Alle Tafeln › Kapitel 12 · Prüf- und Messtechnik
L-153
Verlauf, Ablaufneigung und Trocknung — Prüfung
Erscheinungsbild und Trocknungsverlauf nach dem Auftrag
Prüfungsteil 1A 7.1
Verlauf
Verlauf ist die Fähigkeit des noch flüssigen Films, Unebenheiten wie Pinselstriche oder Spritzstruktur selbsttätig auszugleichen. Geprüft wird z. B. mit einem Verlaufprüfrakel, das Streifen unterschiedlicher Nassschichtdicke nebeneinander zieht; man beurteilt, ab welcher Nassschichtdicke die Streifen zu einer glatten, geschlossenen Fläche zusammenfließen.
Ablaufneigung
An senkrechten Flächen können Läufer, Gardinen und Nasen entstehen (Ablaufen, „sagging“). Ein Ablauf-Prüfrakel trägt Streifen zunehmender Dicke auf; die Platte wird senkrecht gestellt, und man liest ab, ab welcher Schichtdicke die Läufer auftreten. Guter Verlauf und geringe Ablaufneigung stellen häufig einen rheologischen Zielkonflikt dar — die Rheologie (Strukturviskosität/Thixotropie) muss beides ausbalancieren.
Trockenzeit und Trockengrad
Der Trockengrad (DIN EN ISO 9117-5, abgewandeltes Bandow-Wolff-Verfahren) beschreibt Stufen von staubtrocken über grifffest bis durchgetrocknet. Ein Trockenzeit-Rekorder nach DIN EN ISO 9117-4 (halbkugelig abgerundete Nadeln, die ein langsam laufender Schlitten über feststehende Glasstreifen zieht) zeichnet den zeitlichen Verlauf der Trocknung auf und macht die einzelnen Stadien sichtbar.
Trocknungsphasen mit typischen Zeiten (Normenreihe ISO 9117)
Die Normenreihe ISO 9117 beschreibt Prüfverfahren zum Trocknungsverhalten — u. a. ISO 9117-1 (Prüfung der Durchtrocknung), ISO 9117-3 (Prüfung der Oberflächentrocknung mit Glasperlen), ISO 9117-4 (Prüfung mit einem mechanischen Rekorder — das Trockenzeitrekorder-Verfahren) und ISO 9117-5 (abgewandeltes Bandow-Wolff-Verfahren). Für die Praxis lassen sich daraus vier Trocknungsstadien beschreiben:
Phase 1 — Staubtrocken (Glasperlen-Test nach ISO 9117-3: aufgestreute Glasperlen lassen sich rückstandsfrei abkehren; die Oberfläche wird nicht berührt): Alkydharzlack 30–60 min, 2K-PUR-Klarlack 15–30 min
Phase 2 — Klebfrei, oberflächentrocken (Papiertest: Papier haftet nicht): Alkydharzlack 2–4 h, 2K-PUR 45–90 min
Phase 3 — Durchgetrocknet (Daumendruck ohne Abdruck): Alkydharzlack 24 h, 2K-PUR 24–48 h
Phase 4 — Endfestigkeit (volle technische Eigenschaften): Alkydharzlack 3–7 Tage (Oxidationsvernetzung), 2K-PUR etwa 7 Tage (typischer Richtwert, rezeptur- und temperaturabhängig)
Die Trockengradstufe grifffest (handhabungsfest, siehe L-69) liegt zwischen Phase 2 und Phase 3: Das Teil lässt sich anfassen, wenden und stapeln, ohne Abdrücke, ist aber noch nicht durchgetrocknet.
Bedingungen: 23 °C / 50 % r. F. nach ISO 554. Abweichungen von Temperatur und Luftfeuchte beeinflussen alle Phasen — deshalb Prüfbedingungen dokumentieren.
Nass-Schichtdicke
Die Nass-Schichtdicke wird direkt nach dem Auftrag mit einem Schichtdickenkamm (Zähne unterschiedlicher Länge) oder einem Messrad bestimmt; sie ist eine wichtige Einflussgröße für die spätere Trockenschichtdicke, die zusätzlich von Volumenfestkörper, Schrumpfung und Applikationsbedingungen abhängt. Als Faustformel gilt: Trockenschichtdicke TSD = Nassschichtdicke NSD · Volumenfestkörper VFK / 100 (ausführlich in L-154). So lässt sich frühzeitig steuern, bevor der Film antrocknet.
Umwelt und Sicherheit
Beim Trocknen frei werdende Lösemitteldämpfe absaugen (Flammpunkt, Ex-Schutz beachten). Prüfrakel und Bleche lösemittelarm reinigen und Reste als Sonderabfall entsorgen.
Merksatz
Verlauf glättet, Ablaufneigung erzeugt Läufer — beides steht häufig im Zielkonflikt und wird über die Rheologie ausbalanciert. Trockengrad (DIN EN ISO 9117-5) = Stufen bis durchgetrocknet; Praxis-Phasenfolge (Prüfverfahren in der Reihe ISO 9117): staubtrocken → klebfrei → grifffest → durchgetrocknet → Endfestigkeit (Alkyd: 30–60 min / 2–4 h / 24 h / 3–7 d; 2K-PUR: 15–30 min / 45–90 min / 24–48 h / etwa 7 d); die Trockengradstufe grifffest liegt zwischen klebfrei und durchgetrocknet (siehe L-69). Nass-Schichtdicke mit Kamm/Rad steuern.
- Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
- DIN EN ISO 9117-5
- ISO 554
- ISO 9117-1
- ISO 9117-3
- ISO 9117-4
Übungsblatt Ü-153
Prüfen, ob es sitzt.
1. Erklären Sie, warum Verlauf und Ablaufneigung gegenläufig sind und wie man beide ausbalanciert.
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2. Eine Trockenschichtdicke von 50 µm ist gefordert. Der Lack hat einen Volumenfestkörper von 45 %. Welche Nass-Schichtdicke müssen Sie auftragen?
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3. Ein Decklack zeigt an senkrechten Flächen Läufer, auf waagerechten aber guten Verlauf. Wie prüfen und beheben Sie das?