Der Lacklaborant Lernwerk

Alle Tafeln › Kapitel 3 · Pigmente, Füllstoffe und Additive

L-38

Überlackierbarkeit und Ausbluten

Wenn ein Pigment in den Decklack wandert

Prüfungsteil 2A 10 · B 14

KernaussageAusbluten ist die Migration eines löslichen Farbmittels bzw. eines löslichen Bestandteils aus einer unteren Schicht in die darüber aufgebrachte Beschichtung; treibende Kraft ist ein Konzentrationsgefälle. Beherrscht wird es über die Wahl nicht blutender Farbmittel und — als kausal stärkste Maßnahme — über eine geeignete Sperrschicht.

Das Problem Ausbluten

Manche Farbmittel sind im Lösemittel des Decklacks leicht löslich. Beim Überlackieren wandern sie aus dem Untergrund in den frisch aufgebrachten Decklack und verfärben ihn. Diesen Vorgang nennt man Ausbluten (englisch bleeding). Sichtbar wird er als Verfärbung oder Fleckenbildung im Decklack. Betroffen sind nicht nur lösliche Pigmentanteile: Ebenso können Farbstoffe, Hilfsstoffe oder lösliche Bestandteile aus Altbeschichtungen migrieren — deshalb spricht man fachlich allgemeiner von der Migration eines löslichen Farbmittels bzw. Bestandteils aus der unteren Schicht.

Der klassische Fall Toluidinrot

Ein bekanntes Beispiel ist Toluidinrot (C.I. Pigment Red 3, C.I. 12120), ein Monoazo-Rotpigment: Es blutet aus einem roten Grundlack in einen weißen Decklack und färbt ihn rosa. Ob ein Decklack einen Grundlack ohne Verfärbung überdeckt, prüft man mit einem Überlackiertest: Grundlack auf eine Prüfkarte oder ein Blech auftragen und vollständig durchtrocknen lassen; eine Hälfte der Fläche mit dem weißen Decklack überlackieren, die andere als Referenz frei lassen; nach Durchtrocknung, nach 24 Stunden und nach Wärmelagerung (etwa 24 h bei 50 °C) den Farbunterschied zur Referenz beurteilen — visuell oder farbmetrisch als Farbabstand ΔE (siehe L-163). Toluidinrot ist günstig und farbstark, blutet aber leicht — ein Beispiel dafür, dass ein preiswertes Pigment lacktechnisch teuer werden kann.

Wovon es abhängt

  • Vom Lösemittel des Decklacks — stärker lösende Lösemittel begünstigen das Ausbluten in der Tendenz; entscheidend sind aber die Löslichkeit des Farbmittels im Decklacksystem, die Diffusionsgeschwindigkeit, die Quellung des Untergrunds und das Zusammenspiel dieser Größen.
  • Von der Temperatur — höhere Temperatur beschleunigt Diffusion sowie Löse- und Quellvorgänge meist deutlich; die konkrete Wirkung ist systemabhängig.
  • Vom Farbmittel selbst — manche bluten stark, andere gar nicht.
  • Vom Bindemittel — seine Löslichkeit und Quellung beeinflussen, wie mobil das Farbmittel wird.
  • Vom Schichtaufbau — Grundierung, Sperrschichten und Schichtdicke bestimmen den Transportweg.
  • Von der Kontaktzeit — je länger der Film nass bzw. quellfähig bleibt, desto mehr Stoff kann migrieren.

Gegenmaßnahmen

Man wählt nicht blutende, unlösliche Farbmittel; setzt eine geeignete Sperr- bzw. isolierende Zwischenschicht ein; oder nimmt einen Decklack mit schwächer lösendem Lösemittelgemisch — es kommt auf die Lösekraft an, nicht auf die Lösemittelmenge; ein wasserverdünnbarer Decklack über einem lösemittelhaltigen Grundlack löst das Problem oft ganz. Auch eine niedrigere Applikations- und Trocknungstemperatur verringert die migrierte Menge. Und man verkürzt die Kontaktzeit: Ein schneller ablüftendes Lösemittelgemisch lässt dem Farbmittel weniger Zeit zum Wandern. Gegenläufig wirkt dabei die Temperatur — sie beschleunigt zwar die Migration, verkürzt aber die Nassphase; forciert getrocknet wird deshalb nur so warm, wie es zum Verkürzen der Nassphase nötig ist, und zwei dünne Aufträge sind hier besser als ein dicker nasser. Ein dickerer, gut deckender Decklack kann die sichtbare Verfärbung zwar verringern (optische Maskierung), stoppt die Diffusion aber nicht automatisch — eine echte Sperrwirkung erfordert eine geeignete Barriere- bzw. Zwischenschicht oder ein kompatibles Gesamtsystem. Soll Migration sicher verhindert werden, ist die Sperrschicht deshalb die kausal stärkste Maßnahme. Welche Maßnahme passt, hängt von Untergrund, Decklack und Anforderung ab.

Abgrenzung: Weichmacher-Migration und Wachsausblühen

Nicht jede Wanderung eines Stoffs in eine andere Schicht ist Ausbluten im engeren Sinn. Weichmacher-Migration folgt demselben Grundprinzip wie das Ausbluten — Diffusion entlang eines Konzentrationsgefälles, meist aus weichmacherhaltigen Systemen (z. B. PVC-Plastisolen) in eine angrenzende Schicht; hier wandert aber kein Farbmittel, sondern der Weichmacher selbst, was die Nachbarschicht erweichen, kleben oder trüben lassen kann. Wachsausblühen (englisch blooming) ist dagegen ein anderer Mechanismus — nicht zu verwechseln mit dem Ausschwimmen von Pigmenten (siehe L-54): Ein im Bindemittel nur begrenzt verträgliches Wachsadditiv (z. B. für Kratzfestigkeit oder Slip zugesetzt) reichert sich wegen seiner geringen Oberflächenenergie an der eigenen Filmoberfläche an und bildet dort einen dünnen, meist wachsartig-matten Belag — kein Konzentrationsgefälle in eine zweite Schicht hinein, sondern eine Entmischung an der eigenen Oberfläche. Höhere Applikations- oder Trocknungstemperatur verstärkt dieses Ausblühen: In der Wärme löst sich mehr Wachs im Bindemittel und wird beweglicher; beim Abkühlen sinkt die Löslichkeit wieder, und das überschüssige Wachs scheidet sich an der Oberfläche ab. Genau das kann die Zwischenhaftung einer nachfolgenden Schicht empfindlich stören, da der ausgeblühte Wachsfilm wie eine Trennschicht wirkt — ein in der Praxis bekanntes Problem bei zu warm applizierten oder getrockneten wachshaltigen Systemen.

Was eine Sperrschicht leistet

Eine Sperr- bzw. Isolierschicht muss vor allem eines: Sie darf sich beim nachfolgenden Überlackieren nicht selbst wieder anlösen oder quellen lassen — sonst transportiert sie den migrierenden Stoff einfach weiter. Formuliert wird sie deshalb meist mit einem Bindemittel, das gegenüber dem Lösemittel des Decklacks möglichst unempfindlich ist, etwa ein Schellackgrund (siehe L-15) oder ein dicht vernetztes 2K-System. Häufig verstärkt man die Sperrwirkung zusätzlich physikalisch durch plättchenförmige Barrierepigmente wie Aluminium oder Glimmer, die den Diffusionsweg durch den Film verlängern (Tortuositätseffekt, siehe L-40) — chemische Beständigkeit des Bindemittels und physikalische Barriere durch die Pigmentform wirken so zusammen.

Warum das die Lacklaborantin angeht

Überlackierbarkeit ist eine typische Prüf- und Formulierfrage: Der Überlackiertest (siehe oben) gehört zur Beurteilung jedes Beschichtungsaufbaus (siehe L-65). Wer Pigmentauswahl und Lösemittel schon in der Entwicklung darauf abstimmt, vermeidet Reklamationen im Feld — auffälliges Ausbluten ist ein klassischer Reklamationsgrund.

Prinzip: Löslichkeit und Diffusion

Ausbluten ist keine chemische Reaktion, sondern Stofftransport durch gerichtete Diffusion:

  Farbmittel (Grundlack) ⇌ gelöst
        │  löst sich zusätzlich im Lösemittel des Decklacks
        ▼
  Diffusion in den nassen Decklackfilm → Verfärbung

Vereinfacht gilt das 1. Ficksche Gesetz in einer Raumrichtung: J = −D · Δc/Δx — der Stoffstrom J ist umso größer, je stärker sich die Konzentration c über die Strecke x ändert (Δc/Δx ist das Konzentrationsgefälle) und je größer der Diffusionskoeffizient D ist. Das Minuszeichen sagt: Der Stoff wandert von hoher zu niedriger Konzentration. Im realen Lackfilm kommen Löslichkeit, Quellung und Polymerstruktur hinzu. Die Wanderung läuft, solange ein Konzentrationsgefälle UND ausreichende Löslichkeit bestehen; sie verstärkt sich in der Tendenz mit stärker lösendem Lösemittel, höherer Temperatur und längerer Kontaktzeit vor der Durchtrocknung.

Merksatz

Ausbluten ist Migration eines löslichen Farbmittels in den Decklack — Stofftransport, keine chemische Reaktion. Abhängig von Löslichkeit, Lösemittel, Temperatur, Quellung und Kontaktzeit. Beherrscht wird es über die Wahl nicht blutender Farbmittel, eine Sperrschicht und eine kurze Kontaktzeit; mehr Schichtdicke maskiert nur, sie stoppt die Diffusion nicht. Ergiebigkeit und Materialbedarf (A = 10 · VFK / TSD, dazu der Auftragswirkungsgrad) gehören nicht hierher — sie sind in L-68 gesammelt.

ÜberlackierbarkeitAusblutenbleedingToluidinrotMigrationDiffusionKonzentrationsgefälleQuellungÜberlackiertestDecklackGrundlackDeckvermögenSperrschichtisolierende ZwischenschichtWeichmacher-MigrationWachsausblühenBloomingLösemittelnicht blutendes FarbmittelReklamation
Quellen
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur

Übungsblatt Ü-38

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Was versteht man unter Ausbluten, und wovon hängt es ab?

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AusblutenDie Migration eines löslichen Farbmittels bzw. eines löslichen Bestandteils aus einer unteren Schicht in die darüber aufgebrachte Beschichtung, die dadurch verfärbt wird (englisch bleeding). Es handelt sich um Stofftransport durch Diffusion, nicht um eine chemische Reaktion.
Abhängigkeit 1 — Löslichkeit und LösemittelEntscheidend ist die Löslichkeit des Farbmittels im jeweiligen System; stärker lösende Decklack-Lösemittel begünstigen das Ausbluten in der Tendenz.
Abhängigkeit 2 — TemperaturHöhere Temperatur beschleunigt Diffusion sowie Löse- und Quellvorgänge meist deutlich.
Abhängigkeit 3 — FarbmittelDas Farbmittel selbst: manche bluten stark, andere gar nicht.
Abhängigkeit 4 — Bindemittel und SchichtaufbauLöslichkeit und Quellung des Bindemittels bestimmen die Mobilität; Grundierung, Sperrschichten und Schichtdicke bestimmen den Transportweg. Auch die Kontaktzeit vor der Durchtrocknung wirkt sich aus.
Warum das eine Eins verdientAusbluten wird korrekt als Migration eines löslichen Farbmittels (Stofftransport, keine Reaktion) definiert; mindestens drei Einflussgrößen einschließlich Bindemittel und Schichtaufbau werden genannt.
Berechnung9 Punkte

2. Ein deckender weißer Decklack (Volumenfestkörper 50 %) wird mit 40 µm Trockenschichtdicke auf 250 m² gespritzt (Auftragswirkungsgrad 65 %). Berechnen Sie Ergiebigkeit, theoretischen Materialbedarf und praktischen Bedarf. Erklären Sie anschließend, warum eine dickere Deckschicht die Sichtbarkeit des Ausblutens verringern kann, warum sie die Diffusion aber nicht zwingend stoppt und warum eine Sperrschicht wirksamer sein kann.

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ErgiebigkeitA = 10 · VFK / TSD = 10 · 50 / 40 = 12,5 m²/l
Materialbedarf (theoretisch)V = 250 m² / 12,5 m²/l = 20,0 l — das ist der Bedarf ohne Auftragsverluste.
Praktischer BedarfMit dem vorgegebenen Auftragswirkungsgrad von 65 % beim Spritzen: 20,0 l / 0,65 ≈ 30,8 l.
AntwortsatzErgiebigkeit 12,5 m²/l; theoretischer Materialbedarf 20,0 l, beim Spritzen mit 65 % Auftragswirkungsgrad rund 30,8 l.
Warum mehr Schichtdicke hilftEine dickere, gut deckende Schicht enthält mehr Weißpigment über der Störstelle und verdünnt das eingewanderte Farbmittel auf ein größeres Filmvolumen — die Verfärbung wird an der Oberfläche weniger sichtbar. Zusätzlich verlängert sich der Diffusionsweg.
Warum das die Diffusion nicht stopptEs handelt sich nur um optische Maskierung und eine Verlangsamung. Solange Konzentrationsgefälle und Löslichkeit bestehen, wandert das Farbmittel weiter — die Verfärbung kann zeitverzögert trotzdem auftreten.
Warum eine Sperrschicht wirksamer istEine geeignete Sperr-/Zwischenschicht setzt an der Ursache an: Sie bietet dem Farbmittel kein geeignetes Löse- bzw. Diffusionsmedium und unterbricht damit den Transportweg selbst, statt ihn nur zu verlängern.
Warum das eine Eins verdientDie Ergiebigkeitsformel wird korrekt angewandt und der Materialbedarf daraus abgeleitet; dass 20,0 l der theoretische Wert ohne Auftragsverluste sind, muss erkennbar sein. Die Antwort unterscheidet außerdem sauber zwischen optischer Maskierung durch Schichtdicke und echter Sperrwirkung durch eine Barriereschicht.
Anwendung7 Punkte

3. Ein weißer Decklack über einem mit Toluidinrot pigmentierten Grundlack verfärbt sich rosa. Nennen und begründen Sie zwei Gegenmaßnahmen.

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Maßnahme 1 — FarbmittelIm Grundlack ein nicht blutendes, unlösliches Pigment statt Toluidinrot verwenden — dann steht kein lösliches Farbmittel für die Migration zur Verfügung.
Maßnahme 2 — SperrschichtEine geeignete isolierende Zwischenschicht einsetzen, die den Transportweg unterbricht. Das ist die kausal stärkste Maßnahme, wenn die Migration sicher verhindert werden soll.
ErgänzungZusätzlich einen Decklack mit schwächer lösendem Lösemittelgemisch wählen — es kommt auf die Lösekraft an, nicht auf die Lösemittelmenge. Mehr Schichtdicke allein maskiert die Verfärbung nur, sie stoppt die Diffusion nicht.
KernpunktMan setzt an der Ursache (lösliches Farbmittel) oder am Transportweg (Lösemittel, Sperrschicht) an — nicht nur an der optischen Wahrnehmung.
Warum das eine Eins verdientZwei wirksame Gegenmaßnahmen werden genannt und an Ursache bzw. Transportweg begründet — nicht nur aufgezählt, sondern erklärt, warum sie wirken.

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