Alle Tafeln › Kapitel 1 · Grundlagen
L-13
Phasengrenzflächen in Beschichtungen
Vier Grenzflächen und was sie bewirken
Prüfungsteil 1A 8.1 · A 8.4
Auch Klarlacke sind nicht zwangsläufig homogen
Schon ein Klarlack ohne Pigmente und Füllstoffe bildet zwar einen weitgehend homogenen Film, muss aber nicht perfekt homogen sein. Unter bestimmten Bedingungen entstehen mikroskopische Inhomogenitäten — durch unterschiedliche Vernetzungsgrade (oft ein Vernetzungsgradient über die Schichtdicke, wenn die Oberfläche anders härtet als der Untergrund), durch teilweise Entmischung von Bindemittel- oder Additivbestandteilen oder durch Wechselwirkungen mit der Substratoberfläche.
An der Grenzfläche zum Substrat orientieren sich polare funktionelle Gruppen des Bindemittels — etwa Carboxylgruppen — bevorzugt zur Oberfläche, zum Beispiel zu Metalloxiden. Dadurch unterscheidet sich die Zusammensetzung und Struktur des Bindemittels in Grenzflächennähe vom Filmvolumen; es bildet sich eine grenzflächennahe Interphase, die hinter der spezifischen (Säure-Base-)Haftung steht. Mit Pigmenten und Füllstoffen entstehen ohnehin zahlreiche innere Grenzflächen — man spricht von grenzflächenreichen Systemen mit sehr großer innerer Grenzfläche. Ihre Größe lässt sich abschätzen: A = m · a(spez), also Feststoffmasse mal spezifischer Oberfläche. Richtwerte für a(spez): Kreide und Talkum 2 bis 10 m²/g, Titandioxid-Weißpigment etwa 10 bis 20 m²/g (BET, oberflächennachbehandelte Handelsqualität; schwach behandelte Typen liegen bei 7 bis 10 m²/g, hoch witterungsbeständige silicareiche Typen darüber), pyrogene Kieselsäure 100 bis 400 m²/g (hochoberflächige Typen am oberen Ende, vgl. L-44 und L-55). Zum Vergleich die reine Geometrie: Für ein idealisiertes, glattes Kugelteilchen von 250 bis 300 nm liefert Sₘ = 6/(ρ · d) mit ρ rund 4,1 g/cm³ nur etwa 5 bis 6 m²/g. Das ist ein Rechenwert des Modells und kein gemessener BET-Wert eines Handelspigments — die reale Oberfläche liegt wegen Porosität, Rauheit und vor allem der anorganischen Nachbehandlung deutlich höher (vgl. L-44). Die aus Masse und BET-Oberfläche berechnete Grenzfläche A ist ein rechnerischer Höchstwert — wirksam ist nur der tatsächlich benetzte Anteil.
Die vier Grenzflächen
- Bindemittel/Substrat — bestimmt durch die tatsächliche Substratoberfläche, die bei rauem Substrat je nach Rauheit wenig bis deutlich größer als die planimetrisch gemessene Fläche sein kann. Bedeutung: Hier entscheidet sich die Haftung, bei metallischen Substraten zusätzlich der Korrosionsschutz.
- Bindemittel/Pigment bzw. Füllstoff — die Feststoffteilchen bilden eine sehr große innere Grenzfläche; ihre Größe hängt stark von Material, Teilchengröße und Teilchenform ab (feinteilige Füllstoffe und pyrogene Kieselsäuren erreichen besonders hohe spezifische Oberflächen). Bedeutung: Ort wichtiger Wechselwirkungen, die Benetzung, Dispergierung, Rheologie, mechanische Eigenschaften (z. B. Steinschlagbeständigkeit) und Beständigkeit mitbestimmen. Der innere Zusammenhalt des Films hängt daneben von Bindemittelmatrix, Vernetzung, Pigmentvolumenkonzentration und Partikelwechselwirkungen ab — die Grenzfläche ist ein wichtiger, aber nicht der alleinige Faktor.
- Bindemittel/Atmosphäre — die äußere Oberfläche, bei ebener Beschichtung annähernd die planimetrische Fläche. Bedeutung: Angriffspunkt für Sauerstoff, Feuchte, UV-Belastung, Verschmutzung und Bewitterung; Veränderungen können in tiefer liegende Bereiche fortschreiten.
- Bindemittel/Bindemittel — entsteht, wenn der Film aus unterschiedlichen, nicht vollständig verträglichen Bindemittelphasen besteht. Bedeutung: Solche Phasengrenzen können Mechanik, Transparenz, Haftung, Beständigkeit und Alterung beeinflussen.
Merksatz
Bei Beschichtungen bestimmen nicht nur die Bestandteile des Lackfilms, sondern auch die Grenzflächen zwischen ihnen maßgeblich die Eigenschaften.
Konsequenzen für die Praxis
Die Grenzfläche zwischen Bindemittel und Pigment bzw. Füllstoff ist für pigmentierte Lacke besonders wichtig: Eine gute Benetzung der Feststoffoberfläche sowie eine wirksame Dispergierung und Stabilisierung verhindern die Bildung und Rückbildung von Agglomeraten und verbessern dadurch Rheologie, Glanz, Farbton, mechanische Eigenschaften und Lagerstabilität (siehe L-52). Auch die äußere Oberfläche des Films ist für die Beständigkeit entscheidend: Ihre Zusammensetzung und Struktur beeinflussen die Wechselwirkung mit UV-Strahlung, Sauerstoff, Wasser und Schmutz. Die Eigenschaften eines Lackfilms lassen sich daher nicht allein aus seiner mittleren Zusammensetzung ableiten.
Was bei schlechter Grenzflächenkontrolle passiert
- schlechte Pigmentbenetzung → Agglomerate und Körnigkeit
- unzureichende Dispergierung → Farbton- und Glanzprobleme, instabile Rheologie
- schlechte Substratgrenzfläche → Haftungsverlust
- inkompatible Bindemittelphasen → Trübung, Phasentrennung oder lokale Schwächung
Praxisbeispiel: die Substratgrenzfläche
Ein Stahlblech wird vor dem Lackieren nur oberflächlich abgewischt; ein dünner Öl- oder Fettfilm aus der Umformung bleibt zurück. Der Lack läuft trotzdem glatt auf und sieht einwandfrei aus — die polaren Gruppen des Bindemittels finden aber nicht das Metalloxid, sondern eine Fettschicht. Die Interphase, die die Haftung trägt, entsteht gar nicht erst. Sichtbar wird der Fehler erst später: Der Gitterschnitt reißt in großen Schollen ab, und im Salzsprühnebeltest unterwandert Rost die Schicht von jedem Kratzer aus.
Zweites Beispiel, dieselbe Grenzfläche: Siliconöl aus Pflege- oder Trennmitteln senkt örtlich die Oberflächenspannung. Dort zieht sich der nasse Film zurück — es entstehen Krater. Beide Fehler sitzen im Untergrund, nicht im Lack; im Lackansatz sind sie deshalb nicht zu finden. Vor dem Lackieren prüft man den Untergrund mit dem Wasserbenetzungstest (auf sauberem Stahl bleibt der Wasserfilm zusammenhängend und reißt nicht) oder mit Prüftinten (siehe L-12).
Praxisbeispiel und Prüfungsdenken
Ein pigmentierter Lack zeigt nach Lagerung eine deutliche Viskositätszunahme. Eine mögliche Ursache ist die Bildung bzw. Rückbildung von Pigmentagglomeraten. Die Ursache liegt dann nicht zwingend in einer Änderung des Bindemittels, sondern kann an der Grenzfläche und an der Stabilisierung der dispergierten Phase liegen.
Bei einem Fehlerbild lohnt sich immer diese Reihenfolge: Welche Grenzfläche ist betroffen? Was passiert dort molekular oder physikalisch? Welche sichtbare Folge entsteht daraus?
- Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
Übungsblatt Ü-13
Prüfen, ob es sitzt.
1. Nennen Sie die vier Phasengrenzflächen einer pigmentierten Beschichtung und geben Sie zu jeder die Funktion an. Begründen Sie anschließend, warum sich eine pigmentierte Beschichtung als Verbundwerkstoff bezeichnen lässt.
Musterlösung anzeigen
2. Eine pigmentierte Beschichtung enthält je Kilogramm Trockenfilm 250 g Füllstoff mit einer spezifischen Oberfläche von 8 m²/g sowie 30 g pyrogene Kieselsäure mit 200 m²/g. Berechnen Sie die gesamte innere Grenzfläche zwischen Bindemittel und Feststoffen je Kilogramm Film und ordnen Sie das Ergebnis ein.
Musterlösung anzeigen
3. Ein pigmentierter Lack zeigt nach einigen Wochen Lagerung eine deutliche Viskositätszunahme und gleichzeitig schlechteren Glanz. Erklären Sie einen plausiblen Zusammenhang über Grenzflächen und Pigmentdispergierung.