Der Lacklaborant Lernwerk

Alle Tafeln › Kapitel 3 · Pigmente, Füllstoffe und Additive

L-44

Teilchengröße und spezifische Oberfläche

Warum feine Teilchen alles verändern

Prüfungsteil 1A 9 · A 10 · A 8.4

KernaussageMit abnehmender Teilchengröße steigt bei vergleichbarer Form und Dichte die spezifische Oberfläche stark an — das verändert Benetzung, Dispergiermittel- und Bindemittelbedarf sowie Rheologie. Optische Eigenschaften besitzen jedoch häufig ein Teilchengrößenoptimum.

Das Würfelmodell

Ein Würfel von 1 cm Kantenlänge hat 6 cm² Oberfläche. Teilt man ihn in allen drei Raumrichtungen je zehnmal, erhält man 1000 Würfel von 1 mm Kantenlänge — mit zusammen 60 cm² Oberfläche. Jede weitere Zehnteilung verzehnfacht die Gesamtoberfläche erneut. Das Modell ist idealisiert: Es beschreibt eine kompakte, geometrisch ähnliche Zerteilung ohne Poren und ohne Größenverteilung — genau deshalb macht es den Zusammenhang so anschaulich.

Oberflächenwachstum bei dezimaler Zerteilung

Kantenlänge   Anzahl Würfel   Gesamtoberfläche
1 cm          1               6 cm²
1 mm          10³             60 cm²
1 µm          10¹²            6 m²
10 nm         10¹⁸            600 m²

Warum das lacktechnisch zählt

Atome und Moleküle an der Teilchenoberfläche haben einen höheren Energieinhalt als solche im Inneren. Bei sehr kleinen Teilchen im Nanometerbereich liegt deshalb ein erheblicher Anteil aller Bausteine in der Grenzfläche: Für ein kugelförmiges Teilchen von 10 nm Durchmesser ergibt eine angenommene Grenzschichtdicke in der Größenordnung eines Moleküldurchmessers, also etwa 1 nm, einen Randschichtanteil von rund 49 Prozent (Kugelmodell: 1 − ((5 nm − 1 nm)/5 nm)³ ≈ 0,49). Diese Zahl ist eine Modellabschätzung und nur mit der angenommenen Grenzschichtdicke sinnvoll; ohne diese Angabe ist sie keine allgemeingültige Größe. Ein Kolloid ist dabei ein disperses System mit Teilchen bzw. Struktureinheiten im kolloidalen Größenbereich (etwa 1 nm bis 1 µm); die große spezifische Oberfläche und der höhere Energieinhalt sind eine wichtige Folge davon, nicht die Definition selbst.

Die Geometrie dahinter

Würfelmodell: A = 6a², V = a³, also A/V = 6/a.
Ideale Kugeln: Sₘ = 6/(ρ·d) — spezifische Oberfläche aus Dichte ρ und Durchmesser d; mit ρ in g/cm³ und d in µm ergibt sich Sₘ unmittelbar in m²/g.

Beide Beziehungen zeigen: A/V ∝ 1/d. Sie gelten aber nur bei gleicher Form und vergleichbarer Dichte und für ideale, nichtporöse Teilchen; reale Pigmente weichen wegen Form, Porosität, Struktur und Größenverteilung ab.

Anhaltswerte technischer Rohstoffe

  • Gasruß — 13 nm — 460 m²/g
  • Pyrogene Kieselsäure — 7 nm — 390 m²/g
  • Phthalocyaninblau — 50 nm — 72 m²/g
  • Titandioxid Rutil, deckend — 250 bis 300 nm — rund 5 bis 6 m²/g (geometrisch nach Sₘ = 6/(ρ · d) mit ρ rund 4,1 g/cm³; ein unbeschichtetes Pigment dieser Größe misst per BET etwa 7 m²/g, oberflächennachbehandelte Handelsqualitäten dagegen 10 bis 20 m²/g, siehe L-13)
  • Titandioxid Rutil, transparent — 10 bis 20 nm — 45 bis 110 m²/g
  • Gefälltes Calciumcarbonat — 80 nm — 20 m²/g
  • Marmormehl — 2500 nm — 3,4 m²/g
  • Gemahlener Quarzsand — 16 000 nm — 0,9 m²/g

Zwei Folgerungen aus der Tabelle

  • Wie erwartet fällt die spezifische Oberfläche mit zunehmender Teilchengröße.
  • Anisometrische, also blättchenförmige Teilchen wie Aluminium- oder Perlglanzpigmente besitzen bei gleichem Volumen eine größere Oberfläche als eine Kugel — die Kugel hat von allen Körpern gleichen Volumens die kleinste Oberfläche. Ein pauschales „immer größer als isometrische Teilchen“ ist damit aber nicht belegt: Der Vergleich hängt von der konkreten Geometrie, der Größenverteilung, der Porosität und davon ab, worauf man normiert.

Bei technischen Pigmenten und Füllstoffen liegt stets eine mehr oder weniger breite Teilchengrößenverteilung vor — die Zahlen sind Mittelwerte.

Optische Eigenschaften haben ein Optimum

Farbstärke und Deckvermögen steigen mit abnehmender Teilchengröße nicht endlos an, sondern durchlaufen ein Optimum — beim deckenden Rutil-Titandioxid bei 250 bis 300 nm (siehe die Anhaltswerte oben). Die genaue Lage hängt zusätzlich von Brechungsindex, Pigmentkonzentration, Teilchenform und Dispergierung ab, nicht nur von der Teilchengröße. Transparenz und Filtrierbarkeit nehmen dagegen mit dem Dispersitätsgrad stetig zu — bei einem deckenden Buntpigment ist genau das meist unerwünscht. Feiner ist also nicht automatisch besser.

Praxisfolge

Mit steigender spezifischer Oberfläche wächst der Bedarf an Bindemittel, Netz- und Dispergiermittel, weil mehr Fläche benetzt und stabilisiert werden muss. Zugleich steigt der Energieaufwand beim Dispergieren. Die Ölzahl eines Pigments — die Leinölmenge je 100 g, bis eine zusammenhängende, kittartige Paste entsteht (DIN EN ISO 787-5, siehe L-40) — ist ein praxisnaher Kennwert für diesen Bedarf, aber kein direktes Maß der spezifischen Oberfläche: Teilchenform, Porosität, Struktur und Wechselwirkungen beeinflussen sie zusätzlich. Beim Dispergieren werden Primärpartikel (die ursprünglich gebildeten Einzelteilchen), stärker gebundene Aggregate und schwächer gebundene Agglomerate unterschieden — Aggregate lassen sich je nach Material nicht beliebig oder vollständig zerlegen. Ziel ist deshalb nicht pauschal die vollständige Zerteilung bis zum Primärpartikel, sondern der für Pigment und Anwendung erforderliche Dispersionsgrad. Ein Grindometer (Hegman-Gauge) beurteilt dabei vor allem noch vorhandene grobe Partikel bzw. Agglomerate, nicht direkt die Primärteilchengröße. Weiter zu „übermahlen“ bringt nichts, kostet nur Energie und kann Reagglomeration begünstigen (siehe L-53).

spezifische OberflächeBETTeilchengrößePrimärteilchendurchmesserWürfelmodellKolloidisometrischanisometrischÖlzahlFarbstärkeDeckvermögenTeilchengrößenoptimumTeilchengrößenverteilungRußKieselsäureTitandioxidMarmormehl
Quellen
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
  • DIN EN ISO 787-5

Übungsblatt Ü-44

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis7 Punkte

1. Erläutern Sie am Würfelmodell, wie sich die Oberfläche bei zunehmender Zerteilung verändert.

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AusgangspunktEin Würfel von 1 cm Kantenlänge besitzt sechs Flächen von je 1 cm², also 6 cm² Oberfläche.
Erste TeilungTeilt man ihn in allen drei Raumrichtungen je zehnmal, entstehen 10 · 10 · 10 = 1000 Würfel mit 1 mm Kantenlänge. Ihre Gesamtoberfläche beträgt 60 cm² — das Zehnfache.
RegelJede weitere dezimale Zerteilung verzehnfacht die Gesamtoberfläche erneut, während das Volumen unverändert bleibt. Formal: A = 6a², V = a³, also A/V = 6/a — die spezifische Oberfläche ist umgekehrt proportional zur Kantenlänge.
GrößenordnungBei 1 µm Kantenlänge sind es bereits 6 m², bei 10 nm rund 600 m² — aus demselben Kubikzentimeter Material.
Grenzen des ModellsDas Würfelmodell ist idealisiert: Es setzt eine kompakte, geometrisch ähnliche Zerteilung ohne Poren und ohne Größenverteilung voraus. Reale Pigmente weichen wegen Form, Porosität, Struktur und Verteilung davon ab.
Warum das eine Eins verdientDer Rechenweg der ersten Teilung wird ausgeschrieben, die Regel A/V = 6/a daraus abgeleitet, mit einer Größenordnung belegt und der idealisierte Charakter des Modells benannt.
Berechnung8 Punkte

2. Ein deckendes Titandioxid hat einen Primärteilchendurchmesser von etwa 280 nm und eine spezifische Oberfläche von 6 m²/g. Eine transparente Type hat 15 nm. Schätzen Sie deren spezifische Oberfläche ab und beurteilen Sie das Ergebnis.

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ÜberlegungDie spezifische Oberfläche ist bei gleicher Dichte und Form umgekehrt proportional zum Teilchendurchmesser (Sₘ = 6/(ρ·d)).
AnsatzO(2) = O(1) · d(1) / d(2)
RechnungO(2) = 6 m²/g · 280 nm / 15 nm = 112 m²/g
Annahmen der NäherungDie Rechnung setzt gleiche Dichte, gleiche (idealisierte, nichtporöse) Form und vergleichbare Größenverteilung voraus. Reale Typen weichen durch Porosität, Oberflächenbehandlung, Aggregatstruktur und breite Verteilung ab — der reale Messwert kann deshalb deutlich abweichen.
AbgleichFür ultrafeine, transparente Titandioxid-Typen werden je nach Produkt Größenordnungen von etwa 45 bis 110 m²/g angegeben; das ist ein produktabhängiger Erfahrungsbereich, kein allgemeingültiger Literaturwert. Die Abschätzung trifft die richtige Größenordnung.
BeurteilungDie transparente Type hat also rund die zwanzigfache spezifische Oberfläche. Entsprechend höher sind Bindemittelbedarf, Netz- und Dispergiermittelbedarf sowie der Dispergieraufwand.
Warum das eine Eins verdientDie Abschätzung wird korrekt durchgeführt, ihre Annahmen werden ausdrücklich bewertet und der Vergleichsbereich wird als produktabhängig statt als allgemeiner Literaturwert eingeordnet.
Anwendung7 Punkte

3. Ein Kollege möchte die Farbstärke eines Eisenoxidpigments erhöhen und schlägt vor, ein noch feineres Pigment einzusetzen. Beurteilen Sie diesen Vorschlag.

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Der Vorschlag greift zu kurzEine Verringerung der Teilchengröße führt nicht unbegrenzt zu höherer Farbstärke oder höherem Deckvermögen — die optische Wirkung besitzt vielmehr einen optimalen Teilchengrößenbereich.
Typische GrößenordnungBei roten Eisenoxidpigmenten liegt dieser günstige Bereich häufig bei einigen hundert Nanometern, etwa um 300 nm (reale Pigmente sind dabei nie ideal kugelförmig, und die genaue Lage hängt zusätzlich von Brechungsindex, Konzentration, Teilchenform und Dispergierung ab). Wird das Pigment deutlich feiner, kann die Lichtstreuung abnehmen und das Pigment zunehmend transparent werden.
Weitere FolgenMit abnehmender Teilchengröße steigt die spezifische Oberfläche; dadurch können Bindemittel-, Netz- und Dispergiermittelbedarf sowie der Dispergieraufwand steigen. Auch die Neigung zu Reagglomeration oder Flockulation kann zunehmen, wenn die Teilchen nicht ausreichend stabilisiert werden.
EmpfehlungVor einem Pigmentwechsel sollte geprüft werden, welche Teilchengröße das vorhandene Pigment besitzt und wo es relativ zum optimalen Bereich liegt. Eine weitere Verfeinerung ist nicht automatisch vorteilhaft.
Warum das eine Eins verdientEine gute Antwort erkennt, dass „feiner = farbstärker“ nicht allgemein gilt, nennt den typischen optimalen Größenbereich und berücksichtigt zusätzlich die Auswirkungen der größeren spezifischen Oberfläche auf Benetzung, Dispergierung und Stabilität.

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