Alle Tafeln › Kapitel 1 · Grundlagen
L-12
Benetzung und Haftung
Oberflächenspannung, Randwinkel und die Regel für die Benetzung
Prüfungsteil 1A 8.1
Haftung als erste Voraussetzung
Die Haftfestigkeit ist ein Maß für den Widerstand einer Beschichtung gegen ihre mechanische Abtrennung vom Untergrund; sie wird als Kraft je Fläche in N/mm² angegeben. Dauerhafte Haftung — auch bei Feuchtigkeitseinwirkung — ist die erste Voraussetzung für jede Schutzwirkung, etwa den Korrosionsschutz. Eine bewusste Ausnahme sind Abziehlacke als temporärer Transportschutz.
Woher die Oberflächenspannung kommt
Im Inneren einer Flüssigkeit ist jedes Molekül gleichmäßig von Nachbarn umgeben; die Anziehungskräfte heben sich auf. An der Oberfläche fehlen die Nachbarn nach außen, es bleibt eine ins Flüssigkeitsinnere gerichtete Kraft. Sie bewirkt, dass die Oberfläche möglichst klein wird — im schwerelosen Raum ist ein Tropfen deshalb kugelförmig.
Die Grenzflächenspannung γ ist die Kraft, die an einem Meter einer gedachten Linie in der Grenzfläche wirkt, angegeben meist in mN/m. Grenzt eine Phase an Luft, spricht man von Oberflächenspannung. Da eine Energie je Fläche dasselbe ist wie eine Kraft je Länge, beschreibt γ zugleich die Oberflächenenergie.
Anhaltswerte in mN/m
- Quecksilber 500 · Wasser 73
- Epoxidharze 45–60 · Melaminharze 42–58 · Alkydharze 33–60 · Acrylharze 32–40
- Xylol 29–30 · Butylglykol 27–28 · Testbenzin 26–27 · Butylacetat 25 · Butanol 24
- Testbenzin aromatenfrei 23–25 · Hexan 18
- Siliconöl (PDMS) 20–21 — der niedrigste Wert unter den Bindemitteln und Additiven dieser Reihe; als Verlaufs-, Netz- und Entschäumer-Additiv gewollt so niedrig, als Verunreinigung Ursache der Siliconkrater
Hoch- und niederenergetische Substrate
Dieselbe Regel erklärt, warum manche Untergründe leicht, andere kaum benetzbar sind. Hochenergetische, polare Oberflächen — Glas, Metalle und andere oxidische Substrate — werden von den meisten Lacken von allein gut benetzt. Niederenergetische, unpolare Oberflächen — PE, PP, PTFE, Silicon — liegen so tief, dass Lacke abperlen und erst aktiviert werden müssen. Merkregel: polar/hochenergetisch = gut benetzbar, unpolar/niederenergetisch = schlecht benetzbar. Gute Benetzung heißt aber noch nicht dauerhafte Haftung — Glas etwa wird gut benetzt, braucht wegen der glatten, wasserempfindlichen Grenzfläche aber Haftvermittler (siehe L-130).
Folgen mangelnder Benetzung
Benetzt der Lack den Untergrund nicht vollständig, zeigt sich das als Krater, Stippen, „Apfelsinenhaut“ oder ein Zusammenlaufen zu Tropfen. Solche Fehler entstehen typischerweise an fett- oder siliconverunreinigten Stellen oder auf unbehandelten unpolaren Kunststoffen — und, oft übersehen, durch nicht optimal eingesetzte siliconmodifizierte Additive des Lacks selbst, allen voran Entschäumer: Sie wirken über eine gewollte, feine Unverträglichkeit; bei Überdosierung, unverträglichem Silicontyp oder schlechter Einarbeitung schlägt diese in genau die Krater um, die man vermeiden wollte.
Die Regel für die Praxis
Als praktische Faustregel gilt: Eine gute Benetzung wird begünstigt, wenn die Oberflächenspannung des flüssigen Lackes niedrig und die Oberflächenenergie des festen Substrats hoch ist. Der entscheidende, experimentell beobachtbare Maßstab ist jedoch der Randwinkel θ (siehe unten): Er wird nicht allein durch Oberflächenspannung und Oberflächenenergie bestimmt, sondern zugleich durch die Grenzflächenspannung zwischen Flüssigkeit und Festkörper (Young-Gleichung). Das erklärt, warum Wasserlacke auf unbehandelten, unpolaren Kunststoffen schlecht benetzen und warum Fett-, Öl-, Silicon- oder Trennmittelreste auf Metall zu Benetzungsstörungen führen.
Substrat-Vorbehandlung: entfetten und aktivieren
Aus der Benetzungsregel folgt die Vorbehandlung — sie sorgt dafür, dass der Untergrund eine höhere Oberflächenenergie hat als der Lack.
Entfetten und Reinigen: Fett, Öl und Trennmittelreste bilden eine niederenergetische Schicht und müssen restlos entfernt werden (Lösemittelreinigung, wässrige Reiniger, Beizen). Wichtig für die Praxis: Ein Reinigungsbad reichert sich mit der Zeit mit Fett an. Ist seine Aufnahmefähigkeit erschöpft, zieht das gelöste Fett beim Abtrocknen wieder auf das Werkstück und verursacht genau die Benetzungsstörungen, die man vermeiden wollte. Deshalb Bäder überwachen, rechtzeitig wechseln und mit rückstandsfrei verdunstendem Reiniger nachspülen.
Aktivieren unpolarer Kunststoffe: PP, PE und ähnliche haben eine zu niedrige Oberflächenenergie, um lackiert zu werden. Corona-Behandlung (eine elektrische Entladung dicht über der Oberfläche), Beflammen oder Plasma oxidieren die obersten Molekülschichten und schaffen polare Gruppen — die Oberflächenenergie steigt, der Lack benetzt. Der Effekt lässt mit der Zeit nach (die Oberfläche heilt aus), deshalb bald nach der Behandlung lackieren; kontrollieren lässt er sich mit Prüftinten.
Benetzungsadditive und ihr Wirkmechanismus
Erfüllt ein Lack die Benetzungsregel nicht von allein, senkt man seine Oberflächenspannung mit Benetzungsadditiven. Sie wandern an die Grenzfläche: Der niederenergetische Molekülteil zeigt nach außen, der Rest bleibt im Lack verankert — die Oberflächenspannung des Lacks sinkt unter die des Untergrunds, Krater und Entnetzung verschwinden.
- Siliconadditive (polyether-modifizierte Polysiloxane) — starke Senkung der Oberflächenspannung, besserer Verlauf und Kratervermeidung; zu viel oder das falsche Silicon stört Überlackierbarkeit und Zwischenhaftung.
- Fluortenside — stärkste Wirkung, schon in kleinsten Mengen; wegen PFAS-Regulierung heute zurückhaltend eingesetzt.
- organische Netzmittel (Tenside, z. B. auf Polyether-Basis) — moderatere Wirkung, silicon- und fluorfrei, gut überlackierbar.
Darum wirken schon geringe Zugaben.
Der Randwinkel als Maß
Je kleiner der Randwinkel θ zwischen Festkörper und aufgetragenem Tropfen, desto besser die Benetzung: θ < 90° heißt gute Benetzung, θ > 90° schlechte (der Tropfen perlt ab), bei θ = 0 läuft er vollständig auseinander — das ist die Spreitung.
Gemessen wird θ optisch mit einem Randwinkelmessgerät (Goniometer, Sessile-Drop-Verfahren): Ein definierter Tropfen wird auf die Oberfläche gesetzt, im Profil per Kamera aufgenommen und der Winkel am Dreiphasenpunkt (fest/flüssig/gasförmig) über die Tropfenkontur bestimmt. Aus den Randwinkeln mehrerer Testflüssigkeiten lässt sich die Oberflächenenergie des Substrats berechnen. Schnell und werkstattnah sind Prüftinten (Dyne-Stifte): Man streicht Testtinten abgestufter Oberflächenspannung auf; die höchste, die noch als geschlossener Film stehen bleibt, liefert einen Anhaltswert für die Benetzbarkeit bzw. das Oberflächenenergieniveau des Untergrunds.
Young-Gleichung und Benetzungskriterium
Kräftegleichgewicht am Dreiphasenpunkt (Young): γSV = γSL + γLV · cos θ → cos θ = (γSV − γSL) / γLV Maßgeblich ist der Randwinkel θ, nicht der bloße Vergleich zweier Oberflächenspannungen: θ = 0 vollständige Spreitung, θ < 90° gute, θ > 90° schlechte Benetzung. γSV Oberflächenenergie des Festkörpers (fest/gasförmig) · γLV Oberflächenspannung des Lacks (flüssig/gasförmig) · γSL Grenzflächenspannung fest/flüssig. Beispiel: γSV = 40 mN/m (behandelter Kunststoff), γLV = 30 mN/m (Lack), γSL = 8 mN/m (Grenzfläche Lack/Kunststoff). cos θ = (40 − 8) / 30 = 1,07 Da cos θ rechnerisch über 1 liegt, gibt es keinen stabilen Randwinkel — der Lack spreitet vollständig (θ ≈ 0°), die Benetzung ist optimal. Zweites Beispiel mit schlechterer Grenzfläche: γSL = 25 mN/m (sonst gleich): cos θ = (40 − 25) / 30 = 0,50 → θ ≈ 60°, noch gute, aber deutlich schlechtere Benetzung. Der Vergleich zeigt: Bei gleichem γSV und γLV entscheidet allein die Grenzflächenspannung γSL, ob spontane Spreitung oder nur mäßige Benetzung eintritt.
- Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
Übungsblatt Ü-12
Prüfen, ob es sitzt.
1. Erklären Sie mit eigenen Worten, wann ein Lack einen Untergrund benetzt und wann nicht.
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2. Ein Wasserlack hat eine Oberflächenspannung von 38 mN/m. Er soll auf entfettetem Stahl mit 45 mN/m und auf unbehandeltem Polypropylen mit 30 mN/m appliziert werden. Beurteilen Sie beide Fälle.
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3. Nach dem Reinigen eines Prüfblechs mit einem fetthaltigen Reinigungsmittel treten Benetzungsstörungen auf. Erklären Sie die Ursache.