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Alle Tafeln › Kapitel 7 · Wasserlacke und Elektrotauchlackierung

L-83

Wässrige 2K-Polyurethan-Systeme

Isocyanat trifft nicht nur OH, sondern auch Wasser

Prüfungsteil 1A 8.3 · B 12

KernaussageIn wässrigen 2K-PUR-Systemen konkurriert die Isocyanatreaktion mit Wasser um das Isocyanat — deshalb braucht es einen NCO-Überschuss und speziell modifizierte Härter.

Zwei Reaktionspartner für das Isocyanat

Mischt man ein hydroxyfunktionelles wässriges Bindemittel mit einem Polyisocyanat-Härter (siehe L-25, L-26), reagiert das Isocyanat nicht nur mit den OH-Gruppen, sondern auch mit dem Wasser der Rezeptur — unter Bildung von CO₂ und Harnstoff (siehe L-25). Ein Teil des Härters geht so für die Vernetzung verloren; außerdem entsteht CO₂, das im Film Blasen verursachen kann. Drei Ansätze haben sich in der Praxis durchgesetzt: hydrophil modifizierte, selbstemulgierende Polyisocyanate, das Auftragen dünner Schichten mit ausreichend Ablüftzeit, damit entstehendes CO₂ den Film verlassen kann, bevor er zu viskos wird, sowie der NCO-Überschuss, der den Verlust durch die Wasserreaktion kompensiert.

Deshalb: NCO-Überschuss

Um trotzdem eine vollständige Vernetzung zu erreichen, setzt man mehr Isocyanat ein, als rein rechnerisch für die OH-Gruppen nötig wäre. Ein NCO:OH-Verhältnis von etwa 1,2 bis 1,5 zu 1 ist ein gängiger Richtwert (statt der sonst üblichen 1:1) — der tatsächlich nötige Überschuss wird empirisch festgelegt und hängt vom jeweiligen Härter und den Applikationsbedingungen ab.

Hydrophile und hydrophobe Härter

Unmodifizierte, hydrophobe Polyisocyanate mischen sich schlecht ins wässrige Bindemittel und reagieren langsamer mit den OH-Gruppen — reagieren aber auch deutlich weniger mit Wasser, weshalb weniger CO₂ entsteht und der Film blasenärmer bleibt. Hydrophil modifizierte Polyisocyanate mischen sich schneller und gleichmäßiger, sind aber reaktiver gegenüber Wasser — mehr CO₂-Risiko. Die Praxislösung ist das hydrophil modifizierte, selbstemulgierende Polyisocyanat: Eingebaute hydrophile Segmente sorgen für eine feine, schnelle Emulgierung, sodass die NCO-Gruppen bevorzugt die OH-Gruppen erreichen.

Kurze Verarbeitungszeit

Weil die Wasserreaktion sofort einsetzt, ist die Verarbeitungszeit (Topfzeit) wässriger 2K-PUR-Lacke oft kürzer als bei lösemittelhaltigen — je nach System deutlich kürzer; der konkrete Wert steht im technischen Merkblatt, was die Zeitplanung auf der Baustelle beeinflusst.

Warum trotzdem eingesetzt

Trotz dieser Herausforderungen sind wässrige 2K-PUR-Lacke wichtig, weil sie die hohe Beständigkeit von Polyurethan (siehe L-25) mit stark reduzierter Lösemittelemission verbinden — vor allem für hochwertige Industrie-, Holz- und Schienenfahrzeuglacke, wo Beständigkeit und Umweltverträglichkeit gleichermaßen zählen. In der Fahrzeugreparatur werden wässrige Systeme dagegen vor allem als Basislack eingesetzt; der Klarlack ist dort überwiegend lösemittelhaltiger 2K-PUR. Wässrige Refinish-Klarlacke gibt es, sie bleiben aber eine Nische (siehe L-115, L-116).

Gesundheitliche Bewertung

Gängige Härter sind z. B. HDI-Trimer oder IPDI-Trimer. Für Diisocyanate gilt heute kein stoffbezogener MAK-Wert mehr, sondern ein Arbeitsplatzgrenzwert auf Basis der gesamten reaktiven Isocyanatgruppen (TRIG), angegeben als NCO. Festgelegt wird dieser Arbeitsplatzgrenzwert in der TRGS 900: Bis zum 31.12.2028 gilt ein Übergangswert von 0,010 mg NCO/m³ (10 µg/m³), danach 0,006 mg NCO/m³ (6 µg/m³), jeweils als Schichtmittelwert; für den 15-Minuten-Kurzzeitwert gilt über den Überschreitungsfaktor 2 der doppelte Wert. Wie zu ermitteln, zu überwachen und zu schützen ist, regelt für Isocyanate die TRGS 430 (Fassung vom 19.12.2025). Maßgeblich ist stets die aktuelle Fassung beider Regelwerke. Das sind mit die niedrigsten Grenzwerte der Lacktechnik — der frühere stoffbezogene Wert lag deutlich höher, die Anforderungen sind also verschärft worden (TRGS 900, TRGS 430). Isocyanate können die Atemwege sensibilisieren: Wer einmal sensibilisiert ist, kann dauerhaft schon auf kleinste Mengen mit asthmatischen Beschwerden reagieren. Zusätzlich reizen sie Haut und Augen. Schutzausrüstung ist auch bei wässrigen Systemen zwingend: Beim Spritzen entstehen Lackaerosole — der erforderliche Atemschutz wird nach Gefährdungsbeurteilung und Expositionssituation ausgewählt, bei Isocyanaten nach den Vorgaben der TRGS 430; bei längeren oder großflächigen Isocyanat-Spritzarbeiten heißt das fremdbelüfteter Atemschutz, also gebläseunterstützte Hauben- bzw. Helmgeräte oder umluftunabhängige Druckluftgeräte (zum Spritzlackieren allgemein: DGUV Regel 109-013, DGUV Information 209-014) —, Nitrilhandschuhe, Schutzbrille. Rechtsgrundlage: GefStoffV und TRGS 430.

Merksatz

Isocyanat reagiert in Wasser mit zwei Partnern zugleich: OH-Gruppen und Wasser selbst. Ein NCO-Überschuss und speziell modifizierte Härter gleichen den Verlust an das Wasser aus.

wässriges 2K-PURNCO-Überschusshydrophiles Polyisocyanathydrophobes PolyisocyanatTopfzeitVerarbeitungszeitWasserreaktionAutomobilreparaturlackIsocyanatreaktion
Quellen
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • TRGS 430
  • TRGS 900

Übungsblatt Ü-83

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Warum braucht ein wässriges 2K-PUR-System einen NCO-Überschuss, während ein lösemittelhaltiges System möglichst genau 1:1 gemischt wird?

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LösemittelhaltigDort reagiert das Isocyanat praktisch nur mit den OH-Gruppen des Bindemittels — 1:1 reicht für vollständige Vernetzung (siehe L-27).
WässrigHier konkurriert zusätzlich das Wasser der Rezeptur mit den OH-Gruppen um das Isocyanat — ein Teil des Härters reagiert mit Wasser statt mit dem Bindemittel.
FolgeOhne Ausgleich stünde zu wenig Isocyanat für die eigentliche Vernetzung zur Verfügung.
LösungEin NCO-Überschuss (typisch 1,2 bis 1,5 zu 1) gleicht den Verlust an das Wasser aus.
Warum das eine Eins verdientDer Unterschied wird korrekt auf die zusätzliche Wasserreaktion zurückgeführt, und der NCO-Überschuss wird als logische Konsequenz daraus abgeleitet.
Berechnung9 Punkte

2. Ein wässriges Bindemittel hat eine OH-Zahl von 60 mg KOH/g. Wegen der Wasserreaktion soll mit 30 % NCO-Überschuss gearbeitet werden. Berechnen Sie die benötigte NCO-Masse je 100 g Bindemittel. (M(NCO) = 42,02 g/mol, M(KOH) = 56,1 g/mol; Umrechnung der OH-Zahl in eine Stoffmenge siehe L-58)

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Schritt 1 — Stoffmenge OHn(OH) = 60 · 100 / 56 100 = 0,107 mol je 100 g Bindemittel
Schritt 2 — NCO mit Überschussn(NCO) = 0,107 mol · 1,30 = 0,139 mol
Schritt 3 — Masse NCOm(NCO) = 0,139 mol · 42,02 g/mol ≈ 5,84 g
AntwortsatzJe 100 g Bindemittel werden rund 5,84 g NCO benötigt — statt 4,49 g bei stöchiometrischem 1:1-Ansatz.
Warum das eine Eins verdientDie OH-Zahl wird korrekt in eine Stoffmenge umgerechnet, der Überschuss richtig aufgeschlagen und in eine NCO-Masse überführt. Der Vergleich zum stöchiometrischen Wert zeigt den Überschuss konkret.
Anwendung7 Punkte

3. Für eine Automobil-Reparaturlackierung mit begrenztem Zeitfenster wird ein wässriger 2K-PUR-Klarlack verwendet. Welche Eigenschaft des Härters sollte der Lackierer beachten, und warum?

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EigenschaftDie Verarbeitungszeit (Topfzeit) — sie ist bei wässrigen 2K-PUR-Systemen oft kürzer als bei lösemittelhaltigen, weil die Wasserreaktion sofort nach dem Mischen einsetzt.
GrundEin Teil des Isocyanats reagiert laufend mit dem Wasser der Rezeptur, wodurch die Reaktivität und Viskosität sich schneller ändern.
PraxisfolgeNur so viel anmischen, wie sich innerhalb der Topfzeit verarbeiten lässt; die Herstellerangabe zur Topfzeit genau beachten.
ZusatzHydrophil modifizierte Härter mischen sich zwar besser ein, ändern aber nichts an der grundsätzlich begrenzten Zeit.
EinordnungDer wässrige 2K-PUR-Klarlack ist im Refinish eine Nische; Standard bleibt dort der lösemittelhaltige 2K-PUR-Klarlack (siehe L-115, L-116).
Warum das eine Eins verdientDie Topfzeit wird als kritische Größe erkannt und korrekt auf die Wasserreaktion zurückgeführt — mit einer konkreten Praxisfolge für den Lackierer.

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