Der Lacklaborant Lernwerk

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L-05

Molmasse und Molmassenverteilung

Mittelwerte, Verteilungsbreite und ihre Bestimmung

Prüfungsteil 1A 7.1 · B 12

KernaussageFür ein technisches Polymer lässt sich keine einheitliche molare Masse angeben — jedes einzelne Molekül hat zwar eine definierte Molmasse, die Probe als Ganzes aber eine Molmassenverteilung. Zahlenmittel Mn und Massenmittel Mw beschreiben diese Verteilung aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln; die Breite der Verteilung ist dabei oft wichtiger als ein einzelner Mittelwert.

Warum es Mn und Mw gibt

Ein kleines Molekül besitzt eine eindeutig definierte molare Masse. Ein technisches Polymer besteht dagegen aus vielen Molekülen unterschiedlicher Kettenlänge. Beispiel: In einer Polymerprobe können Moleküle mit 5 000, 10 000, 20 000 und 50 000 g/mol vorkommen; die chemische Grundstruktur ist gleich, unterschiedlich ist nur die Zahl der verknüpften Monomereinheiten.

Eine einzige Durchschnittszahl beschreibt diese Verteilung nicht ausreichend: Schon ein kleiner Anteil sehr hochmolekularer Ketten kann Eigenschaften wie die Lösungsviskosität deutlich beeinflussen. Deshalb betrachtet man die Probe aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln.

Zahlenmittel Mn und Massenmittel Mw

Zahlenmittel Mn — jedes Molekül wird gleich gewichtet; ein Molekül mit 10 000 g/mol zählt genauso stark wie eines mit 100 000 g/mol. Mn beschreibt damit die Molmasse eines durchschnittlichen Polymermoleküls.
Mn = Σ(Ni · Mi) / ΣNi
(Ni = Anzahl der Moleküle mit der Molmasse Mi; Σ heißt: über alle vorkommenden Molmassen aufsummieren. Oben steht also die Gesamtmasse der Probe, unten die Gesamtzahl der Moleküle.)

Massenmittel Mw — größere Moleküle werden stärker gewichtet; ein Molekül mit 100 000 g/mol enthält zehnmal so viel Polymermasse wie eines mit 10 000 g/mol. Mw reagiert deshalb besonders empfindlich auf hochmolekulare Ketten.
Mw = Σ(Ni · Mi²) / Σ(Ni · Mi)
(Beim Massenmittel ist der Gewichtungsfaktor jeder Molekülsorte nicht ihre Anzahl Ni, sondern ihre Masse Ni · Mi. Gemittelt wird die Molmasse Mi — also Σ(Ni · Mi · Mi) / Σ(Ni · Mi), daher steht oben Mi². Unten steht die Gesamtmasse der Probe, weil man bei einem gewichteten Mittel immer durch die Summe der Gewichtungsfaktoren teilt.)

Rechenbeispiel

Eine Probe enthalte je ein Molekül mit 10 000, 20 000 und 30 000 g/mol.
Mn = (10 000 + 20 000 + 30 000) / 3 = 20 000 g/mol
Mw = (10 000² + 20 000² + 30 000²) / (10 000 + 20 000 + 30 000) = 23 333 g/mol

Mw ist größer, weil die größeren Moleküle bei Mw stärker in die Mittelwertbildung eingehen.

Dispersität Đ

Die Dispersität beschreibt, wie breit die Molmassenverteilung ist. Warum der Quotient das kann: Mn zählt alle Moleküle gleich, Mw lässt die großen stärker zählen. Sind alle Ketten gleich lang, kommt bei beiden dasselbe heraus. Sind kurze und lange Ketten gemischt, ziehen die kurzen Mn nach unten und die langen Mw nach oben — je ungleicher die Kettenlängen, desto größer wird Mw/Mn:
Đ = Mw / Mn

Für das obige Beispiel: Đ = 23 333 / 20 000 = 1,17. Je näher Đ bei 1 liegt, desto enger ist die Verteilung; für eine ideal monodisperse (molekulareinheitliche) Probe gilt Mw = Mn und damit Đ = 1.

Đ-Bereiche verschiedener Herstellverfahren — Vertiefung

Vertiefung — über dem Prüfungsstoff

Lebende Polymerisation — einfach erklärt: Bei einer normalen Polymerisation wächst eine Kette, bis ein Kettenabbruch sie stoppt; danach kann sie nicht weiterwachsen. Bei einer lebenden Polymerisation wird dieser Abbruch weitgehend vermieden: Die Kette bleibt reaktionsfähig und nimmt weitere Monomere auf, solange welche vorhanden sind. Dadurch wachsen viele Ketten kontrollierter und mit ähnlicherer Länge — die Molmassenverteilung kann sehr eng werden, Đ etwa 1,05 bis 1,2. „Lebend“ heißt hier also nicht biologisch lebendig, sondern: Das Kettenende bleibt reaktionsfähig. Konventionelle radikalische Polymerisationen — etwa viele Acrylatharze — liegen meist bei Đ ≈ 1,5 bis 3. Lineare Polykondensate, zum Beispiel gesättigte Polyester, liegen um Đ ≈ 2; verzweigte Typen (mit Triol) deutlich darüber.

Das sind grobe Richtwerte, keine festen Grenzen.

Warum entsteht überhaupt ein Gemisch aus kurzen und langen Ketten? Bei der normalen radikalischen Polymerisation starten und enden ständig neue Ketten nebeneinander — manche werden lang, manche kurz; enger wird es, wenn Monomer und Initiator langsam und gleichmäßig zudosiert werden und die Temperatur konstant bleibt. Bei der Polykondensation verbinden sich die Moleküle zufällig, mal zwei kleine, mal ein kleines mit einem großen. Ganz eng wird die Verteilung nur mit den lebenden Polymerisationen, die reine Monomere und besondere Initiatoren brauchen — das kostet Aufwand.

Was das für den Lack bedeutet: Eine enge Verteilung ist meist günstiger — die Lösung bleibt dünnflüssiger, weil keine übergroßen Ketten dabei sind; für High-Solid-Lacke ist das wichtig (siehe unten, Lacktechnische Bedeutung). Bei einer breiten Verteilung machen die wenigen sehr langen Ketten die Lösung zäh, und die sehr kurzen Ketten werden beim Härten nur eingebunden, wenn sie reaktive Gruppen tragen — sonst bleiben sie als weiche Reste im Film und schwächen Härte und Beständigkeit; sie helfen allerdings beim Verlauf. Für den Laboralltag genügt die Kernaussage: Ein enges Đ bedeutet gleichmäßigere Ketten und damit besser vorhersagbares Verhalten.

Bestimmungsmethoden

  • Viskosimetrie — man misst, wie zäh eine verdünnte Lösung des Polymers fließt: je länger die Ketten, desto zäher. Daraus erhält man das Viskositätsmittel Mv, das meist zwischen Mn und Mw liegt, näher an Mw (Fachrechner „Viskositätszahlen“), oder den K-Wert nach Fikentscher: eine dimensionslose Kennzahl für das viskositätsbezogene Verhalten eines Polymers in Lösung. Er wird aus dem Viskositätsverhalten bestimmt und ist keine direkte Angabe der Molmasse. Vereinfacht gilt bei vergleichbaren Prüfbedingungen: höherer K-Wert → längere Polymerketten → höhere Lösungsviskosität. Beispiel: Ein PVC mit K 70 hat unter vergleichbaren Bedingungen typischerweise eine höhere Lösungsviskosität als ein PVC mit K 60. Der K-Wert steht bei PVC, Polyvinylchlorid-Mischpolymerisaten (siehe L-22) und Polyvinylacetat als Typkennzahl im Datenblatt (für PVC genormt in DIN EN ISO 1628-2). Die genaue Lösungsviskosität hängt zusätzlich von Polymerkonzentration, Polymerstruktur, Lösemittel, Temperatur und den Prüfbedingungen ab.
  • Dampfphasenosmometrie — liefert das Zahlenmittel Mn. Ein Tropfen Polymerlösung und ein Tropfen reines Lösemittel hängen nebeneinander in Lösemitteldampf. Auf dem Lösungstropfen schlägt sich Dampf nieder, dadurch wird er ein wenig wärmer. Warum: An jeder Oberfläche verdunsten ständig Moleküle und schlagen sich zugleich welche aus dem Dampf nieder. Auf beide Tropfen treffen gleich viele Moleküle aus dem Kammerdampf — aber aus dem Lösungstropfen verdunsten weniger, weil ein Teil seiner Oberfläche von Polymermolekülen besetzt ist. Er nimmt deshalb netto Dampf auf, und jedes niedergeschlagene Molekül gibt seine Verdampfungswärme an den Tropfen ab. Wie viel wärmer, hängt nur davon ab, wie viele Moleküle gelöst sind — nicht wie groß sie sind. Die Methode zählt also Moleküle. Sie wird mit einem Stoff bekannter Molmasse geeicht und eignet sich vor allem für kleine Molmassen (Oligomere, niedermolekulare Harze), weil der Effekt bei großen Ketten zu klein wird.
  • Gelpermeationschromatographie (GPC) — die Standardmethode. Die gelöste Probe wird durch eine Säule gepumpt, die mit einem porösen Gel gefüllt ist. Kleine Moleküle schlüpfen in die Poren, machen Umwege und kommen spät heraus; große Moleküle passen kaum hinein, laufen außen vorbei und kommen zuerst. Ein Detektor am Ende misst, wie viel Polymer wann herauskommt — das ergibt die ganze Molmassenverteilung und daraus Mn, Mw und Đ. Die Säule trennt nach der Größe der Molekülknäuel, nicht direkt nach der Masse. Geeicht wird mit Polymeren bekannter Molmasse (meist Polystyrol); die Werte gelten dann als Polystyrol-Äquivalente.

Lacktechnische Bedeutung

Molmasse und Molmassenverteilung beeinflussen insbesondere Lösungsviskosität, Verarbeitbarkeit, Filmbildung und mechanische Filmeigenschaften. Ein Filmbildner, der eine geringe Lösungsviskosität und damit einen lösemittelärmeren Lack ergeben soll, braucht neben einer möglichst niedrigen molaren Masse auch eine enge Molmassenverteilung — schon wenige sehr große Moleküle treiben die Viskosität überproportional nach oben.

Merksatz

Zwei Harzchargen besitzen den gleichen Festkörper, zeigen aber unterschiedliche Viskositäten. Könnte die Molmasse oder Molmassenverteilung eine Rolle spielen? Welcher Mittelwert reagiert besonders stark auf einen höheren Anteil großer Moleküle? Wie breit ist die Molmassenverteilung?
Mn ist das Zahlenmittel der Molmasse: Jedes Molekül geht dabei mit gleicher Gewichtung in den Mittelwert ein. Mw ist das Massenmittel der Molmasse: Größere Moleküle werden stärker gewichtet als kleinere. Daher gilt für eine reale Polymerverteilung grundsätzlich: Mw ≥ Mn. Je breiter die Molmassenverteilung ist, desto stärker können sich Zahlen- und Massenmittel unterscheiden.
Für die Lackpraxis ist wichtig: Die Viskosität einer Polymerlösung hängt nicht allein vom Festkörper ab. Auch Molmasse, Molmassenverteilung, Polymerstruktur, Lösemittel und Temperatur beeinflussen das Fließverhalten.

Polymerisationsgradmolare MasseZahlenmittelMassenmittelDispersitätMolmassenverteilungVerteilungsbreiteGPCGelpermeationschromatographieViskosimetriespezifische Viskositätreduzierte ViskositätViskositätszahlGrenzviskositätDampfphasenosmometrieK-Wert
Quellen
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • DIN EN ISO 1628-2

Übungsblatt Ü-05

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis7 Punkte

1. Erklären Sie, warum Mw bei einer realen Molmassenverteilung größer als Mn ist.

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Zahlenmittel MnJedes Molekül wird gleich gewichtet — Mn ist das arithmetische Mittel der molaren Masse.
Massenmittel MwGrößere Moleküle bringen mehr Masse mit und gehen dadurch stärker in den Mittelwert ein als die gleiche Anzahl kleiner Moleküle.
FolgerungDa die großen Moleküle stärker gewichtet werden, fällt Mw größer aus als Mn. Nur bei einer monodispersen (molekulareinheitlichen) Probe, bei der alle Moleküle dieselbe Masse haben, gilt Mw = Mn.
Warum das eine Eins verdientDer Grenzfall der monodispersen Probe wird ergänzt. Er zeigt, dass der Zusammenhang durchdrungen und nicht nur nachgesprochen wurde.
Berechnung9 Punkte

2. Ein Polymergemisch enthält 0,50 mol einer Fraktion mit M = 5 000 g/mol und 0,50 mol einer Fraktion mit M = 15 000 g/mol. Berechnen Sie Mn.

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Gegebenn₁ = 0,50 mol bei M₁ = 5 000 g/mol; n₂ = 0,50 mol bei M₂ = 15 000 g/mol
AnsatzMn = (n₁ · M₁ + n₂ · M₂) / (n₁ + n₂)
RechnungMn = (0,50 · 5 000 + 0,50 · 15 000) / (0,50 + 0,50) = 10 000 g/mol
AntwortsatzDas Zahlenmittel beträgt 10 000 g/mol — bei gleichen Stoffmengen entspricht das dem einfachen arithmetischen Mittel der beiden Molmassen.
Warum das eine Eins verdientDas Zahlenmittel wird korrekt über die Stoffmengenanteile gebildet; bei gleichen Stoffmengen entspricht es dem einfachen arithmetischen Mittel.
Anwendung6 Punkte

3. Zwei Bindemittel haben dasselbe Mn, aber unterschiedliche Molmassenverteilungen. Welches wird bei vergleichbarer Konzentration typischerweise die niedrigere Lösungsviskosität besitzen?

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AntwortTypischerweise das Bindemittel mit der engeren Molmassenverteilung.
BegründungEine kleine Fraktion sehr großer Moleküle kann die Viskosität stark erhöhen; die vielen kleineren Moleküle können das nicht ausgleichen, obwohl der Mittelwert gleich bleibt. Der genaue Zusammenhang hängt zusätzlich von Polymerstruktur, Konzentration, Lösemittel und Temperatur ab.
PraxisbezugBei High-Solid-Systemen beeinflussen Molmasse und Molmassenverteilung wesentlich die Viskosität und Verarbeitbarkeit; eine gute Spritzbarkeit hängt jedoch von der gesamten Formulierung und den Verarbeitungsbedingungen ab.
Warum das eine Eins verdientDie Begründung kommt ohne zusätzliche Kenngröße aus und stützt sich auf den überproportionalen Zusammenhang. Der Praxisbezug zeigt, warum die Frage im Berufsalltag zählt.

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