Alle Tafeln › Kapitel 7 · Wasserlacke und Elektrotauchlackierung
L-81
Anforderungen an Fassadenbeschichtungen
Wasser draußen halten, aber Dampf durchlassen — der Fassaden-Balanceakt
Prüfungsteil 2B 4 · A 10
Die Hauptaufgabe
Eine Fassadenbeschichtung schützt den Untergrund vor Witterung sowie — je nach System — vor Feuchtigkeit, mechanischen und biologischen Belastungen. Sie muss Wasser und Salze am Eindringen hindern, ohne selbst Feuchtigkeit im Untergrund einzuschließen. Diese doppelte Aufgabe unterscheidet sie von einer reinen Dekorbeschichtung. Sie steht dabei ständig zwischen Witterung und Bausubstanz — Sonne, Frost, Regen und Wind wechseln sich ab.
Wasserhaushalt und Salze
Flüssiges Wasser (Schlagregen) soll die Beschichtung nicht durchdringen — sonst schädigt es den Untergrund und transportiert Salze, die beim Austrocknen als Ausblühungen kristallisieren und die Beschichtung sprengen können. Das schädigt nicht nur die Optik, sondern auch die Haftung.
Die zwei Kennwerte: sd-Wert und w-Wert
Zwei Messgrößen fassen den Balanceakt in Zahlen. Der w-Wert (Wasseraufnahmekoeffizient) sagt, wie viel flüssiges Wasser die Fläche kapillar aufnimmt, in kg/(m²·√h); DIN EN 1062-1 teilt ihn ein (bestimmt wird w nach DIN EN 1062-3, der s(d)-Wert nach DIN EN ISO 7783) — von W1 (hoch, w > 0,5) bis W3 (niedrig, w ≤ 0,1). Der sd-Wert ist die diffusionsäquivalente Luftschichtdicke in Metern und beschreibt den Widerstand gegen Wasserdampf — er errechnet sich aus der Wasserdampfdiffusionswiderstandszahl µ des Materials und der Schichtdicke s: sd = µ · s (eine 100 µm dicke Schicht mit µ = 1400 wirkt wie 0,14 m ruhende Luft); die Klassen reichen von V1 (hoch durchlässig, sd < 0,14 m) bis V3 (niedrig, sd > 1,4 m). Für eine gute Fassade gelten die drei Künzel-Kriterien, und zwar alle drei gleichzeitig: der w-Wert ≤ 0,5 kg/(m²·√h) (hält Schlagregen ab), der sd-Wert ≤ 2,0 m (lässt Dampf entweichen) und zusätzlich das Produkt sd · w ≤ 0,2 kg/(m·√h). Das Produktkriterium allein genügt nicht: Eine Beschichtung mit w = 0,02 und sd = 8 m käme rechnerisch auf 0,16 und wäre trotzdem eine Dampfsperre — deshalb steht die Obergrenze von 2,0 m für den sd-Wert daneben. Innerhalb dieser Grenzen gilt: Ein niedriger w-Wert erlaubt einen etwas höheren sd-Wert und umgekehrt. Staut sich Feuchte hinter einer zu dichten Schicht, drohen Blasen und Abplatzungen. Konkrete Beispiele: Siliconharzfarbe — w ≈ 0,05 kg/(m²·√h), sd ≈ 0,03 m → Produkt 0,0015 (weit unter 0,2 — ideal). Standard-Dispersionsfarbe — w ≈ 0,3, sd ≈ 0,15 → Produkt 0,045 (gut). Versiegelndes System — sd = 2,0, w = 0,05 → Produkt 0,10 (bestanden, aber der sd-Wert liegt genau an der Grenze — Dampf kommt kaum noch heraus).
Rissüberbrückung und mechanische Belastung
Fassaden sind Temperaturwechseln, Wind und Bewegungen des Untergrunds ausgesetzt. Die Beschichtung muss elastisch genug sein, um feine Risse zu überbrücken, ohne selbst zu reißen — und zugleich mechanisch und chemisch beständig bleiben. Sprödigkeit ist hier der größte Feind der Haltbarkeit.
Wie sich das in der Rezeptur zeigt
Wasserabweisung erreicht man über hydrophobierende Additive oder Bindemittel (siehe L-79); Diffusionsoffenheit über PVK und Bindemitteltyp (siehe L-80); Rissüberbrückung über ein flexibles, gut filmbildendes Bindemittel (siehe L-76). Alle drei Ziele müssen in einer einzigen Formulierung zusammenkommen — das macht Fassadenrezepturen zu einer der anspruchsvollsten Formulierungsaufgaben.
Welche Bindemittelchemie
Für Fassaden kommen je nach Untergrund und Anforderung mehrere Bindemittelchemien infrage. Styrol-Acrylat: günstigster Kompromiss — Styrol gibt Härte, Acrylat gibt Flexibilität; Standard für preisbewusste Fassadenfarben; Nachteil: bei hohem Styrolanteil leichte Vergilbung und eingeschränkte UV-Beständigkeit. Reinacrylat: besser UV- und wetterbeständig, keine Vergilbung, flexibler — für hochwertige Außenlacke und elastische Fassadensysteme. Siliconharzfarbe: sehr niedriger w-Wert (< 0,05), sehr niedriger sd-Wert, beste UV-Beständigkeit — für exponierte Lagen und Schlagregengebiete; teuerste Option. Siliconverstärkte Dispersion: Acrylat mit Siliconharzanteil — bessere Hydrophobierung als reines Acrylat bei moderatem Preis. Silicatfarbe (Kaliwasserglas, siehe L-78): keine organische Polymerkette, keine UV-Degradation, keine Kreidung, unbrennbar, sehr hoch diffusionsoffen — ausschließlich auf mineralischen Untergründen (Putz, Beton, Naturstein), nicht auf organisch vorbeschichteten Flächen.
Merksatz
Eine gute Fassadenbeschichtung hält flüssiges Wasser draußen, lässt Wasserdampf durch, überbrückt Risse und widersteht Wetter — mehrere Anforderungen, die die Rezeptur gegeneinander abwägen muss.
- Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
- Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
- DIN EN 1062
- DIN EN ISO 7783
Übungsblatt Ü-81
Prüfen, ob es sitzt.
1. Warum muss eine Fassadenbeschichtung gleichzeitig wasserabweisend UND wasserdampfdurchlässig sein — ist das kein Widerspruch?
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2. Eine Fassadenbeschichtung ist 100 µm dick und hat einen Wasserdampfdiffusionswiderstand µ = 500. Berechnen Sie den sd-Wert (diffusionsäquivalente Luftschichtdicke).
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3. An einer sanierten Fassade zeigen sich nach dem ersten Winter Risse in der Beschichtung, obwohl der Untergrund intakt blieb. Welche Anforderung wurde wahrscheinlich nicht erfüllt, und was ist die Konsequenz für die nächste Rezeptur?