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L-95

Polyester-Pulverlacke: TGIC und Hydroxyalkylamid

Die wetterbeständigen Pulverlacke — Addition mit TGIC, Kondensation mit HAA

WahlqualifikationB 9

KernaussageReine Polyester-Pulverlacke vernetzen carboxylgruppenhaltige Polyester mit TGIC (Addition) oder Hydroxyalkylamid (Kondensation, Wasser wird frei) — sie sind wetterbeständig und damit die Außensysteme unter den Pulverlacken.

Das Außensystem

Reine Polyester-Pulverlacke aus carboxylgruppenhaltigen, aromatischen Polyestern sind die wetterbeständigen Vertreter der Pulverlacke. Als Vernetzer kommen vor allem zwei Klassen zum Einsatz: Triglycidylisocyanurat (TGIC) und Hydroxyalkylamide. Beide reagieren mit den Carboxylgruppen des Polyesters, unterscheiden sich aber grundlegend im Reaktionstyp — und genau dieser Unterschied bestimmt die Verarbeitung.

TGIC und Glycidester

TGIC trägt drei Epoxidgruppen und vernetzt die Carboxylgruppen des Polyesters in einer Additionsreaktion — es entstehen keine Abspaltprodukte, was dicke, störungsfreie Filme erlaubt. Ähnlich wirken andere Glycidester wie Terephthalsäurediglycidester oder Trimellithsäuretriglycidester. Diese Systeme sind sehr witterungs- und vergilbungsstabil und daher für außenbeständige Metalllacke verbreitet. TGIC ist allerdings als erbgutverändernd (mutagen) eingestuft und wirkt sensibilisierend; beim Umgang mit dem Pulver sind Atem- und Hautschutz nötig.

Hydroxyalkylamid (HAA)

Hydroxyalkylamide wie Tetrakis-2-hydroxyalkyladipinsäureamide reagieren mit den Carboxylgruppen in einer Kondensationsreaktion — dabei wird Wasser abgespalten. Dieses Reaktionswasser muss aus dem Film entweichen können; deshalb dürfen die Schichtdicken nicht zu hoch sein, und der Film muss gut entlüften, sonst entstehen Poren. HAA-Systeme können gegenüber TGIC ein günstigeres Gefährdungsprofil aufweisen (z. B. Primid); die Einstufung ist für den konkreten Vernetzer anhand des aktuellen Sicherheitsdatenblatts zu prüfen. HAA-vernetzte Polyester können ein hohes, mit TGIC-Systemen vergleichbares Eigenschaftsniveau erreichen; Unterschiede können je nach Formulierung und Anwendung bestehen.

Reaktionsgleichung: TGIC- und HAA-Vernetzung

TGIC — Additionsreaktion, kein Abspaltprodukt:
Polyester–COOH + TGIC–Epoxid → Polyester–COO–CH2–CH(OH)–CH2–TGIC
(β-Hydroxyester)

HAA — Kondensationsreaktion, Wasserabspaltung:
Polyester–COOH + HAA–OH → Polyester–COO–HAA + H2O

Beide Wege öffnen bzw. verbrauchen die Carboxylgruppen des Polyesters; erst die Kombination mehrerer Gruppen je Molekül führt zum Netzwerk.

Härtermenge

Die nötige Härtermenge folgt aus dem Vernetzungsverhältnis: Die Zahl der reaktiven Gruppen des Härters — bei HAA aus Masse geteilt durch OH-Äquivalentmasse — soll der Zahl der Carboxylgruppen des Polyesters (Masse mal Säurezahl geteilt durch 56100) entsprechen. Meist stellt man einen kleinen Härterüberschuss ein, um eine vollständige Vernetzung zu sichern.

Eigenschaften und Einsatz

Reine Polyester-Pulverlacke können — abhängig von Polyesterchemie, Vernetzer, Pigmentierung und Formulierung — eine sehr gute Wetterbeständigkeit, mechanische Beständigkeit und eine ausgewogene Härte/Flexibilität erreichen; ebenso sind hohe Glanzwerte und geringe Vergilbungsneigung erreichbar. Sie werden elektrostatisch gespritzt und für außenbeständige Metallbeschichtungen eingesetzt — etwa Fassadenprofile, Gartenmöbel sowie Fahrzeug- und Bauteile im Außenbereich.

Einbrennen

Polyester-Pulverlacke brennt man vergleichsweise heiß ein — meist bei 180 bis 200 °C.

Merksatz

Geeignete Polyester-Pulverlack-Systeme ermöglichen eine gute bis sehr gute Außenbeständigkeit. TGIC vernetzt per Addition (kein Abspaltprodukt), Hydroxyalkylamid per Kondensation (Wasser wird frei — Schichtdicke begrenzen). Beide erreichen ein vergleichbares Niveau.

PulverlackPolyesterTGICTriglycidylisocyanuratGlycidesterHydroxyalkylamidHAAKondensationsreaktionAdditionsreaktionwetterbeständigSäurezahlAußenbeschichtung
Quellen
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur

Übungsblatt Ü-95

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Vergleichen Sie die Vernetzung von carboxylgruppenhaltigem Polyester mit TGIC und mit Hydroxyalkylamid. Gehen Sie besonders auf den Reaktionstyp und dessen Folge für die Verarbeitung ein.

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TGICTGIC trägt drei Epoxidgruppen und vernetzt die Carboxylgruppen in einer Additionsreaktion — es entstehen keine Abspaltprodukte, dicke Schichten sind störungsfrei möglich.
HydroxyalkylamidHAA reagiert mit den Carboxylgruppen in einer Kondensationsreaktion, bei der Wasser abgespalten wird.
Folge für die VerarbeitungDas Reaktionswasser muss entweichen können; deshalb sind bei HAA die Schichtdicken zu begrenzen, während TGIC dickere Filme zulässt.
GemeinsamkeitBeide Systeme können ein hohes, vergleichbares Niveau an Wetter- und Vergilbungsbeständigkeit erreichen; HAA-Systeme können je nach Produkt zudem ein günstigeres Gefährdungsprofil aufweisen als das mutagene TGIC — maßgeblich ist das Sicherheitsdatenblatt des konkreten Härters.
Warum das eine Eins verdientDer zentrale Unterschied Addition gegen Kondensation wird korrekt herausgearbeitet und richtig auf die Schichtdickenbegrenzung bei HAA übertragen.
Berechnung10 Punkte

2. Ein carboxylgruppenhaltiger Polyester (Säurezahl 34 mg KOH/g) wird mit einem Hydroxyalkylamid (OH-Äquivalentmasse 84 g/Äq.) stöchiometrisch vernetzt. Berechnen Sie den Härterbedarf je 95 Gewichtsteile Polyester.

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GegebenPolyester 95 Gewichtsteile; SZ = 34 mg KOH/g; OH-EW = 84 g/Äq.
Carboxylgruppenn(COOH) = m · SZ / 56100 = 95 · 34 / 56100 = 0,0576 mol
AnsatzStöchiometrisch: n(OH) = n(COOH), also m(HAA) = n(COOH) · OH-EW
Rechnungm(HAA) = 0,0576 Äq. · 84 g/Äq. = 4,84 Gewichtsteile
AntwortsatzEs werden rund 4,8 Gewichtsteile Hydroxyalkylamid je 95 Gewichtsteile Polyester benötigt; meist stellt man einen kleinen Überschuss ein.
Warum das eine Eins verdientDie Umrechnung der Säurezahl über 56100 und der Äquivalentansatz sind korrekt; der Hinweis auf den üblichen kleinen Härterüberschuss rundet die Antwort fachlich ab.
Anwendung7 Punkte

3. Ein mit Hydroxyalkylamid vernetzter Polyester-Pulverlack zeigt bei 120 µm Schichtdicke feine Poren und Nadelstiche, bei 60 µm dagegen nicht. Erklären Sie die Ursache und nennen Sie eine Abhilfe.

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UrsacheDie HAA-Vernetzung ist eine Kondensationsreaktion, bei der Wasser frei wird. Bei hoher Schichtdicke kann dieser Wasserdampf nicht mehr störungsfrei aus dem Film entweichen und hinterlässt Poren und Nadelstiche.
AbhilfeDie Schichtdicke begrenzen (dünner applizieren) sowie die Einbrennkurve so führen, dass das Reaktionswasser vor dem vollständigen Verlauf entweichen kann.
AlternativeIst zwingend eine hohe Schichtdicke gefordert, auf ein additiv ohne Abspaltprodukt vernetzendes System umstellen — Glycidylester oder TGIC; bei TGIC die Einstufung als erbgutverändernd (Muta. 1B) und die Schutzmaßnahmen beachten (siehe L-20).
Warum das eine Eins verdientDie Antwort führt die Störung ursächlich auf das Kondensationswasser zurück und nennt sowohl die naheliegende Schichtdickenbegrenzung als auch die systemische Alternative TGIC.

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