Alle Tafeln › Kapitel 13 · Recht, Umwelt und Sicherheit
L-169
High-Solid-Decklack
Weniger Lösemittel durch mehr Festkörper
Prüfungsteil 1A 9
Was High-Solids sind
High-Solids sind Beschichtungsstoffe mit erhöhtem Festkörperanteil zur Emissionsminderung. In der Lacktechnik-Literatur ist die Abstufung Low-Solids (<30 %), Normal-Solids (30–60 %), Medium-Solids (60–70 %) und High-Solids (>70 %) gebräuchlich, jeweils als nichtflüchtiger Anteil in Masse-%. Diese Staffel ist eine Konvention, keine Norm — andere Marktsegmente ziehen die Grenze anders (siehe L-168). Der Ansatz gehört zu den Wegen der Lösemittelreduktion, neben Wasserlacken, Pulverlacken und strahlenhärtenden Systemen (siehe L-168).
Fertiglack-Rechnung: Was bedeutet 70 % Festkörper?
Beispiel: 1,00 kg Lack mit 70 Masse-% nichtflüchtigem Anteil enthält theoretisch 700 g nichtflüchtige Bestandteile. Bei 45 % wären es nur 450 g — der HS-Lack liefert bei gleicher Applikationsmenge rund 56 % mehr nichtflüchtige Substanz. Das erklärt anschaulich, warum HS-Systeme bei geeigneter Applikation mehr Trockenschicht pro Nassfilm liefern können. Voraussetzung: Der Volumenfestkörper muss ebenfalls hoch sein (nicht nur Massefestkörper prüfen, wenn Dichte von Lösemittel und Bindemittel stark abweichen).
Achtung: High-Solid ist nicht automatisch besser
Zu hohe Viskosität kann Spritzbild und Verlauf verschlechtern; zu geringe Viskosität kann Ablaufen und unzureichende Schichtbildung verursachen. Ein HS-Lack mit niedrig eingestellter Viskosität (durch Lösemittelzugabe) verliert seinen Emissionsvorteil. Die Einstellung von Festkörper, Viskosität und Applikationsparametern muss systemspezifisch optimiert werden — pauschal ist High-Solid nicht besser, nur lösemittelärmer bei richtiger Verarbeitung.
Wie man den Festkörper erhöht
Um den Festkörper bei gleicher Verarbeitungsviskosität zu erhöhen, wird häufig die Molmasse des Bindemittels gesenkt (geringere Eigenviskosität). Bei einer Molmassenabsenkung kann eine angepasste Funktionalität erforderlich sein, um die gewünschte Vernetzungsdichte und das Eigenschaftsniveau zu erreichen; die optimale Kombination ist systemabhängig. Typisch ist ein OH-Polyacrylat, das mit Polyisocyanat vernetzt.
Festkörperbestimmung und VOC
Der nichtflüchtige Anteil wird über den Massenvergleich von Lack und Trockenfilm bestimmt: FK (%) = Masse Trockenfilm · 100 / Masse Beschichtungsstoff (Ausheizen im Ofen). VOC steht für flüchtige organische Verbindungen; nach Decopaint-Richtlinie/ChemVOCFarbV zählt dazu jede organische Verbindung mit einem Siedepunkt bis 250 °C bei Normaldruck. Der VOC-Gehalt ist die zentrale Emissionskennzahl.
Applikation
HS-Lacke lassen sich mit den üblichen Verfahren verarbeiten; ein höherer Festkörper kann bei gleicher Applikationsbedingung zu höherer Schichtdicke beitragen — die Läuferneigung hängt jedoch vom gesamten rheologischen und applikativen System ab, daher Applikationsparameter anpassen. Emissionsarm sind auch Sonderverfahren: die Hochdruckspritzung mit überkritischem Kohlenstoffdioxid (ersetzt teilweise Lösemittel) sowie molchbare Leitungen, die sich beim Produktwechsel spülmittelarm reinigen lassen.
Umwelt und Sicherheit
High-Solids senken Emissionen, enthalten aber weiterhin Lösemittel — lüften und Grenzwerte beachten. Der Ansatz steht im Zeichen von „Responsible Care“ (freiwillige Selbstverpflichtung der Branche zu Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitsschutz). Bei Isocyanat-Vernetzern gelten die üblichen Schutzmaßnahmen (Sensibilisierung).
Merksatz
High-Solid = mehr Festkörper, weniger Lösemittel. Erreicht durch niedrigere Molmasse, die Funktionalität wird bei Bedarf angepasst; FK über Massenvergleich, VOC als Emissionsmaß. Applikationsverhalten (Schichtdicke, Ablaufen) systemspezifisch einstellen — emissionsarm, aber nicht lösemittelfrei.
- Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
- Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
Übungsblatt Ü-169
Prüfen, ob es sitzt.
1. Was sind High-Solid-Lacke, und wie erhöht man den Festkörper bei gleicher Verarbeitungsviskosität?
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2. Aus 15 g Beschichtungsstoff bleiben nach dem Ausheizen 12 g Trockenfilm. Berechnen Sie den Festkörperanteil.
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3. Nennen Sie zwei emissionsarme Applikationsbesonderheiten und wofür VOC steht.