Der Lacklaborant Lernwerk

Alle Tafeln › Kapitel 7 · Wasserlacke und Elektrotauchlackierung

L-77

Dispersionsfarben — Rezeptur und Rheologie

Bindemitteldispersion, Pigment und die richtigen Additive

Prüfungsteil 2A 10 · B 12

KernaussageEine Dispersionsfarbe besteht aus Bindemitteldispersion, Pigment/Füllstoff, Wasser und Additiven — Rheologieadditive stellen Verlauf, Spritzbarkeit und Standvermögen ein.

Aufbau einer Dispersionsfarbe

Der Begriff Dispersionsfarbe (DIN 55945) bezeichnet alle Beschichtungsstoffe auf Basis einer wässrigen Polymerdispersion — also nicht nur Wand- und Fassadenfarben, sondern auch Holz-, Boden- und Dachfarben. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird er jedoch auf Innenwandfarben verkürzt; in der Industrie spricht man allgemeiner von wasserbasierten Beschichtungsstoffen. Eine Dispersionsfarbe ist dabei in aller Regel ein Einkomponentensystem, das physikalisch durch Koaleszenz trocknet; daneben gibt es selbstvernetzende 1K-Dispersionen, die nach der Filmbildung zusätzlich chemisch vernetzen (siehe L-124). Von beiden zu unterscheiden sind die chemisch härtenden 2K-Wassersysteme (siehe L-83, L-84). Eine Dispersionsfarbe besteht aus der Bindemitteldispersion (siehe L-73), Pigmenten und Füllstoffen, Wasser als Dispersionsmedium und einer Reihe Additive: Dispergier-, Netz-, Entschäumungs-, Konservierungs- und Rheologiemittel. Jedes Additiv löst ein eigenes praktisches Problem der wässrigen Formulierung — zusammen ergeben sie ein stabiles, gut verarbeitbares System.

Pigmentierungshöhe

Wie bei lösemittelhaltigen Systemen bestimmt die PVK das Verhalten des Films (siehe L-55): Typische PVK-Bereiche unterscheiden sich je nach Anwendung: Matte Innenwandfarben sind hoch pigmentiert und häufig überkritisch eingestellt — Trockendeckvermögen und Kosten stehen im Vordergrund (siehe L-55). Dispersions-Fassadenfarben werden dagegen meist unterkritisch formuliert, damit Wasseraufnahme und Kreidung gering bleiben. Diffusionsoffenheit entsteht außen nicht in erster Linie über die Pigmentierungshöhe, sondern über den Bindemitteltyp: bewusst überkritisch und dadurch besonders diffusionsoffen sind Siliconharz- und Silicatfarben (siehe L-78, L-79). Ein allgemeingültiger PVK-Bereich für Fassaden lässt sich daraus nicht ableiten — entscheidend ist die Lage der PVK relativ zur KPVK des jeweiligen Systems (siehe L-55, L-80). Bindemittelmenge, Porosität und Wasseraufnahme müssen jeweils dazu passen. Die Wahl der PVK ist damit eine der wichtigsten Rezepturentscheidungen.

Rheologieadditive

HEUR (assoziativ verdickende Polyurethane) und HASE (assoziativ verdickende Acrylate) bauen ein strukturviskoses Netzwerk auf: dickflüssig in Ruhe (kein Ablaufen), dünnflüssig unter Scherung (gute Verarbeitung beim Streichen/Rollen). Ohne sie würde die Farbe entweder ablaufen oder sich schwer verstreichen lassen.

Weitere wichtige Additive

  • Dispergiermittel — verteilen Pigment und Füllstoff, verhindern Reflockung.
  • Entschäumer — verhindern Schaum bei der Herstellung und Applikation.
  • Konservierungsmittel — schützen die wässrige Farbe vor mikrobiellem Befall.
  • Filmbildehilfsmittel — sichern die Verfilmung (siehe L-76).

Innen- und Außenanwendung

Innendispersionsfarben sind auf Deckvermögen, geringen Geruch und Wischfestigkeit optimiert. Fassadenfarben brauchen zusätzlich Wetter-, Algen- und Pilzbeständigkeit sowie eine ausreichende Wasserdampfdurchlässigkeit, damit der Untergrund atmen kann. Sonst kann sich Feuchte hinter der Beschichtung stauen und Schäden verursachen.

Merksatz

Dispersionsfarbe = Bindemitteldispersion + Pigment/Füllstoff + Wasser + Additive. Rheologieadditive (HEUR, HASE) machen den Lack scherverdünnend — dick in Ruhe, dünn beim Verarbeiten.

DispersionsfarbePVKRheologieadditivHEURHASEassoziativ verdickendstrukturviskosDispergiermittelEntschäumerKonservierungsmittelInnenfarbeFassadenfarbeWasserdampfdurchlässigkeit
Quellen
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • DIN 55945

Übungsblatt Ü-77

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Woraus besteht eine Dispersionsfarbe, und wie wirken HEUR- und HASE-Rheologieadditive?

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AufbauBindemitteldispersion + Pigment/Füllstoff + Wasser + Additive (Dispergier-, Netz-, Entschäumungs-, Konservierungs- und Rheologiemittel).
HEUR/HASEAssoziativ verdickende Rheologieadditive (Polyurethan bzw. Acrylat), die ein strukturviskoses Netzwerk aufbauen.
In RuheDickflüssig — verhindert Ablaufen und Absetzen.
Unter ScherungDünnflüssig — gute Verarbeitung beim Streichen, Rollen oder Spritzen.
Warum das eine Eins verdientDer Aufbau wird vollständig genannt, und die Scherverdünnung durch HEUR/HASE wird mit dem Ruhe-/Scher-Gegensatz korrekt erklärt.
Berechnung8 Punkte

2. Eine Dispersionsfarbe enthält 6,0 cm³ Pigment/Füllstoff und 9,0 cm³ Bindemittel-Festkörper (bezogen auf 100 g Rezeptur). Berechnen Sie die PVK (PVK = V(Pigment + Füllstoff) / (V(Pigment + Füllstoff) + V(Bindemittel)) · 100 %).

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FormelPVK = Volumen Pigment/Füllstoff / (Volumen Pigment/Füllstoff + Volumen Bindemittel) · 100 %
EinsetzenPVK = 6,0 / (6,0 + 9,0) · 100 %
Rechnung= 6,0 / 15,0 · 100 % = 40,0 %
AntwortsatzDie PVK beträgt 40,0 %.
EinordnungDas liegt für viele Systeme nahe der KPVK — je nach Bindemittel eine Innenfarbe mit gutem Deckvermögen (siehe L-55).
Warum das eine Eins verdientDie PVK-Formel wird korrekt mit Volumenanteilen angewandt, und das Ergebnis wird sinnvoll gegen die KPVK eingeordnet.
Anwendung7 Punkte

3. Für eine Fassadenfarbe wird zusätzlich Wasserdampfdurchlässigkeit gefordert. Welche zwei Stellschrauben in der Rezeptur beeinflussen das, und wie?

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Stellschraube 1 — PVKEine PVK nahe oder über der KPVK schafft ein poriges Gefüge, das Wasserdampf besser durchlässt (siehe L-55).
Stellschraube 2 — BindemitteltypEin diffusionsoffeneres Bindemittel (z. B. siliconmodifiziert) lässt mehr Dampf durch als ein dichter Acrylatfilm (siehe L-79).
ZielkonfliktHöhere PVK verbessert die Diffusion, senkt aber Glanz und Wasserfestigkeit — ein Kompromiss ist nötig.
Warum das eine Eins verdientBeide Stellschrauben (PVK, Bindemitteltyp) werden richtig genannt und der Zielkonflikt mit Glanz/Wasserfestigkeit erkannt — die geforderte Abwägung.

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