Der Lacklaborant Lernwerk

Alle Tafeln › Kapitel 2 · Bindemittel und Lacktypen

L-28

2K-Epoxidharzlacke — Harze und Kennzahlen

Bisphenol-A-Harze, Epoxidwert und Epoxidäquivalent

WahlqualifikationB 12 · B 8

KernaussageEpoxidharze tragen reaktive Epoxidgruppen; ihr Epoxidwert bzw. Epoxidäquivalent sagt, wie viel Härter für die Vernetzung nötig ist.

Woraus Epoxidharze bestehen

Die wichtigsten Epoxidharze werden aus Bisphenol A und Epichlorhydrin hergestellt. Der einfachste Fall (n = 0) ist der Bisphenol-A-diglycidylether mit zwei Epoxidgruppen. Mit steigendem n wächst die Molmasse, und es entstehen mehr OH-Gruppen entlang der Kette. Da jedes Molekül weiterhin nur zwei endständige Epoxidgruppen trägt, nimmt die Zahl der Epoxidgruppen je Gramm Harz ab. Die Umsetzung erfolgt in Gegenwart von Natronlauge.

Flüssig oder fest

Niedermolekulare Harze (kleines n) sind flüssig und eignen sich besonders für lösemittelfreie oder festkörperreiche 2K-Lacke. Höhermolekulare Harze (großes n) sind fest und werden meist in lösemittelhaltigen Systemen eingesetzt, weil sie sich sonst kaum verarbeiten lassen — eine zwingende Notwendigkeit ist das Lösemittel aber nicht in jedem Fall, festkörperreiche Formulierungen mit sehr hochviskosen Harzen sind ebenfalls möglich. Wo gelöst wird, sind Xylol, Butanol und Butylglykol sowie Ketone wie Methylisobutylketon (MIBK) typisch; welches Gemisch passt, hängt von Molmasse, gewünschter Verdunstungsgeschwindigkeit und dem Aminhärter ab (siehe L-29).

Bisphenol A, Bisphenol F und Novolak — der Unterschied

Bisphenol-F-Epoxidharze sind chemisch eng mit dem Bisphenol-A-Typ verwandt, tragen aber eine schlanke CH₂-Brücke statt der sperrigen C(CH₃)₂-Brücke zwischen den beiden Phenolringen; das ergibt bei vergleichbarer Molmasse eine niedrigere Viskosität — vorteilhaft für lösemittelarme, festkörperreiche Systeme. Die Epoxidfunktionalität bleibt wie bei Bisphenol A vom Harzaufbau (n) abhängig.

Epoxid-Novolake sind dagegen strukturell anders aufgebaut: Sie entstehen aus einem Phenol-Formaldehyd-Oligomer mit mehreren phenolischen OH-Gruppen entlang der Kette, die alle glycidyliert werden — dadurch tragen sie mehr als zwei Epoxidgruppen je Molekül und sind typischerweise höherfunktionell als der Bisphenol-A- oder -F-Diglycidylether. Das kann bei geeigneter Härtung eine höhere Vernetzungsdichte ermöglichen — für höhere Chemikalien- und Temperaturbeständigkeit, etwa bei Rohrinnenbeschichtungen oder chemikalienfesten Industrieböden. Der Preis dafür: Novolak-Systeme sind meist höherviskoser bzw. lösemittelhaltiger, verlangen oft höhere Härtungstemperaturen und ergeben spürbar sprödere Filme als der Standard-Bisphenol-A-Typ — sie sind deshalb eine gezielte Wahl für hohe Beständigkeit, nicht die Standardqualität für jede Anwendung.

Die Kennzahl Epoxidwert

Der Epoxidwert gibt an, wie viele val Epoxidgruppen in 100 g Harz stecken. Er hängt am Epoxidäquivalent — der Masse Harz je Epoxidgruppe: Epoxidwert = 100 / Epoxidäquivalentmasse. Bei gleicher Harzmasse und gleichem angestrebten Äquivalentverhältnis gilt: Je höher der Epoxidwert, desto mehr reaktive Gruppen stecken in dieser Masse und desto mehr Härter wird gebraucht.

Das Epoxidäquivalent

Für ein difunktionelles Harz ist das Epoxidäquivalent gerade die halbe Molmasse (Molmasse / 2), weil zwei Epoxidgruppen je Molekül vorliegen. Mit steigender Molmasse steigt das Epoxidäquivalent und der Epoxidwert sinkt — es gibt weniger Epoxidgruppen je Gramm. Nicht verwechseln: Die Epoxidgruppe selbst (C₂H₃O) wiegt nur rund 43 g/mol — das ist die Masse der Struktureinheit, nicht die Formulierungskennzahl. Für die Rezeptur zählt das Epoxidäquivalentgewicht (EEW), also die Harzmasse je Epoxidgruppe. Anders gesagt: Ein Äquivalent ist ein Mol Epoxidgruppen, und das EEW ist die Harzmasse, die genau dieses eine Mol enthält (siehe L-29).

Wozu 2K-Epoxidlacke

2K-Epoxidharzlacke haften sehr gut, besonders auf Metall, und sind chemikalien- und wasserbeständig. Sie sind die klassischen Bindemittel für Korrosionsschutz, Industrie- und Bodenbeschichtungen; die gute Haftung ist dabei entscheidend (siehe L-12). Nachteilig sind Vergilbung und Kreidung im Außenlicht. Als 2K-EP-Zinkstaub- oder Zinkphosphat-Grundierungen sind sie ein wichtiger Baustein im schweren Korrosionsschutz (siehe L-99).

Gesundheit der Rohstoffe

Die Ausgangsstoffe sind nicht harmlos: Bisphenol A ist als fortpflanzungsgefährdend eingestuft und als besonders besorgniserregender Stoff (SVHC) wegen seiner endokrinen Wirkung gelistet — für Lebensmittelkontaktmaterialien ist BPA in der EU grundsätzlich verboten (Verordnung (EU) 2024/3190, siehe L-110 für die genauen Übergangsfristen). Epichlorhydrin, das bei der Harzherstellung eingesetzte Synthesereagenz, ist krebserzeugend. Beide werden bei der Harzherstellung weitestgehend umgesetzt bzw. gebunden; je nach Harztyp und Herstellverfahren können aber Restmonomere oder andere niedermolekulare Bestandteile im fertigen Harz vorhanden sein — „völlig reststofffrei“ lässt sich pauschal nicht behaupten. Beim Umgang mit dem noch nicht ausgehärteten Harz und mit Reststoffen gelten deshalb Schutzmaßnahmen. Erst die Reaktion mit dem sensibilisierenden Aminhärter (siehe L-29) macht aus dem flüssigen Harz den weitgehend inerten, ausgehärteten Film.

Reaktionsgleichung: Epoxidharz-Synthese

Der Epoxidring (Oxiran) — gespannter Dreiring aus 2 C- und 1 O-Atom:

    O
   / \
  C---C

Genau dieser Ring sitzt an den Kettenenden des fertigen Harzes.

Bildung — Bisphenol A + Epichlorhydrin, mit NaOH:
Bisphenol-A-(OH)₂ + 2 Epichlorhydrin + 2 NaOH →
Bisphenol-A-diglycidylether + 2 NaCl + 2 H₂O

Idealisierte Gesamtbilanz: Industrielle Epoxidharze sind je nach
Herstellverfahren tatsächlich Gemische unterschiedlicher Oligomere
(verschiedene n), nicht eine einzelne Reinsubstanz.

Die Endgruppen sind Epoxid-(Oxiran-)Ringe; der Epoxidwert gibt die
Zahl der Epoxidäquivalente je 100 g Harz an (Definition je nach Norm).

Merksatz

Epoxidwert und Epoxidäquivalent sind zwei Seiten derselben Kennzahl: Epoxidwert = 100 / Epoxidäquivalent. Sie sagen, wie viele Epoxidgruppen zu vernetzen sind — und damit, wie viel Härter (siehe L-29).

Epoxidharz2K-EPBisphenol AEpichlorhydrinDiglycidyletherEpoxidgruppeEpoxidwertEpoxidäquivalentmasseBisphenol FNovolakMolmasseKorrosionsschutzChemikalienbeständigkeit
Quellen
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie

Übungsblatt Ü-28

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Woraus werden die wichtigsten Epoxidharze hergestellt, und wie ändern sich Molmasse, OH- und Epoxidgruppen mit steigendem n?

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AusgangsstoffeBisphenol A und Epichlorhydrin. Der einfachste Fall (n = 0) ist der Bisphenol-A-diglycidylether mit zwei Epoxidgruppen.
Mit steigendem nDie Molmasse wächst.
OH-GruppenEs entstehen mehr OH-Gruppen entlang der Kette.
EpoxidgruppenJe Gramm Harz gibt es weniger Epoxidgruppen — der Epoxidwert sinkt.
Warum das eine Eins verdientDie Ausgangsstoffe werden genannt und die drei Trends (Molmasse hoch, OH hoch, Epoxidgruppen je Gramm runter) richtig zugeordnet — nicht verwechselt.
Berechnung9 Punkte

2. Ein difunktionelles flüssiges Epoxidharz hat die Molmasse 380 g/mol. Berechnen Sie das Epoxidäquivalent und den Epoxidwert.

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EpoxidäquivalentBei zwei Epoxidgruppen je Molekül: EÄ = Molmasse / 2 = 380 / 2 = 190 g/Äq.
EpoxidwertEpoxidwert = 100 / EÄ = 100 / 190 = 0,53 (val je 100 g)
AntwortsatzDas Harz hat ein Epoxidäquivalent von 190 g/Äq. und einen Epoxidwert von 0,53.
Zum VergleichDas ist ein unabhängiges Beispiel mit anderer Molmasse, keine Kontrolle desselben Harzes: Ein n=0-Harz aus Bisphenol-A-diglycidylether (DGEBA) aus der Literatur hat EÄ ≈ 170 g/Äq. und damit Epoxidwert ≈ 0,59 — die Formel Epoxidwert = 100/EÄ liefert bei anderer Molmasse also folgerichtig einen anderen Wert.
Warum das eine Eins verdientDas Epoxidäquivalent wird korrekt als halbe Molmasse (difunktionell) bestimmt und der Epoxidwert daraus abgeleitet. Der Vergleich mit einem Literaturharz zeigt, dass dieselbe Formel bei anderer Molmasse folgerichtig einen anderen Wert liefert — er ist kein Gegencheck derselben Rechnung.
Anwendung7 Punkte

3. Für eine lösemittelfreie Bodenbeschichtung wird ein Epoxidharz gebraucht. Wählen Sie zwischen einem niedermolekularen und einem hochmolekularen Harz und begründen Sie.

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WahlEin niedermolekulares (flüssiges) Epoxidharz mit kleinem n.
Begründung ViskositätFlüssige Harze lassen sich ohne Lösemittel verarbeiten — passend für ein lösemittelfreies System.
Begründung ReaktivitätDer höhere Epoxidwert bietet viele Vernetzungsstellen für einen harten, chemikalienbeständigen Boden.
GegenprobeEin hochmolekulares festes Harz ließe sich ohne Lösemittel kaum verarbeiten und wäre für diesen Zweck typischerweise ungeeignet.
Warum das eine Eins verdientDie Wahl wird an der Lösemittelfreiheit (flüssig statt fest) und am Epoxidwert festgemacht; die Gegenprobe zeigt, warum das feste Harz nicht passt.

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