Alle Tafeln › Kapitel 9 · Anwendungen: Objektlackierung
L-122
Säurehärtende Lacke (SH-Lacke)
Der Klassiker der Holz- und Möbelfinishlackierung — säurekatalysiert bei Raumtemperatur
WahlqualifikationB 5 · B 1
Etabliertes System im Holzfinish
Klassische säurehärtende Lacke werden als Stammlack mit saurer Härterkomponente formuliert; konkrete Systeme und Handelsformen variieren je Hersteller. Sie überzeugen durch sehr gute Chemikalien- und mechanische Beständigkeit und erfüllen die Anforderungen an Möbeloberflächen (siehe L-123). Anders als Melamin-Einbrennlacke (siehe L-32), die dieselbe Chemie erst bei hoher Temperatur nutzen, härten sie bei Raumtemperatur — das macht sie zur bevorzugten Wahl überall dort, wo keine Öfen möglich sind.
Aufbau und Vernetzung
Filmbildner sind hydroxylgruppenhaltige Polyester, Polyether oder wässrige Acrylatdispersionen; ihr Reaktionspartner ist ein Aminoharz — klassisch ein Harnstoffharz, häufig auch ein Melaminharz. Beim Härten vernetzen die Hydroxylgruppen des Filmbildners mit den Methylol- beziehungsweise Methoxymethylgruppen des Aminoharzes in einer säurekatalysierten Polykondensation. Veretherte Methylolgruppen reagieren dabei typischerweise unter Abspaltung von Methanol; freie Methylolgruppen können stattdessen unter Wasserabspaltung kondensieren — welcher Weg überwiegt, hängt vom Aminoharz und der Formulierung ab. Das jeweilige Abspaltprodukt muss aus dem Film entweichen können.
Der saure Härter
Als Katalysator dient eine starke Säure, meist para-Toluolsulfonsäure (p-TSA). Der Mechanismus: Die p-TSA protoniert die Methylolgruppen (–CH₂–OH) bzw. Methoxymethylgruppen (–CH₂–OCH₃) des Aminoharzes. Dadurch entsteht eine aktivierte Abgangsgruppe (–OH₂⁺ bzw. –OCH₃H⁺), die leicht abgespalten wird — das Kohlenstoffatom wird elektrophil und reagiert mit einer OH-Gruppe des Filmbildners. Ohne Säure ist das Aminoharz bei Raumtemperatur stabil; erst die Protonenquelle senkt die Aktivierungsenergie so weit, dass die Kondensation bei RT abläuft. Deshalb hat der angesetzte Lack eine begrenzte Topfzeit — nach dem Mischen läuft die Vernetzung unaufhaltsam ab. Das Mischungsverhältnis Stammlack zu Härter wird vom konkreten Bindemittel-/Aminoharzsystem und der Säurekonzentration vorgegeben; typische Produkte besitzen definierte Herstellerangaben.
Formaldehyd — das Kernthema
Bei der Kondensation kann Formaldehyd frei werden — ein Stoff, der nach CLP als akut giftig auch beim Einatmen (H331), hautätzend (H314), hautsensibilisierend (H317), vermutlich keimzellmutagen (Kat. 2, H341) und krebserzeugend (Kat. 1B, H350) eingestuft ist; der Arbeitsplatzgrenzwert nach TRGS 900 beträgt 0,3 ml/m³ (0,37 mg/m³) mit Überschreitungsfaktor 2. Deshalb sind Exposition am Arbeitsplatz und Abgabe aus dem fertigen Bauteil streng geregelt. Um die Emission zu senken, setzt man Fänger zu — Verbindungen mit freien Aminogruppen (–NH₂): Harnstoff und Melamin durch ihre Amino-Substituenten, Kasein (ein Milchprotein) über Lysin-Seitenketten. Diese –NH₂-Gruppen reagieren mit freiem Formaldehyd (HCHO) in einer Additionsreaktion: R–NH₂ + HCHO → R–NH–CH₂OH (N-Methylolverbindung, chemisch ein Halbaminal). Die Methylolverbindung kann weiter zur Methylenbrücke kondensieren. Das Formaldehyd ist damit chemisch gebunden; die Gleichgewichtslage liegt unter Normalbedingungen weit auf der Produktseite. Die Bindung ist jedoch reversibel: Wärme, Feuchte und der im Film verbleibende saure Katalysator können Formaldehyd über Monate wieder freisetzen — Fänger senken die Emission, sie beenden sie nicht. Harnstoff ist am günstigsten und weit verbreitet; Melamin reagiert vollständiger; Kasein (teuer) wird in sensiblen Anwendungen wie Kinderspielzeug und Innenräumen eingesetzt. Die zulässige Formaldehydabgabe von Holzwerkstoffen ist in Deutschland über die Chemikalien-Verbotsverordnung geregelt: Seit dem 1. Januar 2020 gilt als Referenzverfahren die Prüfkammermessung nach DIN EN 16516 mit einem Grenzwert von 0,1 ppm (124 µg/m³). Das ältere Gasanalyse-Verfahren nach DIN EN ISO 12460-3 (vormals EN 717-2, Richtwert rund 3,5 mg je Stunde und Quadratmeter) ist ein abgeleitetes Verfahren und dient nur noch der werkseigenen Produktionskontrolle. Das Formaldehyd-Management ist der kritische Punkt jeder SH-Rezeptur.
Wässrige SH-Lacke und Einordnung
Seit den 1970er-Jahren gibt es wässrige SH-Lacke; wässrige SH-Systeme sind in Europa etabliert und können den Lösemittelanteil deutlich reduzieren; Marktanteile sind abhängig von Anwendung und Region. Insgesamt bieten SH-Lacke ein sehr hohes Beständigkeitsniveau bei niedrigen Kosten; ihre Nachteile sind die Formaldehydthematik und — bei lösemittelhaltigen Typen — der VOC-Gehalt (siehe L-168).
Applikation und Schichtdicken
Verarbeitungstemperatur 18–23 °C, Luftfeuchte über etwa 40 % r. F. — beides sind systemspezifische Praxiswerte. Maßgeblich sind Bindemittelsystem, Katalysator, Rezeptur und die Herstellerangaben; sehr trockene Raumluft kann die Härtung und die Filmbildung ungünstig beeinflussen. Lösemittelhaltig: Druckluftspritzung DIN 4, Auslaufzeit 20–30 s; 60–80 µm Nassfilm je Lage; 2–3 Lagen; Gesamttrockenschichtdicke etwa 50–90 µm bei 30–40 % Festkörper; Topfzeit je nach System 4–8 h. Wässrige Systeme: HVLP- oder Druckluftpistole, ähnliche Nassfilmdicken, aber längere Ablüftzeiten zwischen den Lagen (Wasser muss entweichen). Schliff: Zwischenschliff zwischen den Lagen P220–P280, Feinschliff der letzten Lage P320–P400. Soll auf Hochglanz poliert werden, wird die ausgehärtete Oberfläche vorher stufenweise nass bis P1000–P3000 geschliffen und erst dann poliert.
Merksatz
SH-Lack = hydroxylhaltiger Filmbildner plus Aminoharz (Harnstoff-/Melaminharz), bei Raumtemperatur mit Säure vernetzt (Kondensation; je nach Aminoharz werden Methanol und/oder Wasser frei). Seit Jahrzehnten etabliert im Holzfinish — mit dem Formaldehyd-Management als Kernaufgabe.
- Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
- Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
- DIN EN ISO 12460-3
- DIN EN 16516
Übungsblatt Ü-122
Prüfen, ob es sitzt.
1. Beschreiben Sie Aufbau und Vernetzung eines säurehärtenden Lacks und erklären Sie, warum der angesetzte Lack nur eine begrenzte Topfzeit hat.
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2. Ein SH-Stammlack wird mit 8 % Härter, bezogen auf die Stammlackmenge, angesetzt. Berechnen Sie die Härtermenge und die Gesamtmasse für 2,5 kg Stammlack.
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3. Eine Möbelwerkstatt klagt bei einem lösemittelhaltigen SH-Lack über die Formaldehydemission der fertigen Oberflächen. Erklären Sie die Ursache und nennen Sie zwei Ansätze zur Abhilfe.