Alle Tafeln › Kapitel 6 · Applikation
L-66
Applikationsverfahren I — Hand- und Fließverfahren
Streichen, Rollen, Rakeln, Tauchen, Walzen und Gießen
Prüfungsteil 1A 8.2
Handgeräte und ihre Aufgabe
- Pinsel — für kleine Flächen, Ecken, Kanten und Ausbesserungen. Der Auftrag hängt stark von der Handführung ab.
- Rolle — für große ebene Flächen wie Wände. Schneller als der Pinsel, hinterlässt aber eine feine Struktur.
- Rakel (Ziehklinge, Kastenrakel) — zieht auf einer ebenen Unterlage eine gut reproduzierbare Nassschicht aus; im Labor das Standardgerät für vergleichbare Prüfbeschichtungen.
Streichen und Rollen
Streichen und Rollen kommen mit einfachster Ausrüstung aus und tragen den Lack nahezu vollständig auf — es entsteht kaum Overspray. Dafür sind sie langsam, die Schichtdicke schwankt mit der Handführung, und es bleiben leicht Pinselstriche oder Strukturen zurück. Der Lack muss lange genug „offen“ bleiben, damit er verläuft und die Spuren sich schließen; ein strukturviskoses, gut verlaufendes Fließverhalten ist hier erwünscht (siehe L-10). Praxisbeispiele: Streichen von Holzfenstern, Türen und Fassadenflächen im Maler- und Bautenschutzbetrieb; Rollen von Innen- und Außenwänden auf der Baustelle sowie großflächigen Industrieböden.
Rakeln für definierte Schichten
Beim Rakeln zieht eine Klinge mit festem Spalt eine Nassschicht aus, deren Dicke sich über den Volumenfestkörper in eine berechenbare Trockenschichtdicke umrechnen lässt. Der Nassfilm entspricht allerdings nicht exakt dem Spalt: Durch die Scherung des Films unter der Klinge fällt er regelmäßig dünner aus als das Spaltmaß — praktisch nur etwa 60 bis 70 % davon; wie viel genau, hängt von Fließverhalten, Ziehgeschwindigkeit, Benetzung und Klingengeometrie ab. Die Nassschichtdicke wird deshalb gemessen und nicht aus dem Spaltmaß angenommen. Gerade deshalb verlangt eine reproduzierbare Prüfbeschichtung standardisierte Bedingungen: konstante Ziehgeschwindigkeit, Temperatur und damit Viskosität. Praxisbeispiele: vergleichbare Prüfbeschichtungen nach A 8.4 im Lacklabor (Prüftafeln nach ISO 1514, Schichtdicke gemessen nach DIN EN ISO 2808), industriell beim Beschichten von Stahlband, Verpackungsfolien und Druckplatten.
Tauchen (Tauchlackieren)
Beim Tauchen wird das Werkstück in ein Lackbad getaucht und langsam wieder herausgezogen; überschüssiger Lack läuft ins Bad zurück und geht nicht verloren. Das Verfahren ist einfach, schnell und materialsparend und eignet sich für viele kleine, geometrisch komplexe Teile. Praxisbeispiele: Schrauben, Muttern, Federn, Ketten, Drahtkörbe, Werkzeuggriffe, Elektromotorwicklungen. Nachteilig ist die ungleichmäßige Schicht — oben dünn, unten dick, mit Tropfen- und Zapfenbildung an der tiefsten Kante. Die kathodische Elektrotauchlackierung (KTL) behebt das durch elektrische Abscheidung und ist in L-65 beschrieben.
Fließbeschichten: Walzen und Gießen
- Walzenauftrag (Coil Coating) — rotierende Walzen übertragen den Lack auf ebenes Band- oder Plattenmaterial. Sehr schnell und verlustarm. Typisch: Stahlband für Dachprofile, Fassadenverkleidungen und Haushaltsgeräte (Kühlschränke, Waschmaschinen).
- Gießen (Vorhanggießen, Curtain Coating) — das Werkstück durchfährt einen frei fallenden Lackvorhang. Der Überschuss wird aufgefangen und umgewälzt; der Auftrag ist sehr gleichmäßig und nahezu verlustfrei. Typisch: MDF-Möbelplatten, Fußbodendielen, Türoberflächen in der Holzindustrie.
- Beide verlangen ebene, seriengleiche Teile — dafür ist ihr Auftragswirkungsgrad sehr hoch.
Merksatz
Die Methode folgt dem Teil: ebene Serienware verlangt nach Walzen oder Gießen, komplexe Einzelstücke nach Streichen oder Tauchen, eine reproduzierbare Prüfschicht nach dem Rakel. Kein Verfahren ist für alles das beste.
- Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
- DIN EN ISO 2808
- ISO 1514
Übungsblatt Ü-66
Prüfen, ob es sitzt.
1. Unterscheiden Sie Streichen, Tauchen und Gießen nach Eignung, Schichtbild und Auftragswirkungsgrad.
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2. Mit einem Rakel wird eine Nassschicht von 150 µm aufgezogen. Der Lack hat einen Volumenfestkörper von 45 %. Berechnen Sie die Trockenschichtdicke und den prozentualen Schwund.
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3. Ein tief profiliertes Gussteil in kleiner Serie soll grundiert werden. Begründen Sie, warum Tauchen hier dem Gießen vorzuziehen ist, und nennen Sie den Hauptnachteil des Tauchens samt Gegenmaßnahme.