Der Lacklaborant Lernwerk

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L-02

Filmbildung I — physikalische Trocknung

Vom flüssigen Lack zum festen Film ohne chemische Reaktion

Prüfungsteil 1A 8.3

KernaussagePhysikalische Trocknung heißt: Der Film entsteht allein durch Verdunsten der flüchtigen Bestandteile, ohne chemische Reaktion. Deshalb bleibt er mit geeignetem Lösemittel wieder anlösbar.

Was dabei geschieht

Die Verfestigung ist der Übergang des aufgetragenen Beschichtungsstoffs vom flüssigen in den festen Zustand. Die dabei entstehende zusammenhängende Schicht heißt in der Lacktechnik Film oder Lackfilm; auf dem Untergrund ist sie die Beschichtung (siehe L-01). Bei einer Bindemittellösung entweicht das Lösemittel; die Polymerketten rücken zusammen, verschlaufen sich und bilden einen zusammenhängenden Film.

Bei einer Dispersion müssen sich die Polymerteilchen beim Trocknen zunächst annähern. Ist die Temperatur ausreichend hoch, sind die Teilchen weich genug, dass sie sich verformen und miteinander verschmelzen können (Koaleszenz). Bei zu niedriger Temperatur bleibt die Koaleszenz unvollständig; der Film kann dann rissig, rau oder weißlich erscheinen. Entscheidend ist die Mindestfilmbildetemperatur des Systems (siehe L-76).

Typische physikalisch trocknende Bindemittel

  • Cellulosenitrat (siehe L-21)
  • Chlorkautschuk und Vinylcopolymere (siehe L-22)
  • thermoplastische Acrylate (siehe L-22)
  • Acrylat- und Styrolacrylat-Dispersionen (siehe L-76)
  • thermoplastische Pulverlacke

Wieder anlösbar

Da keine Vernetzung stattfindet, lässt sich ein physikalisch getrockneter Film mit einem geeigneten Lösemittel wieder anlösen. Das hat zwei Seiten: Beim Überlackieren löst der Lösemittelanteil des neuen Lacks die alte Schicht an, und beide verbinden sich fest miteinander – ein Vorteil bei Reparatur und Mehrschichtaufbau. Wird die alte Schicht dabei aber zu stark angelöst, etwa durch langes Nachstreichen mit dem Pinsel oder eine zu dicke Nassschicht, kann sie aufquellen, runzeln oder sich aufziehen. Chemisch gehärtete Filme (siehe L-03) sind dagegen nicht wieder anlösbar: Bei langer Einwirkzeit kann ein Lösemittel sie allenfalls anquellen, das Netzwerk löst sich aber nicht auf.

Verdunsten ist kein Sieden

Verdunsten passiert bei jeder Temperatur: An der Oberfläche entweichen ständig die schnellsten Moleküle in die Luft. Wie viele das sind, bestimmt der Dampfdruck, und der steigt mit der Temperatur. Sieden ist nur der Sonderfall, bei dem der Dampfdruck den Luftdruck erreicht und sich Dampfblasen im Inneren bilden. Ein Lack trocknet deshalb auch weit unterhalb des Siedepunkts seiner Lösemittel – nur von der Oberfläche her und umso schneller, je wärmer es ist und je weniger Dampf schon über dem Film steht: bei Wasserlacken also je trockener die Luft, bei Lösemittellacken je besser die Dämpfe abgeführt werden.

Der Siedepunkt sagt wenig darüber, wie schnell ein Lösemittel bei Raumtemperatur verdunstet. Dafür dient die Verdunstungszahl (DIN 53170, Diethylether = 1): Xylol (Siedepunkt 140 °C) verdunstet mit Verdunstungszahl 17 rund fünfmal schneller als Wasser (100 °C, Verdunstungszahl 80), weil Wassermoleküle über Wasserstoffbrücken aneinander hängen. Butylglykol (171 °C, Verdunstungszahl 160) ist ein typischer Langsamverdunster.

Solvatation und Verdunstung aus dem Film

In einem lösemittelhaltigen Lack liegt das Lösemittel in zwei Zuständen vor: Ein Teil ist freies Lösemittel, das sich ungehindert bewegen kann. Der andere Teil umgibt die gelösten Polymermoleküle als Solvathülle – dieses solvatisierende Lösemittel steht in engem Kontakt mit den Polymerketten und ist deshalb fester gebunden. Beim Trocknen verdunstet zuerst das freie Lösemittel; das solvatisierende wird zurückgehalten und verlässt den Film nur langsam.

Wie schnell ein Lösemittel aus dem Film verdunstet, hängt deshalb nicht nur von seinem Siedepunkt ab. Mit steigender Polymerkonzentration nimmt außerdem die Viskosität zu, sodass die verbleibenden Lösemittelmoleküle immer langsamer aus dem Filminneren an die Oberfläche gelangen. So fällt die Verdunstungsgeschwindigkeit gegen Ende der Trocknung stark ab, obwohl noch Lösemittel im Film ist: Die Oberfläche wirkt bereits trocken, während im Inneren noch Lösemittelreste sitzen.

Der Ablauf in Stufen

  • Das Lösemittel bzw. Wasser verdunstet an der Oberfläche; aus dem Filminneren muss es erst dorthin gelangen.
  • Die Polymerkonzentration steigt; die Ketten nähern sich einander.
  • Bei Lösungen verschlaufen sich die Ketten und halten sich gegenseitig fest; bei Dispersionen verformen und verbinden sich die Polymerteilchen.
  • Der Film wird zunehmend viskos bzw. fest; Restlösemittel kann länger im Film verbleiben.

Retention

Verbleibende geringe Mengen flüchtiger Bestandteile im Film werden als Retention bezeichnet. Sie können Geruch, Härte, Blockfestigkeit und weitere Filmeigenschaften beeinflussen.

Retention erkennt man in der Praxis häufig daran, dass ein Lackfilm zwar an der Oberfläche trocken wirkt, beim Stapeln lackierter Prüfbleche aber noch klebt oder Abdrücke entstehen. Auch ein Film, der sich mit dem Fingernagel noch deutlich eindrücken lässt oder nach längerer Zeit noch stark nach Lösemittel riecht, kann noch erhebliche Restlösemittel enthalten.

Retention ist in der Regel unerwünscht. Klein halten lässt sie sich vor allem über die Rezeptur und die Trocknungsführung: ein Lösemittelgemisch ohne zu langsame Verdunster und ohne Lösemittel, die das Polymer besonders fest bindet; keine zu dicken Nassschichten – lieber zwei Lagen mit Ablüftzeit dazwischen; vor dem Forcieren oder Einbrennen ausreichend ablüften lassen, damit sich keine Haut bildet, die das Lösemittel einschließt; und Wärme und Luftbewegung bei der Trocknung, die den Abtransport aus dem Filminneren beschleunigen.

Schichtdicke nach dem Trocknen

Für die vereinfachte Schichtdickenrechnung gilt:
TSD = NSD · Volumenfestkörper / 100 %
Beispiel: 120 µm · 42 / 100 = 50,4 µm

Dabei wird angenommen, dass nur das Volumen der nichtflüchtigen Bestandteile als Trockenschicht zurückbleibt. Der Schichtdickenschwund bezieht sich auf die Nassschichtdicke.

Luftführung in der Lackierkabine

In der Lackierkabine sorgt die Absaugung für den nötigen Abtransport der Lösemitteldämpfe; sie dient zugleich dem Arbeits- und Explosionsschutz. Die Luftführung darf den Verlauf jedoch nicht durch zu schnelle Oberflächenverdunstung stören und beeinflusst den Sprühnebel (Overspray).

Sonderfälle: Organosole, Plastisole, thermoplastische Pulverlacke

  • Organosole — nichtwässrige Dispersionen von Polymerteilchen in einer organischen Flüssigkeit. In der Lackpraxis sind das meist PVC-Teilchen in Weichmacher und einem zusätzlichen flüchtigen Verdünner; eine echte Lösung liegt nicht vor. Beim Trocknen verdunstet der Verdünner; die Filmbildung gelingt aber erst beim Erwärmen, wenn der Weichmacher in die Teilchen eindringt und sie gelieren und verschmelzen (siehe L-120). Anwendungsbeispiele: Dosendeckel und Verschlüsse (siehe L-106). Auch PVDF-Dispersionen für Coil-Coating-Lacke sind Organosole.
  • Plastisole — Polymerteilchen in flüssigem Weichmacher, praktisch ohne flüchtigen Anteil; in der Regel PVC, daneben PVC-freie Acrylat-Plastisole. Beim Erwärmen dringt der Weichmacher in die Teilchen ein; sie gelieren und verschmelzen zu einem zusammenhängenden Material – chemisch vernetzt wird dabei nichts. Klassische Anwendung: PVC-Unterbodenschutz im Automobilbau (siehe L-120).
  • Thermoplastische Pulverlacke — aufgeschmolzen bilden sie beim Abkühlen einen festen Film. Eine chemische Vernetzung ist für die Filmbildung nicht erforderlich.

Warum die Rezeptur zählt

Das Lösemittelgemisch muss so gewählt werden, dass der Filmbildner während der kritischen Trocknungsphase ausreichend solvatisiert bleibt und der Film gleichmäßig verlaufen kann. Verdunstet ein für die Löslichkeit wichtiger Bestandteil zu früh, kann es zu Trübung, Ausfällung, Orangenhaut oder anderen Oberflächenstörungen kommen. Zu langsame Verdunstung kann dagegen Retention und lange Durchtrocknung fördern.

Merksatz

Verdunsten ist kein Sieden: Ein Lack trocknet auch weit unterhalb des Siedepunkts seiner Lösemittel.
Wie schnell er trocknet, bestimmen Dampfdruck des Lösemittels, Temperatur, Luftfeuchte, Schichtdicke und Luftbewegung.
Dispersionen bilden nur oberhalb der Mindestfilmbildetemperatur einen geschlossenen Film.
Physikalisch getrocknete Filme sind nicht vernetzt und deshalb mit Lösemittel wieder anlösbar.
Trockenschichtdicke = Nassschichtdicke · Volumenfestkörper / 100 %.

physikalische TrocknungSolvatationVerdunstungStofftransportRetentionKoaleszenzWeichmacherOrganosolPlastisolPulverlackLösemittelgemischWiederanlösbarkeitMindestfilmbildetemperaturVerdunstungszahlDampfdruck
Quellen
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • DIN 53170

Übungsblatt Ü-02

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Warum ist die Verdunstungsreihenfolge eines Lösemittelgemischs für den Verlauf wichtig?

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Anforderung an den LöserDer Filmbildner muss während der entscheidenden Verfestigungsphase ausreichend solvatisiert bleiben.
Folge bei falscher ReihenfolgeEin zu früh entweichender guter Löser kann dazu führen, dass überwiegend schlechter lösende Komponenten zurückbleiben.
Mögliche StörungDann können Löslichkeitsverlust, Trübung oder Ausfällung auftreten.
RezepturregelDie am langsamsten verdunstende Komponente des Gemischs muss ein echter Löser sein; Verschnittmittel müssen vor dem Löser verdunstet sein.
Warum das eine Eins verdientDie Antwort begründet den Zusammenhang über Solvatation und Löslichkeit, statt die Verdunstungsreihenfolge nur zu behaupten.
Berechnung8 Punkte

2. Ein Lack mit einem Volumenfestkörper (Festkörpervolumengehalt, FVK) von 42 % wird mit einer Nassschichtdicke (NSD) von 120 µm appliziert. a) Berechnen Sie die Trockenschichtdicke (TSD). b) Berechnen Sie den prozentualen Schichtdickenschwund.

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GegebenNSD = 120 µm; Volumenfestkörper = 42 %
a) TrockenschichtdickeTSD = NSD · Volumenfestkörper / 100 % = 120 µm · 42 / 100 = 50,4 µm
b) SchichtdickenschwundSchwund = (NSD − TSD) / NSD · 100 % = (120 − 50,4) / 120 · 100 % = 58,0 %
AntwortsatzDer Lack trocknet auf eine Schichtdicke von 50,4 µm ein; das entspricht einem Schwund von 58,0 %.
Warum das eine Eins verdientDie Trockenschichtdicke folgt in dieser vereinfachten Rechnung direkt aus dem Volumenfestkörper — nur das Volumen der Feststoffe wird als verbleibende Schicht betrachtet. Der Schwund bezieht sich auf die Nassschichtdicke als Ausgangsgröße.
Anwendung8 Punkte

3. a) Ein Dispersionslack mit einer Mindestfilmbildetemperatur von 12 °C (laut technischem Merkblatt) wird bei 8 °C verarbeitet; der Film wird rissig und weißlich. Erklären Sie den Vorgang. b) Warum lässt sich ein physikalisch getrockneter Film mit Lösemittel wieder anlösen, ein chemisch gehärteter nicht?

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a) Filmbildung bei DispersionenBeim Trocknen nähern sich die Polymerteilchen an, verformen sich und verschmelzen zu einem geschlossenen Film (Koaleszenz).
a) Ursache8 °C liegen unter der Mindestfilmbildetemperatur von 12 °C: Die Teilchen bleiben hart, verschmelzen nicht und liegen nur lose nebeneinander – der Film ist rissig und streut das Licht weißlich.
a) AbhilfeVerarbeitung und Trocknung oberhalb der Mindestfilmbildetemperatur des Systems (Herstellerangabe), gegebenenfalls Filmbildehilfsmittel (siehe L-76).
b) Physikalisch getrocknetDie Polymerketten sind nur verschlauft, nicht chemisch verbunden; ein geeignetes Lösemittel schiebt sich wieder zwischen die Ketten und löst den Film an.
b) Chemisch gehärtetDie Ketten sind zu einem Netzwerk vernetzt; Lösemittel kann das Netzwerk höchstens anquellen, aber nicht auflösen (siehe L-03).
Warum das eine Eins verdientTeil a: Die Antwort nennt die drei Schritte der Koaleszenz und erklärt den Fehler über die Mindestfilmbildetemperatur. Teil b: Der Unterschied wird über Verschlaufung gegen Vernetzung begründet, nicht nur behauptet.

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