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L-96

Acrylat-Pulverlacke

Die hochwertigen Systeme — Epoxyacrylat, COOH- und OH-Acrylatharze

WahlqualifikationB 9

KernaussageAcrylat-Pulverlacke können eine sehr gute Wetter- und Vergilbungsbeständigkeit bieten; die tatsächliche Beständigkeit hängt von Harz, Vernetzer, Pigmentierung und Formulierung ab. Epoxyacrylatharze mit Polycarbonsäuren liefern Automobilserien-Klarlacke, COOH- und OH-Acrylatharze weitere Varianten.

Warum Acrylatharze?

Acrylatharze stehen als Bindemittel im Wettbewerb zu den Polyestern; da sie teurer sind, werden sie gezielt dort gewählt, wo es auf besondere Wetter-, Chemikalien- und Vergilbungsbeständigkeit ankommt. Man unterscheidet sie nach der reaktiven Gruppe in Epoxy-, COOH- und OH-Acrylatharze — jede Gruppe bringt einen eigenen Härtertyp mit. Epoxidharz-Pulver scheiden für sichtbare Außenanwendungen dagegen aus: Sie kreiden, vermatten und vergilben im Freien (siehe L-93).

Epoxyacrylatharze

Epoxyacrylatharze (genauer: glycidylfunktionelle Acrylatharze, GMA-Acrylate) sind Copolymere mit Epoxidgruppen; sie können Glycidylmethacrylat als Quelle der Epoxidgruppen enthalten, wobei die Copolymerzusammensetzung vom jeweiligen Harztyp abhängt. Nicht zu verwechseln mit den Epoxidacrylaten der Strahlungshärtung (siehe L-24), bei denen der Epoxidring bereits geöffnet ist. Vernetzt werden sie mit höheren Polycarbonsäuren wie Dodecandisäure oder Azelainsäure oder mit deren Anhydriden. Anhydride öffnen zunächst an OH-Gruppen zu freien Carbonsäuren, die dann mit den Epoxidgruppen unter Bildung von β-Hydroxyestern reagieren. Diese Systeme können sehr gute Wetter-, Glanz- und Vergilbungseigenschaften erreichen; die tatsächlichen Werte hängen von Harz, Vernetzer und Formulierung ab.

GMA, DDDA und Azelainsäure — Strukturen

Glycidylmethacrylat (GMA) — Quelle der Epoxidgruppe (C₇H₁₀O₃, M = 142 g/mol):

     CH₃
      |
CH₂=C—COO—CH₂—CH—CH₂
                   ╲  ╱
                    O

(Oxiran = gespannter Dreiring aus –CH–CH₂– mit O-Brücke;
öffnet sich leicht mit Carbonsäuren oder Aminen)

Typische Vernetzungspartner (Polycarbonsäuren):
Dodecandisäure (DDDA, C₁₂, M = 230 g/mol):
  HOOC—(CH₂)₁₀—COOH

Azelainsäure (C₉, M = 188 g/mol):
  HOOC—(CH₂)₇—COOH

Vernetzungsreaktion (kein Abspaltprodukt):
Epoxid + R—COOH  →  R—COO—CH₂—CH(OH)—  (β-Hydroxyester)
Die neue OH-Gruppe kann mit Anhydrid-Gruppen weiter reagieren.

Automobilserien-Klarlack

Die Epoxyacrylat-Härtung gelingt schon bei 140 bis 160 °C — niedrig genug, um die unteren Schichten eines Automobillackaufbaus nicht zu überbrennen. Ein Pulverklarlack wird auf den vorgetrockneten Basislack elektrostatisch aufgetragen und eingebrannt; typische Einbrennparameter liegen je nach Harz, Schichtdicke und Ofenprofil in einem definierten Bereich (Richtwert rund 20 min bei 160 °C), bei einer Schichtdicke von etwa 50 bis 60 µm. Es entstehen Klarlacke mit hohem Glanz, guter Chemikalienbeständigkeit und guter Zwischenhaftung — eine typische wichtige Anwendung dieser Harze.

BMW-Pulverklarlack — Geschichte und heutiger Stand

BMW setzte ab 1997 einen Pulverklarlack auf Basis glycidylfunktioneller Acrylatharze (GMA-Acrylat, vernetzt mit Dicarbonsäuren wie Dodecandisäure, siehe oben) in der Serienlackierung kompletter Karosserien ein — ein damals weltweit beachteter Schritt. Das System lief mindestens bis 2007 in Serie und wird heute in der Pkw-Serienlackierung nicht mehr eingesetzt; öffentlich zugängliche Quellen nennen weder den Zeitpunkt noch die Gründe (zu den technischen Grenzen des Verfahrens siehe L-115).

Heutiger Stand in der Automobil-Serienlackierung: 2K-PUR-Klarlacke (OH-Acrylatharz + aliphatisches oder cycloaliphatisches Polyisocyanat) und säurekatalysierte 1K-Einbrennklarlacke auf Melaminbasis dominieren. Pulverklarlacke spielen noch bei einzelnen Sonderkarosserien eine Rolle. Der Vorteil — kein Lösemittel, hoher Festkörper — bleibt für die Zukunft relevant, besonders bei niedrigschmelzenden, verlaufstarken Systemen.

COOH- und OH-Acrylatharze

COOH-Acrylatharze tragen Carboxylgruppen (Säurezahl etwa 50 bis 80, Erweichungstemperaturen 100 bis 130 °C) und werden mit TGIC, Polycarbonsäureglycidestern, Hydroxyalkylamiden oder Epoxidharzen vernetzt. Bevorzugt werden Glycidester und Hydroxyalkylamide heute vor allem aus toxikologischen Gründen (TGIC-Einstufung als erbgutverändernd, siehe L-95), nicht wegen der Witterungsbeständigkeit — TGIC-vernetzte Systeme selbst gelten als sehr witterungs- und vergilbungsstabil. OH-Acrylatharze werden mit verkappten Polyisocyanaten — etwa mit ε-Caprolactam verkappten IPDI-Trimeren — oder mit Polyurethdionen vernetzt; sie sind vor allem in Klarlacken besonders wetterbeständig, aber teuer.

ε-Caprolactam — Struktur und Verkappungsreaktion

ε-Caprolactam  (C₆H₁₁NO, M = 113 g/mol) — das Verkappungsmittel für Isocyanate:

     O
     ‖
 H—N—C
 |       ╲
CH₂     CH₂      ← 7-gliedriger Ring:
 |           |       N–CO–(CH₂)₅ (Ringamid / Lactam)
CH₂     CH₂
   ╲       ╱
    CH₂

Verkappungsreaktion (~80–100 °C):
R–N=C=O  +  H–N<Ring>  →  R–NH–CO–N<Ring>
(Isocyanat reagiert mit NH des Caprolactams → blockiertes Isocyanat; fest, lagerstabil)

Deblocking beim Einbrennen (die Abspaltung setzt ab etwa 170 °C ein; eingebrannt wird deshalb bei 180 bis 200 °C Objekttemperatur, typisch 20 min bei 180 °C oder 10 min bei 200 °C. Ein Zinn- oder Bismutkatalysator fängt das freigesetzte Isocyanat schneller ab, verschiebt dadurch das Gleichgewicht und senkt so die nutzbare Einbrenntemperatur, siehe L-34):
R–NH–CO–N<Ring>  →  R–N=C=O  +  H–N<Ring>  (Caprolactam wird freigesetzt und verdampft bei Einbrenntemperatur; beim Abkühlen kondensiert es wieder aus — Abluftführung und Ofenbeläge beachten)
Das freigesetzte Isocyanat reagiert sofort mit OH-Gruppen des Acrylatharzes.

WICHTIG: Caprolactam entweicht als Dampf — Abluft, Geruchsbelastung und Grenzwerte sind zu beachten.

Härtermenge und Ausblick

Die Härtermenge folgt wie bei den anderen Reaktivsystemen aus dem Äquivalentverhältnis — bei der Vernetzung mit Polycarbonsäuren aus der Epoxid-Äquivalentmasse des Harzes und der Carboxyl-Äquivalentmasse der Säure. Über die Acrylatsysteme hinaus zielt die Entwicklung auf besseren Verlauf in dünnen Schichten, feinteiligere Pulver und niedrigere Einbrenntemperaturen — bis hin zu UV-vernetzbaren Pulverlacken für Holz und Kunststoff (Prinzip der radikalischen UV-Härtung siehe L-24). Für die allerhöchste Architektur-Bewitterung steht jedoch das flüssige Fluorpolymer PVDF im Coil-Coating (siehe L-102).

PVK bei Pulverlacken — Vertiefung

Vertiefung — über dem Prüfungsstoff

Das PVK-Konzept (Pigmentvolumenkonzentration) gilt auch für Pulverlacke — angewandt auf den eingebrannten, ausgehärteten Film:

PVK = V(Pigment + Füllstoff) / [V(Pigment + Füllstoff) + V(Bindemittel)]

Unterhalb der CPVK (kritischen PVK) ist genug Bindemittel vorhanden, um alle Pigmentpartikel vollständig zu umhüllen und Hohlräume zu füllen — dichter, glänzender Film.
Oberhalb der CPVK: Poren im Film → matt, porös, schlechter Korrosionsschutz.

Besonderheit Pulverlack: Kein Lösemittel verdunstet (Trocknungsschrumpf fehlt weitgehend). Das Bindemittelvolumen wird direkt aus Einwaage und Dichte berechnet. Orientierungswerte (systemabhängig): Weißdecklack etwa 15–25 %, Effektlacke unter 15 %, Korrosionsschutz-Grundierungen bis rund 30 %. CPVK hängt von Pigmentgeometrie, Teilchengröße und Ölzahl ab.

Merksatz

Acrylat-Pulverlacke: teurer, können aber sehr gute Wetter- und Vergilbungsbeständigkeit bieten — die konkrete Beständigkeit wird am formulierten System geprüft. Epoxyacrylat plus Polycarbonsäure ergibt bei niedriger Einbrenntemperatur den Automobil-Pulverklarlack.

PulverlackAcrylatharzEpoxyacrylatharzGlycidylmethacrylatDodecandisäureAnhydridAutomobilklarlackCOOH-AcrylatharzOH-Acrylatharzverkapptes PolyisocyanatPolyurethdionUV-Pulverlack
Quellen
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur

Übungsblatt Ü-96

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Erklären Sie, warum man für einen Automobilserien-Klarlack ein Epoxyacrylat-Pulversystem und nicht ein Epoxidharz-Pulver wählt. Nennen Sie mindestens zwei Eigenschaften und einen verfahrenstechnischen Grund.

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Eigenschaft 1Epoxyacrylatharze ergeben sehr wetter- und vergilbungsbeständige Filme — Voraussetzung für einen sichtbaren, dauerhaft klaren Decklack.
Eigenschaft 2Sie sind hart und hochglänzend mit guter Chemikalienbeständigkeit.
Warum kein EpoxidEin Epoxidharz-Pulver kreidet, vermattet und vergilbt im Freien und scheidet als sichtbarer Außendecklack aus.
Verfahrenstechnischer GrundDie Epoxyacrylat-Härtung gelingt schon bei 140 bis 160 °C. So werden die unteren Schichten des Automobillackaufbaus beim Einbrennen nicht überbrannt.
Warum das eine Eins verdientDie Antwort begründet die Wahl sowohl über die Filmeigenschaften als auch über die niedrige Einbrenntemperatur und grenzt das Epoxidsystem korrekt ab.
Berechnung10 Punkte

2. Ein Epoxyacrylatharz (Epoxid-Äquivalentmasse 660 g/Äq.) wird mit Dodecandisäure (Molmasse 230 g/mol, zwei Carboxylgruppen je Molekül) stöchiometrisch vernetzt. Berechnen Sie den Härterbedarf je 100 Gewichtsteile Harz.

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GegebenHarz 100 Gewichtsteile; EP-EW = 660 g/Äq.; Dodecandisäure M = 230 g/mol mit 2 COOH
Epoxid-Äquivalente100 / 660 = 0,1515 Äq.
Carboxyl-ÄquivalentmasseDie zweiprotonige Säure hat die Äquivalentmasse 230 / 2 = 115 g/Äq.
AnsatzStöchiometrisch: Äq.(COOH) = Äq.(Epoxid), also m(Härter) = Äq.(Epoxid) · Carboxyl-EW
Rechnung und Antwortm(Härter) = 0,1515 Äq. · 115 g/Äq. = 17,4 Gewichtsteile Dodecandisäure je 100 Gewichtsteile Harz.
Warum das eine Eins verdientDie Zweiprotonigkeit der Säure wird korrekt über die halbe Molmasse als Äquivalentmasse berücksichtigt — der häufigste Fehler wäre, mit der vollen Molmasse zu rechnen.
Anwendung7 Punkte

3. Ein Betrieb möchte Holzmöbel mit einem Pulverlack beschichten, scheitert aber an den hohen Einbrenntemperaturen üblicher Pulverlacke. Welchen Entwicklungsansatz schlagen Sie vor?

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ProblemHolz ist temperaturempfindlich; die üblichen thermischen Einbrenntemperaturen der Pulverlacke würden den Werkstoff schädigen.
LösungsansatzUV-vernetzbare Pulverlacke: Das Pulver wird nur so weit erwärmt, dass es aufschmilzt und verläuft, die eigentliche Aushärtung erfolgt anschließend durch UV-Strahlung bei niedriger Temperatur (siehe L-24).
ErgänzungErgänzend zielt die Entwicklung auf feinteiligere Pulver mit gutem Verlauf in dünnen Schichten und generell niedrigere Einbrenntemperaturen.
Warum das eine Eins verdientDie Antwort erkennt die thermische Grenze des Untergrunds und nennt mit dem UV-Pulverlack genau den Ansatz, der Aufschmelzen und Härtung entkoppelt.

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