Alle Tafeln › Kapitel 9 · Anwendungen: Objektlackierung
L-112
Füller (Füllprimer)
Zwischenschicht mit Füllen, Schleifen und Haftung — für Industrie, Fahrzeug und Refinish
Prüfungsteil 1A 9
Was ein Füller ist — fünf Aufgaben gleichzeitig
Die fünf Aufgaben im Einzelnen:
1. Füllen: Unebenheiten bis 20–80 µm ausgleichen, Porosität des Untergrunds schließen.
2. Schleifbarkeit: spezifische Kornstruktur durch Talkum und Bariumsulfat — das Schleifpapier soll nicht zusetzen, die Fläche soll glatt und eben werden.
3. Zwischenschichthaftung: der Füller muss auf dem Untergrund (Grundierung, KTL, blankes Metall) haften und selbst dem Decklack oder Basislack Haftung bieten.
4. Korrosionsschutz: Barrierepigmente oder Passivierungspigmente, Porenverschluss.
5. Wegschlagverhinderung: ausreichend Bindemittel, damit der aufgebrachte Decklack nicht in den Füller 'wegschlägt' und matt wird.
Ein Füllprimer (Primer-Surfacer) vereint Grundierung und Füller in einem Produkt — spart eine Schicht, wenn Untergrundanforderungen nicht zu hoch sind.
Anwendungen: Automobilserie (L-113), Fahrzeugreparatur (L-116), Industrielackierung (Maschinen, Landmaschinen, Stahlbau), Möbel und Holzwerkstoff.
Modernes System nach Anwendung
Der Alkyd-Melamin-Einbrennfüller ist historisch; heute je nach Anwendung:
• Industrie-Einbrennfüller (Metallmöbel, Landmaschinen): gesättigter Polyester-Melamin-Einbrennlack (140–160 °C); PVK ≈ 20–35 Vol.-% (Einbrennfüller typisch 20–30), Talkum und Bariumsulfat als Schleiffüllstoffe, kein BPA.
• OEM-Automobil: wasserbasierter Polyester oder PU-Dispersion + Melaminharz, wässrig (L-113).
• Reparaturfüller (Refinish): 2K-PUR, lösemittelhaltig oder High-Solid; Raumtemperatur oder forciert 60 °C (L-116).
• Korrosionsschutz-Füllprimer Industrie: 2K-EP-Füllprimer (EP-Harz + Polyaminhärter) — sehr gute Haftung und Korrosionsschutz auf blankem Stahl.
Gemeinsam bei allen: höhere PVK als der Decklack (etwa 20–35 Vol.-% gegen 13–20 Vol.-%) und Talkum als Schleiffüllstoff. Die Schichtdicke liegt je nach System unter oder über der Decklackdicke (Werte siehe Applikation und Schichtdicken).
Untergrundvorbehandlung — Querverweis
Die Vorbehandlung des Metalluntergrunds (Phosphatierung, chromfreie Konversionsschicht) ist ein eigenes Thema und Voraussetzung für die Haftung des Füllers — aber nicht Teil des Füllers selbst. Zu den Vorbehandlungsverfahren → L-64 (Untergründe und ihre Vorbehandlung). Die früher übliche Chromatierung von Zink und Aluminium nutzte Chrom(VI)-Salze; Chrom(VI) ist krebserzeugend, deshalb werden heute chromfreie Konversionsverfahren auf Titan-, Zirkon- oder Silanbasis eingesetzt. Stahl wird vor der KTL nach wie vor zinkphosphatiert (siehe L-64). Nicht zu verwechseln mit Zinkphosphat als Korrosionsschutzpigment im Lackfilm (L-41).
Objekttemperatur und Vernetzung
Maßgeblich für die Vernetzung ist die Objekttemperatur (OT), also die tatsächliche Temperatur des Werkstücks. Sie liegt unter der Ofentemperatur, weil das Werkstück langsamer aufheizt. Überbrennen (zu lange/heiß) macht den Film hart und spröde; Unterbrennen (zu kurz/kühl) ergibt Untervernetzung und damit schlechtere Beständigkeit.
Applikation und Schichtdicken
Spritzapplikation: Druckluft (HVLP), Airless oder elektrostatisch. Typische Verarbeitungsviskositäten: 20–35 s DIN-Becher 4 mm/20 °C spritzfertig.
Schichtdicken:
• Einbrennfüller (Industrie, OEM): 20–40 µm TF
• Reparaturfüller (Refinish, 2K-PUR): 30–80 µm TF
Einbrennbedingungen Industrie-Einbrennfüller: 140–160 °C Objekttemperatur (OT), 20–30 min; OEM-Automobilfüller: 160–170 °C OT, 20–25 min (siehe L-113); Reparaturfüller 2K-PUR: forciert 40–60 °C/30 min oder Raumtemperatur.
Schleifbarkeit
Ein Füller muss sich gut schleifen lassen; Talkum verbessert Schleifbarkeit und Haftung. Geprüft wird mit definiertem Schleifpapier und Anpressdruck, ob das Papier zusetzt und wie die Schleiffläche aussieht.
PVK berechnen — Formel und kritische PVK (KPVK)
Vertiefung — über dem Prüfungsstoff
Die Pigment-Volumen-Konzentration (PVK) gibt den Raumanteil von Pigmenten und Füllstoffen im trockenen Film an:
PVK [Vol.-%] = (V_P + V_F) / (V_P + V_F + V_Bm) × 100
V_P = Volumen Pigment, V_F = Volumen Füllstoff, V_Bm = Volumen nicht flüchtiges Bindemittel.
Volumina aus: Masse ÷ Dichte (Dichten aus TDS; Orientierungswerte: TiO₂ Rutil ≈ 4,1 g/cm³, Talkum ≈ 2,8 g/cm³, Schwerspat/Bariumsulfat ≈ 4,4 g/cm³, Bindemittel ≈ 1,1–1,3 g/cm³).
Kritische PVK (KPVK) — Näherung aus Ölzahl (OZ, g Öl / 100 g Pigment):
KPVK ≈ 100 / (1 + ρ_P × OZ / (ρ_Öl × 100))
Unterhalb KPVK: alle Poren mit Bindemittel gefüllt → glänzend, dicht, gute Schutzwirkung.
Oberhalb KPVK: Bindemittelmangel → matt, porös, schlechte Korrosionsbeständigkeit.
Richtwerte (Einbrennlacke nach Müller/Poth):
Einbrennfüller: PVK ≈ 20–30 Vol.-%
Einbrenndecklack: PVK ≈ 13–20 Vol.-%
Quelle: Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur, Teil I Kap. 3.
Richtwerte Pigmentierungshöhen (P/B-Verhältnis)
Das Pigment-Bindemittel-Verhältnis (P/B) gibt die Einwaagemengen von Pigmenten und Füllstoffen (Pigmentgemisch) im Verhältnis zum nichtflüchtigen Bindemittelanteil (nfA) an. Richtwerte nach Müller/Poth (Tab. I-3.7):
Grundanstrich: P/B = (2–4) : 1 — hoher Füllstoffanteil für Haftung und Porenabdichtung
Zwischenanstrich: P/B = (1,5–2,5) : 1 — ausgewogen, Fülle und Zwischenschichthaftung
Deckanstrich: P/B = (0,1–1) : 1 — wenig Füllstoff für Glanz und Deckvermögen
Führt ein hohes P/B — nach Umrechnung über die Dichten — zu einer PVK oberhalb der KPVK, entstehen Porosität, Mattheit und geringe Kohäsion; ein zu niedriges P/B erhöht die Rohstoffkosten unnötig (Umrechnung siehe L-55).
Quelle: Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur, Tab. I-3.7.
Einbrenndecklack weiß — Rezeptur mit Produktnamen (Alkyd/Melamin)
Fertigungsrezeptur eines lösemittelhaltigen Einbrenndecklacks weiß nach Müller/Poth (Tab. II-2.4); PVK = 20 Vol.-%, Ansatzviskosität 70 s DIN 4/20 °C, mit Isobutanol auf Spritzviskosität 20–35 s DIN 4 einzustellen; Einbrennen 30 min / 135 °C; Schichtdicke 45 µm; hochglänzend, flexibel, wetterbeständig: Dispergieransatz Gew.-% Setal 84 (70 % SN, allnex) 16,60 (kurzöliger Alkyd) Kronos 2310 (Kronos Intl.) 30,50 (TiO₂ Rutil) Disperbyk 163 45 % (Byk) 1,20 (Dispergiermittel) Arom. KW (Sdb. 158–170 °C) 2,50 Auflacken Gew.-% Setal 84 (70 % SN) 20,37 Luwipal 072 (75 % IB, BASF) 11,49 (Melamin-Imino-Typ, 135 °C-Vernetzer) Baysilon OL 55 (5 % SN, Borchers) 1,00 (Verlaufmittel) Arom. KW (158–170 °C) 3,84 Solvesso 150 5,00 Isobutanol 5,13 2-Ethylhexanol (BASF) 2,50 Summe 100,13 (≈ 100,0) nfA ≈ 65,6 %; Lösemittelanteil ≈ 34,4 %. Quelle: Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur, Tab. II-2.4.
Merksatz
Füller = 5 Aufgaben: Füllen, Schleifbarkeit, Haftung, Korrosionsschutz, Wegschlagverhinderung. Heute: Polyester-Melamin (Einbrennen), 2K-PUR (Reparatur), 2K-EP (Korrosionsschutz-Primer). Talkum ist der entscheidende Schleiffüllstoff. Applikation: 20–35 s DIN 4; Schichtdicke 20–80 µm je System.
- Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
- Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
Übungsblatt Ü-112
Prüfen, ob es sitzt.
1. Welche Aufgaben hat ein Füller, und wodurch unterscheidet sich ein Füllprimer?
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2. Ein Füller hat ein Pigment-Bindemittel-Verhältnis von 1:1. Wie viel Pigment und Füllstoff enthält er bei 600 g Festkörper?
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3. Warum wird die Chromatierung zur Metallvorbehandlung nicht mehr eingesetzt, und was verwendet man stattdessen?