Alle Tafeln › Kapitel 9 · Anwendungen: Objektlackierung
L-99
Korrosionsschutzsysteme
Schutzmechanismen, Korrosivitätskategorien und Systemaufbau
WahlqualifikationB 8
Warum Korrosionsschutz Systemsache ist
Stahl rostet, wo Wasser, Sauerstoff und ein Elektrolyt gleichzeitig auf die Metalloberfläche wirken. Eine Beschichtung unterbricht diesen Zusammenhang. Zuverlässig gelingt das aber nur, wenn Untergrundvorbereitung, Grundierung und Deckschicht zusammenpassen — eine einzelne, noch so gute Schicht ersetzt kein abgestimmtes System.
Die drei Schutzmechanismen
- Barrierewirkung — die Beschichtung hält Wasser, Sauerstoff und Ionen vom Metall fern. Lamellare Pigmente wie Eisenglimmer verlängern den Diffusionsweg und verstärken die Sperre.
- Aktiver (inhibierender) Schutz — Rostschutzpigmente wie Zinkphosphat geben passivierende Ionen ab, die die Stahloberfläche elektrochemisch beruhigen.
- Kathodischer Schutz — zinkstaubreiche Grundierungen enthalten so viel Zink, dass es leitenden Kontakt zum Stahl hat. Das unedlere Zink löst sich bevorzugt auf und schützt den Stahl als Opferanode.
Korrosivitätskategorien
Die Belastung eines Bauteils wird in Kategorien eingeteilt — von C1 (innen, trocken, geheizt) über C3 (Stadt- und Industrieluft) und C4 (Chemieanlagen, Schwimmbäder) bis C5 und CX (Meeresatmosphäre, Offshore). Mit steigender Korrosivitätsbelastung und geforderter Schutzdauer steigen im Allgemeinen die Anforderungen an das Beschichtungssystem; Schichtdicke und Systemaufbau werden nach dem Anforderungsprofil festgelegt. Die Kategorie ist der Ausgangspunkt jedes Anforderungsprofils. Die geforderte Schutzdauer wird nach DIN EN ISO 12944 in vier Stufen angegeben: niedrig (bis 7 Jahre), mittel (7–15), hoch (15–25) und sehr hoch (über 25 Jahre, seit der Fassung 2017 ergänzt) — ein Planungswert bis zur ersten größeren Instandsetzung, keine Gewährleistungsfrist.
Untergrundvorbereitung entscheidet
Für einen dauerhaften Korrosionsschutz ist eine geeignete Untergrundvorbereitung erforderlich; Rost, Zunder und Verunreinigungen müssen entsprechend dem vorgesehenen System entfernt bzw. behandelt werden. Stahl wird gestrahlt; der erreichte Reinheitsgrad heißt Entrostungsgrad (Sa 2, Sa 2½, Sa 3 beim Strahlen, St 2/St 3 bei Handentrostung). Höhere Kategorien verlangen höhere Entrostungsgrade. Das Strahlen erzeugt zugleich eine Rauheit, die die Grundierung verankert und so die Haftung sichert (siehe L-64; zur Benetzung L-12).
Systemaufbau und Duplexsystem
Ein Schutzsystem ist mehrlagig: die Grundbeschichtung sorgt für Haftung und aktiven oder kathodischen Schutz, die Zwischenbeschichtung für Schichtdicke und Barriere, die Deckbeschichtung für Wetter-, Chemikalien- und UV-Beständigkeit sowie Farbe. Wird auf feuerverzinkten Stahl beschichtet, entsteht ein Duplexsystem: Zinküberzug und Beschichtung schützen gemeinsam und verlängern die Schutzdauer überproportional. Auf Zink ist gute Haftung eigens sicherzustellen (Anschleifen oder Sweep-Strahlen, geeignete Grundierung). Für die Materialplanung gilt: Theoretische Ergiebigkeit A (m²/l) = 10 · Volumenfestkörper (%) / Trockenschichtdicke (µm); theoretischer Bedarf = Fläche / A, tatsächlicher Bedarf = theoretischer Bedarf / Auftragswirkungsgrad.
Wie ein System für eine Kategorie geprüft wird
Die Korrosivitätskategorie wird nach den in DIN EN ISO 9223 beschriebenen atmosphärischen Korrosionsbedingungen bzw. Korrosionsraten eingeordnet; die konkrete Bestimmung folgt der Norm. Ob ein Beschichtungssystem eine Kategorie und Schutzdauer erreicht, wird dagegen im Labor nachgewiesen: nach DIN EN ISO 12944-6 (Kategorien C2–C5 und Im1–Im3) beziehungsweise Teil 9 (CX und Offshore). Geprüft wird mit Salzsprühnebel (DIN EN ISO 9227), Kondenswasser-Konstantklima (DIN EN ISO 6270) und UV-Bewitterung, bei hohen Kategorien und Offshore zusätzlich mit zyklischen Prüfungen, die den Praxiswechsel aus Nässe, Salz und Trocknung besser abbilden. Die Prüfdauer steigt mit Kategorie und Schutzdauer (Offshore-Systeme etwa 4200 Stunden Zyklustest). Bewertet werden anschließend Blasen, Rost, Rissbildung und Abblättern (DIN EN ISO 4628) sowie die Unterwanderung an einem eingebrachten Ritz.
Andere Regelwerke — Bahn, Straße, Auto, Luftfahrt
DIN EN ISO 12944 ist der allgemeine Standard; einzelne Branchen haben eigene, oft strengere Vorschriften:
- Straßen- und Eisenbahnbrücken (auch der Deutschen Bahn): ZTV-ING Teil 4 Abschnitt 3 mit den TL/TP-KOR-Stahlbauten (herausgegeben von der BASt); sie fordern für sehr lange Schutzdauer schärfere Nachweise als die ISO 12944. Für ihre Stahlbrücken regelt die DB den Korrosionsschutz über die Ril 804 in Verbindung mit ISO 12944 bzw. TL/TP-KOR-Stahlbauten; der DBS 918 084 (früher „Blatt 84“ der TL/TP-KOR-Stahlbauten, seit 2015 eigener Standard) betrifft speziell die Beschichtung von Schottertrögen und schotterberührten Stahlflächen, der DBS 918 300 (Nachfolger der TL 918 300) die Beschichtungsstoffe für Schienenfahrzeuge — beides sind Stoffstandards und nicht das gesamte Korrosionsschutz-Regelwerk der DB, siehe L-57.
- Automobilbau: zyklische Korrosionsprüfung nach VDA 233-102 (Nachfolger der VDA 621-415).
- Luftfahrt: militärische und herstellereigene Spezifikationen wie MIL-PRF-23377 (Epoxid-Primer) und MIL-PRF-85285 (PUR-Decklack) sowie Airbus- (AIMS) und Boeing-Normen (BMS), zunehmend chromatfrei.
- Bundeswehr/Wehrtechnik: eigene Technische Lieferbedingungen (TL) und VG-Normen.
- Offshore zusätzlich: NORSOK M-501.
Merksatz
Erst das Anforderungsprofil aus Korrosivitätskategorie, Schutzdauer und Untergrund — dann die Auswahl von Vorbereitung, Schutzmechanismus und Schichtaufbau. Der Schutz ist immer nur so gut wie seine schwächste Stelle im System.
- Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
- DIN EN ISO 12944
- DIN EN ISO 9227
- DIN EN ISO 4628
- ZTV-ING Teil 4 Abschnitt 3
- DIN EN ISO 6270
- DIN EN ISO 9223
Übungsblatt Ü-99
Prüfen, ob es sitzt.
1. Nennen Sie die drei Schutzmechanismen einer Korrosionsschutzbeschichtung und erläutern Sie jeden an einem Beispielpigment.
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2. Eine Stahlfläche von 480 m² erhält ein Zweischichtsystem: Grundbeschichtung 60 µm Trockenschichtdicke bei 60 % Volumenfestkörper, Deckbeschichtung 100 µm bei 50 % Volumenfestkörper. Der Auftragswirkungsgrad beträgt jeweils 50 %. Berechnen Sie den tatsächlichen Materialbedarf beider Schichten und die Summe.
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3. Ein feuerverzinktes Stahlgeländer soll zusätzlich farbig beschichtet werden. Begründen Sie, warum ein Duplexsystem sinnvoll ist, und nennen Sie die wichtigste Voraussetzung für dauerhafte Haftung auf Zink.