Alle Tafeln › Kapitel 9 · Anwendungen: Objektlackierung
L-106
PVC-Einschichtdecklack
Chemikalienfester Decklack aus PVC-Mischpolymerisat
Prüfungsteil 1A 9
Warum Mischpolymerisate
PVC-Homopolymere sind in vielen Lacklösemitteln schwer löslich. Für Lackanwendungen copolymerisiert man Vinylchlorid deshalb häufig mit anderen Monomeren (z. B. Vinylacetat, Maleinsäureester, Acrylsäureester). Die so entstehenden PVC-Mischpolymerisate haben eine bessere, gezielt einstellbare Löslichkeit, Haftung und Verträglichkeit. Nachteilig sinken Wasserfestigkeit und Verseifungsbeständigkeit. Es sind physikalisch trocknende Filmbildner.
Haftung auf Metall
Auf blanken Metallen haftet PVC schlecht. Die Haftung verbessert man durch carboxylgruppenhaltige Comonomere oder durch Zusatz spezieller ungesättigter Polyester-Haftharze (mit freien Carboxylgruppen, ca. 5–10 % auf Festharz).
Lösemittel und Additive
Als Lösemittel eignen sich Ester (z. B. Butylacetat) und Ketone (z. B. Methylethylketon, Cyclohexanon); aromatische Kohlenwasserstoffe dienen zum Verschneiden. Übliche Additive sind Netz- und Dispergiermittel sowie Antiabsetzmittel. Zur Stabilisierung gegen HCl-Abspaltung werden z. B. niedermolekulare Epoxidverbindungen zugesetzt; Weichmacher erhöhen die Flexibilität.
HCl-Abspaltung
PVC kann bei erhöhter Temperatur und unter UV-Einwirkung dehydrochlorieren; Temperatur, Zeit, Stabilisierung und Formulierung bestimmen den Beginn und das Ausmaß der HCl-Abspaltung. Deshalb sind Wärme- und Lichtstabilisatoren nötig. Die Abspalttemperatur lässt sich bestimmen, indem man die Probe langsam erhitzt und die entweichenden Gase in eine Indikatorlösung leitet — der Farbumschlag bzw. die steigende Leitfähigkeit durch die entstehende Säure zeigt den Beginn der HCl-Abspaltung an (konduktometrisches Verfahren nach DIN EN ISO 182-3, pH-Verfahren nach DIN EN ISO 182-2; das klassische Kongorot-Verfahren nach DIN EN ISO 182-1 arbeitet stattdessen mit Indikatorpapier im Prüfröhrchen). Ein echter Chloridnachweis wäre dagegen die Fällung als Silberchlorid.
Umwelt und Sicherheit
PVC-Mischpolymerisate werden heute vor allem eingesetzt, wo ihre Eigenschaften schwer zu ersetzen sind: Im Coil Coating als Plastisol (PVC-Pulver in Weichmacher suspendiert, lösemittelfrei, Sintern bei 180–220 °C) für Blechverkleidungen, Markisen und Dachelemente. Organosole (Plastisol + Lösemittel) ermöglichen häufig dünnere Schichten und werden vor allem für Dosendeckel, Verschlüsse und Behälterbeschichtungen eingesetzt. PVC-Klarlacke auf Lösemittelbasis für Behälterbeschichtung und Einschicht-Decklacke im chemischen Anlagenbau bestehen fort. Die PFAS-Diskussion betrifft PVC nicht direkt (PVC enthält Chlor, nicht Fluor); PVC ist nicht als PFAS eingestuft. Regulatorisch einschränkend sind VOC- Verordnungen (lösemittelhaltige Systeme) und die Diskussion um Weichmachermigration (Phthalate → Ersatz durch DINCH, DOTP). Bei thermischer Belastung HCl-Dämpfe — Überhitzung vermeiden, Lösemittelemissionen gering halten.
Merksatz
PVC-Decklack = Chemikalien- und Korrosionsschutz aus PVC-Mischpolymerisat (Copolymer für Löslichkeit). Physikalisch trocknend, Haftharz für Metall, Stabilisatoren gegen die HCl-Abspaltung — und keine thermische Überlastung. Zur Einordnung: Die Dauergebrauchstemperatur liegt bei etwa 60 bis 70 °C, eine technisch relevante thermische Dehydrochlorierung setzt aber erst deutlich oberhalb 100 °C ein — deshalb lassen sich stabilisierte Plastisole bei 180 bis 220 °C gelieren.
- Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
- DIN EN ISO 182-1
- DIN EN ISO 182-2
- DIN EN ISO 182-3
Übungsblatt Ü-106
Prüfen, ob es sitzt.
1. Warum wird PVC im Decklack als Mischpolymerisat und nicht als Homopolymerisat eingesetzt?
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2. Ein PVC-Decklack hat ein Pigment-Bindemittel-Verhältnis von 1 : 1,1 (Masse). Wie viel Pigment und Bindemittel enthalten 800 g Festkörper?
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3. Ab welcher Temperatur ist mit einer thermischen HCl-Abspaltung aus PVC zu rechnen, wo liegt die Gebrauchsgrenze, und wie wird stabilisiert?