Der Lacklaborant Lernwerk

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L-49

Disperse Systeme und Kolloide

Phasengrenzflächen, disperse Phase, Teilchengrößen

Prüfungsteil 1A 9 · A 10

KernaussageEin pigmentierter oder gefüllter Lack ist ein disperses System: Die disperse Phase (fein verteilte Pigment-, Füllstoff- und Additivteilchen) liegt in einer kontinuierlichen Phase, dem Dispersionsmittel. Zwischen beiden liegt eine sehr große innere Grenzfläche.

Was eine Phasengrenzfläche ist

Eine Phasengrenzfläche ist die Grenze zwischen zwei Phasen. Im Lack liegt sie zum Beispiel zwischen den festen Pigmentteilchen und der flüssigen kontinuierlichen Phase. „Nicht mischbar“ ist dabei kein taugliches Kriterium — es passt allenfalls auf Flüssigkeitsgemische, nicht auf einen Feststoff in einer Flüssigkeit.

Die äußere Grenzfläche eines Feststoffs oder einer Flüssigkeit zur Gasphase wird üblicherweise Oberfläche genannt — etwa beim noch nicht dispergierten Pigmentpulver, das eine hohe Oberfläche zur Luft besitzt. Streng genommen ist auch sie eine Grenzfläche zwischen zwei Phasen; die Unterscheidung ist Sprachgebrauch, keine harte Trennung.

Aufbau eines dispersen Systems

Ein disperses System — kurz Dispersion — besteht aus einer fein verteilten dispersen Phase, auch diskontinuierliche oder innere Phase genannt, und einem Dispersionsmittel als kontinuierlicher Phase. Die Grenzfläche zwischen beiden ist wegen der feinen Verteilung sehr groß und bestimmt die Eigenschaften des Systems entscheidend mit.

Pigmentierte oder gefüllte Lacke sind genau solche Systeme. Wegen ihrer im Verhältnis zum Feststoffvolumen enormen inneren Phasengrenzfläche werden sie in der Lacktechnik anschaulich als grenzflächenüberladene Systeme bezeichnet: „überladen“ heißt hier, dass sehr viel Grenzflächenenergie im System steckt, mit der Rezeptur und Verarbeitung zurechtkommen müssen — kein streng definierter Fachterminus, sondern ein plastisches Bild für diesen Umstand. Warum diese Energie das System überhaupt instabil macht, erklärt L-50.

Lacktechnisch wichtige Kombinationen

Im Lackzustand:

  • fest in flüssig — Suspension: pigmentierte oder gefüllte Flüssiglacke, Polymerdispersionen
  • fest in fest — pigmentierter bzw. gefüllter ausgehärteter Lackfilm. Achtung: Nicht jeder Lackfilm ist eine Dispersion — ein klarer, homogener Film ist keine.
  • flüssig in flüssig — Emulsionen, z. B. Öl-in-Wasser-Emulsionen
  • gasförmig in flüssig — Schäume

Erst im Applikationszustand:

  • fest in gasförmig — Pulverlack im zerstäubten Zustand. Das Pulver selbst ist zunächst nur ein Feststoffgemisch; das Aerosol entsteht beim Sprühen.
  • flüssig in gasförmig — zerstäubte Flüssiglacke

Gasförmig in gasförmig gilt nicht als Dispersion: Unter üblichen Bedingungen bilden verschiedene Gase homogene Gasgemische.

Nicht jeder Lack ist ein disperses System: Der klassische, molekular gelöste Klarlack enthält keine disperse Phase und ist deshalb keine Dispersion. Klarlacke mit Polymerdispersionen, Mattierungsmitteln oder Nanopartikeln sind dagegen sehr wohl disperse Systeme.

Kolloide

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Teilchengröße der dispersen Phase. Kolloidal ist eine Zustands- und Größenordnung, grob von etwa 1 nm bis 1 µm (1000 nm); in der Lacktechnik wird häufig auch der Bereich ab etwa 5 nm angegeben. Oberhalb liegen grobe Verteilungen, unterhalb molekulare Lösungen. Wichtig: Diese Einteilung ist keine scharfe Grenze, sondern eine Größenordnung — die Angaben in der Literatur weichen deshalb voneinander ab.

Wie fein und gleichmäßig eine disperse Phase verteilt ist, beschreibt der Dispersitätsgrad — ein Maß für den Zerteilungszustand der dispersen Phase: Je feiner und einheitlicher die Teilchen verteilt sind, desto höher ist er. Maßgeblich ist dabei nicht allein die mittlere Teilchengröße, sondern auch die Teilchengrößenverteilung.

Größenordnungen in der Praxis

  • Technische Pigment- und Füllstoffdispersionen: Primärkristallgrößen von 10 bis 1000 nm, Füllstoffe teilweise darüber. Für die praktische Dispersion ist allerdings nicht die Primärkristallgröße allein maßgeblich — entscheidend sind ebenso die vorhandenen Aggregate und Agglomerate und wie weit sie beim Dispergieren abgebaut werden (siehe L-44, L-53). Dispersionsmittel ist Lösemittel, lösemittelfreies Bindemittel, Bindemittellösung oder Bindemitteldispersion. Im letzten Fall ist das Dispersionsmittel selbst schon ein disperses System — feine Polymerteilchen in Wasser oder Lösemittel —, und es entsteht eine zusätzliche Grenzfläche: neben der zwischen Pigment und Dispersionsmittel jetzt auch die zwischen den Polymerteilchen und ihrem eigenen Medium.
  • Technische Bindemittel- und Polymerdispersionen: Polymerteilchen liegen typischerweise im Submikrometerbereich, können aber auch größer sein. Nicht jede technische Polymerdispersion ist deshalb kolloidal.

Je kleiner die Teilchen, desto größer ihre spezifische Oberfläche — „spezifisch“ heißt dabei: bezogen auf die Masse, also Quadratmeter pro Gramm (m²/g), nicht die Oberfläche als Absolutwert. Bei gleicher eingesetzter Masse wächst dadurch auch die insgesamt vorhandene Grenzfläche im Lack. Die Größenordnungen dazu stehen in L-44 und L-45.

Feine Additive gehören dazu

Zur dispersen Phase zählen nicht nur Pigmente und Füllstoffe, sondern auch sehr feine funktionelle Additive — allen voran pyrogene Kieselsäure und organophile Schichtsilicate. Ihre Primärpartikel sind nur wenige Nanometer groß; in Pulver und Lack liegen sie allerdings als Aggregate und Agglomerate unterschiedlicher Größe vor. Über Wasserstoffbrücken zwischen oberflächenständigen Silanolgruppen (Kieselsäure) beziehungsweise ein Kartenhaus-Gerüst (Schichtsilicate) bilden sie ein reversibles Partikelnetzwerk im Lack: unter Scherung deutlich niedrigere Viskosität, in Ruhe bzw. bei kleiner Scherung wieder strukturierter.

Die Wirkkette lautet: Partikelnetzwerk → Fließgrenze und strukturviskoses Verhalten → bessere Standfestigkeit und geringere Sedimentation. Fließgrenze und Thixotropie sind dabei nicht dasselbe: Eine Fließgrenze beschreibt, ab welcher Belastung das System überhaupt zu fließen beginnt; von Thixotropie spricht man erst, wenn sich die Struktur unter Scherung zeitabhängig abbaut und in Ruhe wieder aufbaut (siehe L-46).

Schon kleine Mengen wirken stark: Wegen ihrer hohen spezifischen Oberfläche und häufig hohen Ölzahl benötigen sie viel flüssige Phase zur Benetzung und können dadurch Rezepturviskosität und Bindemittelbedarf beeinflussen (siehe L-46 und L-55).

Merksatz

Disperse Phase = fein verteilte Teilchen, kontinuierliche Phase = umgebendes Dispersionsmittel, dazwischen die Grenzfläche. Viele lacktechnisch wichtige Pigment- und Polymerdispersionen liegen im kolloidalen Bereich — „kolloidal“ ist dabei eine Größenordnung und sagt nichts darüber aus, ob eine Dispersion gut stabilisiert ist. Wer verstehen will, warum ein Lack sich so verhält, wie er sich verhält, muss bei der inneren Grenzfläche anfangen: Sie bestimmt Benetzung, Dispergierung, Stabilisierung und Rheologie.

disperses SystemDispersiondisperse Phasekontinuierliche PhaseDispersionsmittelPhasengrenzflächeOberflächeKolloidgrenzflächenüberladenPrimärkristallgrößeAggregatAgglomeratDispersitätsgradFließgrenzeStrukturviskositätEmulsionSuspensionAerosolSchaum
Quellen
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur

Übungsblatt Ü-49

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Definieren Sie ein disperses System und benennen Sie disperse sowie kontinuierliche Phase mit je einem Beispiel. Erklären Sie am pigmentierten Lack, warum durch die fein verteilten Pigmentteilchen eine große innere Phasengrenzfläche entsteht und warum diese Grenzfläche für die Lackeigenschaften wichtig ist.

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DefinitionEin disperses System besitzt eine disperse Phase — fein verteilte Teilchen, auch diskontinuierliche oder innere Phase genannt —, die in einer kontinuierlichen Phase (dem Dispersionsmittel) verteilt ist. Zwischen beiden besteht eine Grenzfläche.
BeispieleDisperse Phase: Pigment- oder Füllstoffteilchen im Flüssiglack, Gasblasen im Schaum. Kontinuierliche Phase: die flüssige Bindemittellösung bzw. -dispersion, beim Schaum die flüssige Lackphase.
Warum die Grenzfläche so groß wirdBei gleicher Gesamtmasse steigt die Gesamtoberfläche stark an, je feiner das Material verteilt ist (siehe L-44). Spezifische Oberflächen von einigen bis über hundert Quadratmetern je Gramm sind bei Pigmenten üblich — daraus folgt eine sehr große innere Grenzfläche, weshalb man von grenzflächenüberladenen Systemen spricht.
Warum das lacktechnisch zähltDie gesamte innere Grenzfläche muss benetzt, dispergiert und stabilisiert werden. Sie bestimmt damit Bindemittel- und Dispergiermittelbedarf, Dispergieraufwand, Lagerstabilität und Rheologie — und über Flockulation letztlich auch Farbton und Glanz.
Warum das eine Eins verdientDie Antwort benennt beide Phasen mit Beispiel, verknüpft Teilchengröße und Grenzfläche und leitet daraus konkrete lacktechnische Konsequenzen ab, statt nur die Definition wiederzugeben.
Verständnis8 Punkte

2. Ordnen Sie Flüssiglack, zerstäubten Pulverlack, Schaum und getrockneten Lackfilm nach disperser Phase und Dispersionsmittel ein. Begründen Sie jede Zuordnung kurz und nennen Sie beim zerstäubten Pulverlack den Fachbegriff für ein Fest-in-Gas-System.

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Flüssiglack (klassisch, lösemittelbasiert)Pigment- und Füllstoffteilchen = disperse Phase; die flüssige kontinuierliche Phase (Bindemittellösung) = Dispersionsmittel. Bei Wasserlacken kann das Bindemittel selbst als Polymerdispersion vorliegen — dann ist es zusätzlich bzw. stattdessen disperse Phase, und es gibt mehrere disperse Komponenten.
Zerstäubter PulverlackFeststoffteilchen in Luft = fest in gasförmig, also ein festes Aerosol. Wichtig: Erst im zerstäubten Zustand liegt eine Dispersion vor — das Pulver im Gebinde ist zunächst nur ein Feststoffgemisch.
SchaumGasblasen = disperse Phase, Flüssigkeit = Dispersionsmittel, also gasförmig in flüssig.
Getrockneter LackfilmNur beim pigmentierten bzw. gefüllten Film: Feststoffteilchen in fester Bindemittelmatrix = fest in fest. Ein klarer, homogener Klarlackfilm ist dagegen keine Dispersion.
HinweisGasförmig in gasförmig zählt nicht als Dispersion, weil verschiedene Gase unter üblichen Bedingungen homogene Gemische bilden.
Warum das eine Eins verdientAlle vier Fälle werden mit beiden Angaben und einer kurzen Begründung beantwortet. Für die volle Punktzahl müssen die beiden Einschränkungen erkannt werden: Aerosol erst im zerstäubten Zustand, Fest-in-Fest nur beim pigmentierten Film.
Anwendung6 Punkte

3. Ein Klarlack enthält kein Pigment. Ist er deshalb automatisch kein disperses System? Begründen Sie und nennen Sie einen Fall, in dem ein Klarlack trotz Pigmentfreiheit eine disperse Phase enthalten kann. Woran erkennen Sie, ob das Bindemittel molekular gelöst oder als Polymerteilchen dispergiert vorliegt?

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AntwortNein. Nicht die Pigmentfreiheit entscheidet, sondern ob überhaupt eine disperse Phase in einer kontinuierlichen Phase vorliegt.
Der klassische FallBei einem klaren, lösemittelbasierten Bindemittellack kann das Bindemittel molekular gelöst vorliegen. Dann existiert keine innere Phasengrenzfläche, und der Lack ist kein disperses System.
Fall mit disperser PhaseKlarlacke mit Mattierungsmitteln, Nanopartikeln oder auf Basis einer wässrigen Polymerdispersion enthalten sehr wohl eine disperse Phase — sie sind disperse Systeme, obwohl kein Pigment enthalten ist.
Woran man es erkenntEntscheidend ist die Frage nach der Grenzfläche: Bei molekularer Lösung liegen einzelne Makromoleküle solvatisiert vor, es gibt keine Phasengrenze und der Lack ist auch im Konzentrat klar. Liegen Polymerteilchen als eigene Phase vor, existiert eine Grenzfläche — erkennbar an Lichtstreuung bzw. Trübung, an der Notwendigkeit einer Stabilisierung und daran, dass der Film erst durch Verfilmung der Teilchen entsteht.
FolgeNur wo eine innere Grenzfläche existiert, stellen sich Benetzung, Dispergierung, Stabilisierung und Flockulation überhaupt als Problem.
Warum das eine Eins verdientDie Antwort widerlegt den Kurzschluss „kein Pigment = keine Dispersion“, nennt einen konkreten Gegenfall und macht den Unterschied echte Lösung / Dispersion am Vorhandensein der Grenzfläche fest.

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