Der Lacklaborant Lernwerk

Alle Tafeln › Kapitel 2 · Bindemittel und Lacktypen

L-36

Selbstvernetzende Einbrennlacke

Bindemittel und Vernetzer in einem Molekül

Prüfungsteil 1A 8.3 · B 12

KernaussageEin selbstvernetzendes Bindemittel trägt die reaktiven Gruppen selbst und vernetzt beim Einbrennen mit sich — ohne separaten Vernetzer.

Was Selbstvernetzung bedeutet

Bei der Fremdvernetzung liefert ein eigener Vernetzer die reaktiven Gruppen — etwa ein Aminoharz (siehe L-31). Ein selbstvernetzendes Bindemittel trägt dagegen die reaktiven Gruppen selbst und vernetzt beim Einbrennen mit sich, ohne zweite Komponente. Selbstvernetzung beschreibt also die Herkunft der Reaktivgruppen (keine getrennte Vernetzerkomponente), nicht eine einzige bestimmte Reaktion. Verarbeitet werden solche selbstvernetzenden Bindemittel je nach Harztyp meist in Xylol, Butanol oder Butylglykol — vollständig lösemittelfrei sind sie in der Regel nicht.

Selbstvernetzende Acrylatharze

Sie entstehen als Copolymere aus Acryl- und Methacrylestern mit reaktiven Comonomeren, zum Beispiel methyloliertem Acrylamid. Solche Filme sind hart und chemikalienbeständig; die Reaktivität steckt fest im Copolymer. Wichtig ist, zwei Schritte zu unterscheiden: Der Harzhersteller baut das Grundpolymer per radikalischer Copolymerisation auf — das ist Herstellungschemie des Harzes, nicht die Vernetzung im Lack. Beim Einbrennen des fertigen Lacks reagieren dann die Methylolgruppen der Ketten miteinander (Kondensation) — anders als bei den strahlungshärtenden Acrylaten (radikalische Vernetzung über C=C-Doppelbindungen, siehe L-24) ist die Vernetzung hier also eine thermische Kondensation, keine radikalische.

Reaktionsgleichung: Methylolacrylamid-Vernetzung

Grundbausteine der Copolymerisation:
Acrylat: CH2=CH–COOR   Methacrylat: CH2=C(CH3)–COOR

Reaktives Comonomer (N-Methylolacrylamid):
CH2=CH–CO–NH–CH2OH

Die C=C-Doppelbindung wird bei der radikalischen Copolymerisation verbraucht; die Methylolgruppe –CH2OH bleibt als reaktive Seitengruppe im fertigen Polymer erhalten.

Vernetzung beim Einbrennen (Kondensation, vgl. Aminoharz L-31):
Polymer–CH2OH + HOCH2–Polymer → Polymer–CH2–O–CH2–Polymer + H2O

Selbstvernetzende Polyester

Auch gesättigte Polyester lassen sich mit eingebauten reaktiven Gruppen selbstvernetzend gestalten — meist über einen gezielten Überschuss an freien OH- und COOH-Gruppen im selben Harz, die beim Einbrennen bei hohen Temperaturen (grobe Richtgröße etwa 200–230 °C ohne Katalysator, mit geeignetem Veresterungskatalysator niedriger) direkt miteinander verestern und dabei Wasser abspalten — chemisch dieselbe Veresterungsreaktion wie beim Harzaufbau selbst, nur jetzt zwischen bereits fertigen Kettenenden. Sie quervernetzen beim Einbrennen zu zähen, temperaturbeständigen Filmen und werden in verschiedenen spezialisierten Einbrennsystemen eingesetzt — typisch, aber nicht ausschließlich in Draht- und Elektroisolierlacken.

Vorteil und Grenze

Der Vorteil: keine zweite Komponente, kein Mischen, einfache und lagerstabile Handhabung. Die Grenze: Härte und Flexibilität lassen sich nicht mehr über das Mischungsverhältnis einstellen — sie stecken bereits im Harz und werden bei dessen Aufbau festgelegt. Ein weiterer Grund, warum man 1K-Selbstvernetzung nicht grundsätzlich bevorzugt: Anders als 2K-PUR (siehe L-25), das auch bei Raumtemperatur härtet, braucht ein selbstvernetzendes Einbrennsystem wie die übrigen Einbrennlacke immer den Ofen (siehe L-30) — für hitzeempfindliche Werkstücke, Vor-Ort-Arbeiten oder Reparaturlackierung fällt es damit aus, ganz unabhängig vom Eigenschaftsprofil.

Anwendung

Typisch sind Drahtlacke, Coil-Coating und Elektroisolierlacke — überall dort, wo ein robustes, einfach handhabbares Einbrennsystem gefragt ist und die Filmeigenschaften nicht laufend variiert werden müssen. Auch in der Serienlackierung sind sie wegen der einfachen Handhabung beliebt.

Merksatz

Selbstvernetzung heißt: Das Bindemittel trägt die reaktiven Gruppen selbst und braucht keine getrennte Vernetzerkomponente. Beim Einbrennen reagieren die Gruppen miteinander — mit fest eingebauten Eigenschaften, ideal für robuste Serienanwendungen.

selbstvernetzendSelbstvernetzungFremdvernetzungAcrylatharzMethacrylestermethyloliertes AcrylamidComonomergesättigter PolyesterVeresterungDrahtlackElektroisolierlackCoil CoatingEinbrennlackEinkomponentensystem
Quellen
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur

Übungsblatt Ü-36

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Was bedeutet Selbstvernetzung, und worin unterscheidet sie sich von der Fremdvernetzung mit einem Aminoharz?

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SelbstvernetzungDas Bindemittel trägt die komplementären reaktiven Gruppen selbst und vernetzt beim Einbrennen mit sich — ohne zweite Komponente.
FremdvernetzungEin eigener Vernetzer (z. B. Aminoharz, siehe L-31) liefert die reaktiven Gruppen; er wird zum Bindemittel zugegeben.
UnterschiedSelbstvernetzend gibt es nur ein reaktives Harz; fremdvernetzend gibt es Harz plus Vernetzer, deren Verhältnis man einstellen kann.
GemeinsamBeide härten beim Einbrennen chemisch zum Netzwerk.
Warum das eine Eins verdientDer Kernunterschied — reaktive Gruppen im Harz selbst vs. in einem separaten Vernetzer — wird klar herausgearbeitet und die Gemeinsamkeit (chemische Härtung beim Einbrennen) erkannt.
Berechnung8 Punkte

2. Ein selbstvernetzender Klarlack hat 50 % Festkörper. Wie viel Lack wird für 3,0 kg Trockenfilm benötigt, und wie viel Lösemittel entweicht dabei?

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GegebenFestkörper = 50 %; gewünschter Trockenfilm = 3,0 kg
AnsatzLackmenge = Trockenfilm / Festkörpergehalt
Rechnung3,0 kg / 0,50 = 6,0 kg
AntwortsatzEs werden 6,0 kg Lack benötigt; davon sind 3,0 kg Lösemittel.
Warum das eine Eins verdientAus Trockenfilm und Festkörpergehalt wird die Lackmenge korrekt berechnet, und der Lösemittelanteil wird richtig erkannt.
Anwendung7 Punkte

3. Nennen Sie je einen Vorteil und eine Grenze eines selbstvernetzenden Systems gegenüber einem Fremdvernetzungslack.

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VorteilNur eine reaktive Komponente — kein Mischen, keine zweite Komponente, einfache und lagerstabile Handhabung.
GrenzeHärte und Flexibilität lassen sich nicht mehr über das Mischungsverhältnis einstellen; sie stecken bereits im Harz.
FolgeBraucht man ein maßgeschneidertes Eigenschaftsprofil, ist die Fremdvernetzung flexibler.
EinordnungSelbstvernetzend eignet sich für robuste Standardanwendungen wie Draht- und Coil-Lacke.
Warum das eine Eins verdientVorteil (Einfachheit) und Grenze (weniger Einstellbarkeit) werden korrekt gegenübergestellt und mit einer passenden Anwendungseinordnung verbunden.

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