Alle Tafeln › Kapitel 3 · Pigmente, Füllstoffe und Additive
L-45
BET-Methode und spezifische Oberfläche
Warum feine Teilchen mehr Bindemittel brauchen
Prüfungsteil 1A 7.1
Warum spezifische Oberfläche
Die spezifische Oberfläche (Oberfläche je Gramm) eines Pigments oder Füllstoffs beeinflusst Farbstärke, Deckvermögen, Bindemittelbedarf und Rheologie.
Das BET-Prinzip
Die Methode nach Brunauer, Emmett und Teller misst die physikalische Adsorption eines Gases — meist Stickstoff, N₂(g) ⇌ N₂(ads) — an der zugänglichen Pigmentoberfläche bei verschiedenen Relativdrücken. Aus der Adsorptionsisotherme berechnet man nach dem BET-Modell die Menge Gas einer Monoschicht (Monolagenkapazität) und daraus die spezifische Oberfläche in m² je Gramm. Erfasst wird dabei die für das Messgas zugängliche Fläche — je nach Material also auch innere Poren- und Strukturflächen. Die BET-Oberfläche ist deshalb nicht immer identisch mit der rein geometrischen Oberfläche der einzelnen Teilchen.
Zusammenhang mit der Teilchengröße
Je kleiner der Teilchendurchmesser, desto größer die spezifische Oberfläche — bei vergleichbarer Form und Dichte gilt näherungsweise Sₘ = 6/(ρ·d) (siehe L-44). Extrem feine Stoffe wie pyrogene Kieselsäure haben deshalb eine sehr hohe BET-Oberfläche und typischerweise auch eine hohe Ölzahl.
Bedeutung für die Rezeptur
Eine hohe spezifische Oberfläche geht oft mit höherem Bindemittel- und Netzmittelbedarf und einer stärkeren Rheologiewirkung einher — wichtig für die Dispergierung; die Korrelation ist aber systemabhängig und keine feste Gesetzmäßigkeit. Drei Kenngrößen sind sauber auseinanderzuhalten: Die BET-Fläche ist eine Messgröße (m²/g). Die Ölzahl ist ein empirischer, praxisnaher Kennwert für den Benetzungsbedarf, aber keine direkte Funktion der BET-Fläche — Teilchenform, Porosität, Struktur und Oberflächenchemie spielen mit hinein. Die PVK schließlich ist eine reine Volumenverhältnisgröße, PVK = V(Pigment + Füllstoff) / [V(Pigment + Füllstoff) + V(Bindemittel-Festkörper)] (siehe L-39); aus einer hohen BET-Fläche folgt deshalb keine höhere PVK. Beeinflusst wird über den Bindemittelbedarf allenfalls die kritische PVK des Systems (siehe L-55).
Arbeitssicherheit
Gemessen wird bei der Temperatur des siedenden Stickstoffs (77 K), also im Bad aus flüssigem Stickstoff. Stickstoff ist nicht giftig, verdrängt aber Sauerstoff: Ein Liter der Flüssigkeit setzt beim Verdampfen rund 700 Liter Gas frei — in kleinen oder schlecht belüfteten Räumen besteht Erstickungsgefahr, deshalb auf ausreichende Lüftung achten. Beim Umfüllen zusätzlich Kälteschutzhandschuhe und Gesichtsschutz tragen, weil flüssiger Stickstoff schwere Kälteverbrennungen verursacht. Der Umgang mit hochfeinen Pigment- und Füllstoffpulvern erfordert zusätzlich Staubminimierung, Absaugung und Atemschutz, weil feine Stäube lungengängig sind; bei alveolengängigem kristallinem SiO₂ bestehen darüber hinaus besondere inhalative Gesundheitsgefahren (siehe L-40).
Merksatz
BET misst über Gasadsorption die zugängliche spezifische Oberfläche (m²/g). Kleinere Teilchen bedeuten tendenziell mehr Oberfläche und damit meist höheren Benetzungs- und Bindemittelbedarf — die Ölzahl bleibt aber ein empirischer Kennwert und keine direkte Funktion der BET-Fläche, und die PVK ist eine davon unabhängige Volumengröße. Feine Pulver nur mit Staubschutz handhaben; Stickstoff ist nicht giftig, aber sauerstoffverdrängend.
- Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
- DIN ISO 9277
Übungsblatt Ü-45
Prüfen, ob es sitzt.
1. Was misst die BET-Methode, und nach welchem Prinzip? Grenzen Sie die BET-Fläche anschließend gegen Ölzahl und PVK ab.
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2. Ein Pigment hat eine spezifische Oberfläche von 10 m²/g. Ein feineres Pigment gleicher Dichte und Form hat den halben Teilchendurchmesser. Berechnen Sie die idealisierte spezifische Oberfläche. Nennen Sie anschließend drei Gründe, warum der reale BET-Messwert von dieser Rechnung abweichen kann.
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3. Erklären Sie die Auswirkungen einer hohen BET-Fläche auf Benetzung, Ölzahl, Bindemittel-/Netzmittelbedarf, Dispergierung und Rheologie. Begründen Sie, warum daraus nicht automatisch eine höhere PVK folgt. Welchen Schutz braucht der Umgang mit solchen Pulvern?