Alle Tafeln › Kapitel 7 · Wasserlacke und Elektrotauchlackierung
L-76
Filmbildung von Dispersionen
Koaleszenz, Mindestfilmbildetemperatur und Filmbildehilfsmittel
Prüfungsteil 1A 8.3 · B 12
Wie ein Dispersionsfilm entsteht
Anders als bei gelösten Bindemitteln bildet sich der Film nicht durch bloßes Verdunsten. Beim Verdunsten des Wassers rücken die Teilchen zusammen, verformen sich unter Kapillarkräften und verschmelzen zu einem geschlossenen Film. Diesen Vorgang nennt man Koaleszenz. Erst dadurch wird der Film klar und zusammenhängend, statt aus einzelnen sichtbaren Körnern zu bestehen. Der Koaleszenzmechanismus gilt für Primär- und Sekundärdispersionen gleichermaßen. PU-Dispersionen (Sekundär) haben allerdings oft eine sehr niedrige MFT und benötigen selten ein Filmbildehilfsmittel. Bei wässrigen Bindemittellösungen (Weg 3, L-75) hingegen filmt das Polymer wie ein lösemittelhaltiger Lack — durch Viskositätsanstieg beim Verdunsten, nicht durch Teilchenverschmelzung.
Die Mindestfilmbildetemperatur (MFT)
Unterhalb der Mindestfilmbildetemperatur (MFT) verschmelzen die Teilchen nicht — der Auftrag bleibt pulvrig und rissig. Erst oberhalb der MFT koaleszieren sie zu einem klaren Film. Die MFT wird wesentlich von der Glasübergangstemperatur und der Polymer-/Partikelmorphologie beeinflusst; sie ist jedoch nicht mit der Tg identisch und wird experimentell bestimmt (siehe L-09). Gemessen wird sie auf einer Temperaturbank als die Temperatur, ab der ein klarer Film entsteht.
Der Zielkonflikt
Ein hartes Polymer (hohe Glastemperatur, gute Beständigkeit) hat eine hohe MFT und filmt bei Raumtemperatur schlecht. Ein weiches filmt gut, ist aber wenig beständig, klebrig und schmutzanfällig. Beides zugleich ist mit dem reinen Polymer nicht zu haben — ein Grunddilemma der Dispersionschemie.
Filmbildehilfsmittel (Koaleszenzmittel)
Die Lösung ist ein Filmbildehilfsmittel: ein temporärer Weichmacher (z. B. Texanol), der die MFT während der Filmbildung senkt, danach aber verdunstet. Zurück bleibt der harte, beständige Film — man umgeht den Zielkonflikt. Texanol (2,2,4-Trimethyl-1,3-pentandiolmonoisobutyrat, Eastman) ist der meistverwendete Vertreter: ein langsam verdunstender Glykolester, der in die Teilchen eindringt und innerhalb von Stunden bis Tagen wieder aus dem Film entweicht. Weitere Filmbildehilfsmittel: Dowanol DPnB (schneller verdunstend), Butyldiglykol (preiswerter), Optifilm 400 (VOC-reduziert). Da Texanol selbst ein VOC ist, verfolgen moderne Ansätze polymerisierbare Koaleszenzmittel, die chemisch in den Film eingebaut werden und nicht entweichen.
Anforderungen
Ein gutes Filmbildehilfsmittel senkt die MFT wirksam, verdunstet danach vollständig, ist geruchsarm und umweltverträglich. Menge und Typ steuern, bis zu welcher Temperatur der Lack noch sicher verfilmt. Moderne Systeme kommen mit möglichst wenig oder ohne Filmbildehilfsmittel aus.
Merksatz
Dispersionsfilme entstehen durch Koaleszenz oberhalb der MFT. Ein Filmbildehilfsmittel senkt die MFT vorübergehend und verdunstet dann — so wird aus harten Teilchen ein beständiger Film.
- Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
- Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
Übungsblatt Ü-76
Prüfen, ob es sitzt.
1. Wie bildet eine Dispersion einen Film, und was bedeutet die Mindestfilmbildetemperatur (MFT)?
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2. Ein Dispersionspolymer ist ein Copolymer aus 50 % Butylacrylat (Tg = 219 K) und 50 % Methylmethacrylat (Tg = 378 K). Berechnen Sie die Glasübergangstemperatur nach der Fox-Gleichung (1/Tg = w₁/Tg₁ + w₂/Tg₂) und ordnen Sie sie der Filmbildung zu.
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3. Ein harter, beständiger Dispersionslack filmt bei Raumtemperatur nicht sauber. Wie löst ein Filmbildehilfsmittel den Zielkonflikt zwischen Härte und Filmbildung?