Alle Tafeln › Kapitel 11 · Druckfarben
L-149
Bedruckstoffe, QK, Compliance und Arbeitsschutz
Haftung, Qualitätskontrolle, Prüfmethoden, Lebensmittelkontakt und Sicherheit
WahlqualifikationB 11
Bedruckstoff, Benetzung und Haftung
Die Druckfarbe endet nicht am Farbfilm: Das Substrat bestimmt mit, ob Benetzung, Trocknung und Haftung funktionieren.
Substrat | Typische Herausforderung | Prüfung/Lösung:
Papier/Karton | Saugfähigkeit, Oberflächenstruktur, Wegschlagen → Bindemittel muss zur Saugfähigkeit passen
PE/PP | Niedrige Oberflächenenergie → Corona-/Plasma-/Beflammungsbehandlung; Dyne-Kontrolle
PET | Je nach Oberfläche gute bis anspruchsvolle Haftung; Behandlungsgrad und Bindemittelauswahl beachten
Metall | Benetzung, Haftung, Vorbehandlung (entfetten), Flexibilität des Films
Glas | Sehr geringe Oberflächenrauheit; Haftung und Reinigung besonders wichtig; ggf. Primer
Textil | Penetration, Griff, Waschbeständigkeit und Fixierung
Benetzung: Spreitung einer Flüssigkeit auf einer Oberfläche hängt von Oberflächenspannung der Farbe, Oberflächenenergie des Substrats, Temperatur und Kontamination ab.
Fehlerbild: Schlechte Benetzung → Krater, Fehlstellen, ungleichmäßiger Farbauftrag. Ursache kann Farbe, Substrat oder Kontamination sein — nicht sofort die Rezeptur ändern.
Qualitätskontrolle — die Labor-Schleife
Die wichtigste Arbeitsweise im Labor: Abweichung → mögliche Ursache eingrenzen → gezielte Prüfung → Maßnahme → Kontrollprüfung.
Abweichung | Typische Ursachen | Erste Prüfung:
Farbtonabweichung | Pigment, Dispergierung, Dosierung, Schichtdicke, Substrat | Farbmessung, Vergleichsaufzug, Feinheit
Zu geringe Farbstärke | Pigment, Dispergierung, falsches Vehicle | Farbstärkevergleich, Dispersion prüfen
Schlechte Haftung | Substrat, Benetzung, Vorbehandlung, Bindemittel, Härtung | Haftungs-/Abriebtest, Gitterschnitt (ISO 2409)
Zu langsame Trocknung | Lösemittel/Wasser, Bindemittel, Temperatur, Schichtdicke | Trocknungs-/Wischprüfung
Streifen/Grobteile | Dispergierung, Kontamination | Feinheit (ISO 1524), Filterrückstand
Krater/Fehlstellen | Kontamination, Benetzung | Aufzugsvergleich, Oberflächenspannung prüfen
UV-Unterhärtung | Dosis, Pigment, Schichtdicke, Photoinitiator, Sauerstoff | Abrieb, MEK-Wischtest
Blocken | Restklebrigkeit, Trocknung | Blockprüfung, Trocknungszustand
Dokumentieren: Temperatur, Messgerät, Methode, Substrat, Schichtdicke, Zeitpunkt nach Herstellung/Auftrag und Standard immer festhalten.
Prüfmethoden und Normbezüge
Wozu im Druckfarbenlabor: Feinheit entscheidet über Druckbild und Düsen-/Rasterverhalten, Viskosität und Tack über Farbübertragung und Rupfen, Gitterschnitt über die Haftung auf dem Bedruckstoff — jede Methode beantwortet eine konkrete Frage aus der Produktion.
Normen werden als Orientierung genannt. Für eine reale Spezifikation muss immer geprüft werden, ob die Methode für das jeweilige Druckfarbensystem geeignet ist.
Feinheit der Mahlung | ISO 1524:2020 | Für Farben, Lacke und Druckfarben; schuppenförmige Pigmente eingeschränkt
Paste-Viskosität | ISO 12644:1996 | Fallstab; Anwendungsbereich ca. 2–200 Pa·s; für pastöse Druckfarben
Auslaufzeit | ISO 2431:2019 | Auslaufbecher; Fließzeit in Sekunden; Umrechnung in mPa·s nur als Richtwert für newtonsche Systeme
Gitterschnitt | ISO 2409:2020 | Widerstand gegen Ablösung; keine direkte quantitative Haftfestigkeitsmessung
Tack | kein gültiger internationaler Normbezug (ASTM D4361 wurde 2019 zurückgezogen); Verfahren nach Angabe des Geräteherstellers | Inkometer; Wert geräte- und temperaturabhängig; immer Bedingungen angeben
Für Druckfarben außerdem praxisrelevant: Farbton/Farbstärke, Dichte, Feinheit, Rheologie, Trocknung/Härtung, Haftung/Abrieb, Lagerstabilität, Filtrierbarkeit (Inkjet).
Lebensmittelkontakt und Compliance
Bei Lebensmittelverpackungen reicht die Aussage „geeignete Druckfarbe“ nicht aus. Die Eignung hängt vom gesamten Verpackungsaufbau und der vorgesehenen Anwendung ab.
Migration: Übergang von Stoffen aus dem Verpackungsaufbau ins Lebensmittel. Einflussgrößen: Stoffeigenschaften (Molekülgröße, Polarität), Konzentration, Kontaktzeit, Temperatur, Schichtaufbau und Barrierewirkung.
NIAS: Non-Intentionally Added Substances — Reaktions-, Abbau- oder Verunreinigungsprodukte, nicht als Rohstoff dosiert, aber vorhanden.
MOSH/MOAH: Mineralölkohlenwasserstoffe; relevant bei Papier/Karton und Recyclingfasern. Eine mineralölfreie oder pflanzenölbasierte Formulierung ist keine automatische Freigabe für Lebensmittelkontakt.
EuPIA-Kontext: Die frühere EuPIA Exclusion Policy wurde 2026 durch die EuPIA Charter on Raw Material Selection and Exclusion ersetzt. Die EuPIA GMP liegt seit November 2025 in der 5. Version vor. Beides sind Branchenleitlinien — kein Ersatz für gesetzliche Anforderungen.
Arbeitsschutz bei Druckfarben
Druckfarben können je nach System Lösemittel, reaktive Monomere, Pigmente, Additive oder andere Gefahrstoffe enthalten. Konkrete Gefährdung immer anhand des aktuellen Sicherheitsdatenblatts und der betrieblichen Gefährdungsbeurteilung bewerten.
System | Besonders beachten:
Lösemittelhaltig | Einatmen, Hautkontakt, Brand-/Explosionsschutz, Absaugung, Ex-Schutz
UV/ESH | Reaktive Acrylate (sensibilisierend); UV-Strahlung; Hochspannung/Elektronen bei ESH
Wasserbasiert | Konservierungsmittel, Amine/pH; Aerosole systemabhängig
Pigmenthaltig | Staubbildung beim Umgang mit Pulverrohstoffen — Feinstaubmaske!
Inkjet | Sehr feine Partikel; Gefahrstoffprofil systemabhängig
Grundregel: Schutzmaßnahmen nicht aus einem allgemeinen Rezeptbuch ableiten. Sicherheitsdatenblatt, Betriebsanweisung, Gefährdungsbeurteilung und betriebliche Vorgaben haben Vorrang.
Merksatz
Haftung beginnt bei der Benetzung: Die Oberflächenenergie des Bedruckstoffs muss über der Oberflächenspannung der Farbe liegen — sonst hilft keine Rezepturkosmetik. Bei einer Rezepturänderung ist der Farbton die einfachste Prüfung, nicht die wichtigste; über die Verpackungstauglichkeit entscheiden Härtung, Reststoffe und NIAS. Compliance für Lebensmittelkontakt ist eine Aussage über das gesamte Verpackungssystem, nicht über einen einzelnen Rohstoff.
- DIN EN ISO 1524
- ISO 12644
- DIN EN ISO 2431
- DIN EN ISO 2409
- EuPIA Exclusion Policy / Charter (Fassung 2026)
- EuPIA Good Manufacturing Practice (GMP), 5. Fassung 2025
- Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
Übungsblatt Ü-149
Prüfen, ob es sitzt.
1. Ein Unternehmen wechselt das Pigment in einer wasserbasierten Flexofarbe für Tiefkühlverpackungen. Was muss vor der Freigabe der neuen Rezeptur geprüft werden?
Musterlösung anzeigen
2. Ein Rohstofflieferant bietet ein günstigeres Bindemittel an, das laut Sicherheitsdatenblatt für Druckfarben geeignet ist. Die Farbe ist für eine Lebensmittelkarton-Verpackung. Erklären Sie, warum „geeignet für Druckfarben“ allein keine ausreichende Aussage ist.
Musterlösung anzeigen
3. Eine UV-Siebdruckfarbe auf Glas zeigt nach dem Druck schlechte Haftung und Kraterbildung. Beschreiben Sie eine systematische Fehlersuche nach der Labor-Schleife.