten werden gleichmäßiger beschichtet. Nachteil: Ladung schwerer zu kontrollieren, empfindlich auf Formulierung, Additivierung und Luftfeuchte.

Messen und Steuern der Ladung

Das Standardmessgerät für Pulverladung ist der Faraday-Becher (Faraday Cup): eine metallische, elektrisch abgeschirmte Kammer, in die eine bekannte Pulvermenge gegeben wird. Ein angeschlossenes Elektrometer misst die Gesamtladung Q; daraus ergibt sich die spezifische Ladung q/m in µC/g. Typischer Arbeitsbereich: 0,5–3 µC/g (die physikalische Obergrenze nach Pauthenier liegt für 40 µm Korngröße bei rund 5 µC/g) — zu niedrige Ladung bedeutet schlechte Haftung und hohen Overspray; zu hohe führt zu elektrostatischer Abstoßung (Rückstoß) und ungleichmäßigem Auftrag.

Oberflächenpotenzial-Messgeräte messen das elektrische Potenzial auf dem noch nicht eingebrannten Pulverfilm direkt am Werkstück und zeigen an, ob die Schicht gleichmäßig aufgeladen und ausreichend dick ist.

Steuerparameter bei Korona: Spannung (50–100 kV), Pistolen-Werkstück-Abstand, Luftdurchsatz und Pulverdurchsatz. Steuerparameter bei Tribo: Reibweg (Rohrinnenwand, meist PTFE), Additivierung des Pulvers (Al₂O₃, aminosilanmodifizierte SiO₂) und Luftfeuchte.

Auftragswirkungsgrad und Recycling

Der primäre Auftragswirkungsgrad kann bei Pulverlacken geringer sein als bei bestimmten Nasslack-Applikationen, weil Hohlräume als Faraday-Käfige schwer zu erreichen sind; die Höhe hängt stark von Anlage, Geometrie und Prozessführung ab. Durch Rückgewinnung und Wiedereinsatz des Oversprays kann der Gesamtnutzungsgrad deutlich steigen. Nachteilig ist der hohe Reinigungsaufwand beim Farbwechsel, da sich Kontaminationen kaum entfernen lassen.

Merksatz

Wirbelsintern heizt das Teil, elektrostatisches Spritzen lädt das Pulver. Beide können einen hohen Materialnutzungsgrad erreichen — der recycelbare Overspray macht den Pulverlack besonders wirtschaftlich; der tatsächliche Nutzungsgrad hängt von Anlage, Geometrie und Prozessführung ab.

PulverlackApplikationWirbelsinternelektrostatisches SpritzenKoronaaufladungTriboaufladungFaraday-KäfigOversprayAuftragswirkungsgradRecyclingSchichtdickeFarbwechsel
Quellen
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur

Übungsblatt Ü-91

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Vergleichen Sie Wirbelsintern und elektrostatisches Spritzen hinsichtlich Prinzip, erreichbarer Schichtdicke und geeigneten Werkstücken.

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Wirbelsintern — PrinzipDas Pulver wird über eine Metallfritte zu einer Wirbelschicht aufgewirbelt; ein über den Schmelzbereich vorgeheiztes Teil wird eingetaucht, auftreffende Teilchen schmelzen zu einer Schicht.
Elektrostatisches Spritzen — PrinzipDas fluidisierte Pulver wird an der Pistole elektrisch aufgeladen und auf das geerdete, leitfähige Werkstück gesprüht, an dem es haftet.
SchichtdickeWirbelsintern liefert dicke Schichten von 200 bis 600 µm, elektrostatisches Spritzen dünnere von 40 bis 120 µm.
WerkstückeWirbelsintern eignet sich nur für temperaturbeständige, größenbegrenzte Teile (fast nur Metall); elektrostatisches Spritzen ist flexibler und heute das vorherrschende Verfahren.
Warum das eine Eins verdientBeide Verfahren werden entlang derselben drei Kriterien gegenübergestellt; die Zahlenbereiche der Schichtdicken werden korrekt zugeordnet.
Berechnung9 Punkte

2. Beim elektrostatischen Spritzen landen von 100 kg versprühtem Pulver zunächst 60 kg direkt auf dem Werkstück. 90 % des Oversprays werden zurückgewonnen und erneut eingesetzt. Berechnen Sie den effektiven Materialnutzungsgrad und den Verlust.

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GegebenEinsatz 100 kg; primär auf dem Teil 60 kg; Rückgewinnung 90 % des Oversprays
OversprayOverspray = 100 kg − 60 kg = 40 kg
Zurückgewonnen0,90 · 40 kg = 36 kg werden wieder genutzt, 10 % gehen verloren
Effektiv genutzt60 kg + 36 kg = 96 kg von 100 kg → Materialnutzungsgrad 96 %
VerlustVerlust = 100 kg − 96 kg = 4 kg, also 4 %.
Warum das eine Eins verdientDer primäre Auftrag und das Recycling werden sauber getrennt; das Ergebnis von 96 % zeigt anschaulich, warum der Gesamtnutzungsgrad trotz mäßigem Primärauftrag hoch ausfällt.
Anwendung7 Punkte

3. Bei der elektrostatischen Pulverbeschichtung eines Werkstücks mit tiefen Vertiefungen bleibt die Schicht in den Ecken zu dünn. Erklären Sie die Ursache und nennen Sie eine Abhilfe.

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UrsacheIn Vertiefungen bilden sich Faraday-Käfige: Die Feldlinien erreichen die Innenflächen kaum, sodass sich dort nur wenig geladenes Pulver abscheidet.
AbhilfeAuf Triboaufladung umstellen — die reibungselektrisch geladenen Teilchen sind weniger feldabhängig und dringen besser in Hohlräume ein.
ErgänzungZusätzlich helfen angepasste Pistolenführung, Ladungs- und Luftmengeneinstellung sowie eine geeignete Teilegeometrie.
Warum das eine Eins verdientDie Antwort benennt den Faraday-Käfig-Effekt korrekt und wählt mit der Triboaufladung genau die Aufladeart, die den Hohlraum besser erreicht.

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