Der Lacklaborant Lernwerk

Alle Tafeln › Kapitel 9 · Anwendungen: Objektlackierung

L-113

Füller (Primer-Surfacer) in der Automobillackierung

Steinschlagschutz, Egalisieren und Haftvermittlung zwischen KTL und Basislack

WahlqualifikationB 7 · B 3

KernaussageDer Füller egalisiert den Untergrund, macht ihn schleifbar, vermittelt Haftung und schützt vor Steinschlag — ein pigmentreicher, zähelastischer Polyester-Einbrennlack, zunehmend wässrig.

Aufgabe des Füllers

Der Füller liegt zwischen KTL und Basislack (siehe L-111). Er gleicht Unebenheiten des Untergrunds aus, ist gut schleifbar, verbessert die Zwischenschichthaftung und gibt dem Basislack einen ebenen, deckenden Grund. Eine zentrale Funktion des Füllers ist der Steinschlagschutz: Er nimmt Schlagenergie auf und verhindert Durchschläge bis zum Blech.

Aufbau (lösemittelhaltig)

Filmbildner ist meist ein gesättigter Polyester, der beim Einbrennen mit einem verkappten Polyisocyanat und einem Melaminharz vernetzt (siehe L-32). Pigmentiert und gefüllt wird mit Titandioxid, Bariumsulfat und etwas Ruß in relativ hoher Pigment-Volumen-Konzentration — das gibt Deckvermögen, Schleifbarkeit und Fülle.

Steinschlagschutz durch Zähelastizität

Der Steinschlagschutz beruht auf der richtigen Einstellung von Härte und Elastizität. Ein zu spröder Füller platzt bei Schlag ab, ein zu weicher schützt nicht. Über Bindemittelwahl und Vernetzungsgrad wird ein zähelastisches, gut haftendes Netzwerk eingestellt, das die Energie eines Steinschlags aufnimmt, ohne dass die darunterliegende KTL verletzt wird.

Wasserfüller

Aus Umweltgründen dominieren heute Wasserfüller. Wasserfüller können beispielsweise wasserverdünnbare Polyester, die über ihre Säuregruppen mit einem Amin neutralisiert werden (leicht alkalisch, pH etwa 8), oder Polyurethandispersionen enthalten; die Vernetzung erfolgt abhängig vom konkreten Bindemittel- und Härtersystem. Sie senken den Lösemittelausstoß deutlich (siehe L-168) bei vergleichbarem Eigenschaftsniveau.

Kennzahlen und Applikation

Applikation OEM: elektrostatischer ESTA-Hochrotationszerstäuber; Verarbeitungsviskosität wässrig 30–45 s DIN 4/20 °C; Feststoffgehalt Wasserfüller ca. 45–55 Gew.-%.
Schichtdicke: 25–40 µm Trockenfilm (Automobil-Füller, OEM).
Einbrennen: 160–170 °C Objekttemperatur, 20–25 min.
Wichtig vor dem Einbrennen: kurze Zwischenlüftung 5–10 min bei Raumluft, damit das Wasser entweichen kann — sonst entstehen Kocher (Blasen) im Film.
Nach dem Einbrennen in der Nacharbeit bzw. Reparaturlackierung: Schleifen mit P320–P400 (nass oder trocken), Entstauben, Reinigen. In der OEM-Serienlinie wird der Füller in der Regel nicht vollflächig geschliffen, sondern nur punktuell nachgearbeitet.
nfA und PVK sind die zentralen Rezepturkennzahlen (siehe L-55, L-112).

Vernetzungsreaktion im Wasserfüller

Wasserfüller auf Polyester-Melamin-Basis — zwei Schritte:
Schritt 1 — Wasserdispergierbarkeit durch Neutralisation: Der gesättigte Polyester trägt freie Carboxylgruppen (–COOH). Ein flüchtiges Amin, meist DMEA (Dimethylethanolamin), entzieht der Carboxylgruppe das Proton, wird dabei selbst protoniert und neutralisiert sie so: R–COOH + (CH₃)₂N–CH₂CH₂OH → R–COO⁻ + [(CH₃)₂NH–CH₂CH₂OH]⁺. Der ionisch geladene Polyester wird damit wasserdispergierbar.
Schritt 2 — Vernetzung beim Einbrennen: Das Amin verdampft bei 80–100 °C aus dem Film (pH sinkt). Die nun freien Carboxyl- und OH-Gruppen des Polyesters reagieren mit dem HMMM-Melaminvernetzer: R–OH + CH₃O–CH₂–N< → R–O–CH₂–N< + CH₃OH (Umetherung) oder R–COOH + CH₃O–CH₂–N< → R–COO–CH₂–N< + CH₃OH. Im vollveretherten Melaminharz sitzen keine freien Methylolgruppen mehr, deshalb wird Methanol frei und nicht Wasser; Wasser entsteht nur bei nicht veretherten, methylolfunktionellen Aminoharzen. Das freigesetzte Methanol ist bei der Abluftbetrachtung zu berücksichtigen. Ergebnis: dreidimensionales Polyester-Melamin-Netzwerk mit guter Chemikalienbeständigkeit und Steinschlagzähigkeit.
Praxishinweis: Zu saures oder zu basisches Milieu beim Mischen oder Lagern verschlechtert die Dispersionsstabilität. pH-Zielwert des Wasserfüllers: 8,0–8,5.

Einbrennfüller hellgrau — Herstellrezept (Polyester/Melamin)

Vollständiges Herstellrezept eines lösemittelhaltigen Einbrennfüllers hellgrau nach Müller/Poth (Tab. II-2.3); PVK = 25 Vol.-%, Einbrennen 165 °C, 35 µm TF; elektrostatisch gespritzt:

Mahlansatz                              Gew.-%
Desmophen T 1665 (65 % SN/IB, Covestro)  14,08  (ges. Polyester)
Ti-Pure R 706 (Chemours)                 16,55  (TiO₂ Rutil)
Blanc Fixe N (Sachtleben)               16,55  (Bariumsulfat)
Micro Talc IT extra (Mondo)               1,75  (Talkum)
Bayferrox 3910 LV (Lanxess)              0,10  (Eisenoxidgelb)
Flammruß 101 (Evonik)                    0,04  (Ruß)
Octa Soligen Ca 10 % (Borchers)          0,30  (Netzmittel)
Bentone 34 (10 % IB, Elementis)          2,50  (Antiabsetz)
Solventnaphtha (Exxon)                   3,13
Isobutanol                               1,50
Zwischensumme Mahlansatz               56,50

Auflacken                               Gew.-%
Desmophen T 1665 (65 % SN/IB)           15,00
Cymel 327 (90 % IB, Allnex)             10,41  (Melamin-Imino-Typ)
Epikote 1001 (Hexion, 60 %)              5,78  (EP-Harz als Haftungsverbesserer)
Additol XL 490 (Verlaufmittel)           0,30
Solventnaphtha                           6,37
Methoxypropanol (MPA)                    2,22
Isobutanol                               0,92
Butyldiglykol                            2,50
Zwischensumme Auflacken                43,50

Gesamtsumme                            100,00
nfA = 65,8 %; Lösemittel = 34,2 % (Angabe der Quelle). Wer selbst nachrechnet — Einwaage mal Feststoffanteil der jeweiligen Lieferform, aufsummiert — kommt auf rund 67 %. Solche Abweichungen von ein bis zwei Prozentpunkten entstehen, weil die tatsächlichen Feststoffgehalte der Hilfsprodukte (Netzmittel, Verlaufmittel, Antiabsetzmittel) von den gerundeten Katalogangaben abweichen. Für die Praxis heißt das: Die nfA einer übernommenen Rezeptur immer nachrechnen und den eigenen Wert dokumentieren.
Herstellreihenfolge: Mahlansatz auf Korngröße ≤ 15 µm dispergieren, dann Auflackkomponenten zugeben und homogenisieren.
Quelle: Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur, Tab. II-2.3.

Optimales AK:MF-Verhältnis für Alkyd-Melamin-Einbrennsysteme

Beim Alkyd-Melamin-Einbrennsystem (AK = Alkydharz, MF = Melaminharz) bestimmt das Mischungsverhältnis das Eigenschaftsniveau entscheidend. Das Optimum für die Summe aus Härte, Flexibilität und Wetterbeständigkeit liegt nach Müller/Poth bei ca. 70:30 bis 80:20 Gew.-% (AK:MF):

< 65 % AK (zu viel MF): hohe Vernetzungsdichte, aber spröde, mangelnde Elastizität, Haftungsprobleme — der Film ist übernetzt.
70–80 % AK / 20–30 % MF: optimales Gleichgewicht aus Härte, Flexibilität und Witterungsbeständigkeit. Praxisstartpunkt: 75:25.
> 85 % AK (zu wenig MF): ausreichende Flexibilität, aber unzureichende Vernetzung → geringe Härte, schlechtere Wetterbeständigkeit.

Anpassung: Für Einbrennfüller (höhere Flexibilität gewünscht) tendenziell mehr AK; für harte Decklacke tendenziell mehr MF — aber stets im genannten Optimumfenster bleiben.
Quelle: Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur, Abb. II-2.10.

Merksatz

Der Füller ist der zähelastische Puffer: Er egalisiert, macht schleifbar, haftet und fängt vor allem den Steinschlag ab. Pigmentreicher Polyester-Einbrennlack mit verkapptem Isocyanat und Melamin — heute überwiegend wässrig.

FüllerPrimer-SurfacerAutomobillackierungSteinschlagschutzgesättigter Polyesterverkapptes PolyisocyanatMelaminharzZähelastizitätWasserfüllerPolyurethandispersionPVKEinbrennlackDesmophenCymel 327MahlansatzAuflackenEinbrennfüllerAK:MF-VerhältnisAlkyd-Melamin
Quellen
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur

Übungsblatt Ü-113

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Erklären Sie, worauf der Steinschlagschutz eines Füllers beruht, und warum sowohl ein zu sprödes als auch ein zu weiches Einstellen ungünstig ist.

Musterlösung anzeigen
GrundprinzipDer Füller muss die Energie eines Steinschlags aufnehmen, ohne dass die darunterliegende KTL verletzt wird — er wirkt als zähelastischer Puffer.
Zu sprödeEin zu spröder Film platzt bei Schlag ab und gibt den Untergrund frei.
Zu weichEin zu weicher Film schützt nicht ausreichend und lässt sich schlecht schleifen.
EinstellungÜber Bindemittelwahl und Vernetzungsgrad wird ein zähelastisches, gut haftendes Netzwerk eingestellt.
Warum das eine Eins verdientDie Antwort erklärt den Puffer-Gedanken und begründet beide Fehlrichtungen (spröde/weich) konkret.
Berechnung10 Punkte

2. Ein Füller enthält je Rezeptureinheit: 22 GT Titandioxid (Dichte 4,1), 30 GT Bariumsulfat (Dichte 4,4), 0,6 GT Ruß (Dichte 1,8) und 20 GT Bindemittel-Festkörper (Dichte 1,2). Berechnen Sie die Pigment-Volumen-Konzentration: PVK = (V(Pigment) + V(Füllstoff)) / (V(Pigment) + V(Füllstoff) + V(Bindemittel)) · 100; Volumen = Masse ÷ Dichte (siehe L-112).

Musterlösung anzeigen
PigmentvoluminaTiO2: 22/4,1 = 5,37; BaSO4: 30/4,4 = 6,82; Ruß: 0,6/1,8 = 0,33; Summe = 12,52 Volumenteile
Bindemittelvolumen20/1,2 = 16,67 Volumenteile
PVKPVK = Pigmentvolumen / (Pigmentvolumen + Bindemittelvolumen) · 100 % = 12,52 / (12,52 + 16,67) · 100 %
ErgebnisPVK = 12,52 / 29,19 · 100 % = 42,9 %
Warum das eine Eins verdientAlle Feststoffe werden über Masse durch Dichte in Volumen umgerechnet; das Ergebnis von rund 43 % ist für einen Füller ein hoher Wert — er erklärt Fülle und Schleifbarkeit. Ob er nahe der kritischen PVK liegt, lässt sich erst mit der KPVK des konkreten Pigment-/Bindemittelsystems beurteilen (Bestimmung siehe L-55); die im Rezept dieser Tafel angesetzten 25 Vol.-% sind der übliche Bereich.
Anwendung6 Punkte

3. Ein Automobilhersteller möchte den VOC-Ausstoß der Lackierlinie senken und erwägt, den lösemittelhaltigen Füller zu ersetzen. Welche Alternative empfehlen Sie und wie ist sie aufgebaut?

Musterlösung anzeigen
EmpfehlungEinen Wasserfüller einsetzen.
AufbauAls Bindemittel wasserverdünnbare Polyester, die über ihre Säuregruppen mit einem Amin neutralisiert werden (leicht alkalisch, pH etwa 8), oder Polyurethandispersionen — jeweils mit Melaminharz vernetzt.
NutzenDeutlich geringerer Lösemittelausstoß bei vergleichbarem Eigenschaftsniveau (siehe L-168).
Warum das eine Eins verdientDie Antwort nennt den Wasserfüller und beschreibt Bindemittel und Neutralisation korrekt.

↪ Diese Tafel im interaktiven Lernwerk öffnen