Der Lacklaborant Lernwerk

Alle Tafeln › Kapitel 4 · Dispergierung und Rezeptur

L-52

Netz- und Dispergiermittel

Zwei Aufgaben: benetzen und stabil halten

Prüfungsteil 1A 9 · A 10

KernaussageNetzmittel senken die Grenzflächenspannung und erleichtern die Benetzung, Dispergiermittel halten die zerteilten Pigmentteilchen gegen Flockulation stabil — unterschieden wird nach dieser Aufgabe.

Die Abgrenzung

Netz- und Dispergiermittel gehören zur Rohstoffgruppe der Additive — Stoffe, die Lacken in kleinen Mengen zugesetzt werden, um einzelne Eigenschaften gezielt zu verändern. Unterschieden werden die beiden nach ihrer Aufgabe: Netzmittel erleichtern die Benetzung, indem sie die Grenzflächenspannung senken und damit den Randwinkel verkleinern (siehe L-12). Dispergiermittel stabilisieren die beim Zerteilen entstandenen Pigmentoberflächen gegen Flockulation. Die Molmasse ist dazu nur eine Orientierung: Typische Netzmittel sind niedermolekulare, amphiphile Tenside, moderne Dispergiermittel meist oligomer oder polymer. Verlassen kann man sich darauf nicht — viele Handelsprodukte können beides, und die Hersteller verkaufen sie folgerichtig als „Netz- und Dispergiermittel“.

Aufbau eines Netzmittels

Ein typisches Netzmittel besitzt eine hydrophile Kopfgruppe und einen hydrophoben Schwanz. Dieses gleichzeitige Vorhandensein beider Eigenschaften heißt amphiphil; das einfachste Beispiel dafür ist Natriumstearat, das Salz der Stearinsäure — chemisch anschaulich, in der Lackpraxis aber kaum gebräuchlich. Verbreiteter sind dort Fettalkoholethoxylate: nichtionische Tenside mit einem langen Kohlenwasserstoff-Schwanz und einer Polyethylenoxid-Kopfgruppe, breit eingesetzt als Netz- und Emulgiermittel in wässrigen Systemen.

An der Grenze Wasser zu Luft weisen die hydrophilen Köpfe ins Wasser, die hydrophoben Schwänze zur Luft. Die Oberfläche besteht dann nicht mehr aus Wassermolekülen mit hoher Oberflächenspannung, sondern aus Kohlenwasserstoffketten mit niedrigerer — die Benetzung wird leichter.

Vier Klassen nach der Kopfgruppe

  • anionisch — negativ geladener Kopf, etwa Sulfonate; günstig und wirksam, aber empfindlich gegen mehrwertige Kationen (Härtebildner) und praktisch nur in wässrigen Systemen einsetzbar
  • kationisch — positiv geladener Kopf, etwa quartäre Ammoniumverbindungen; seltener, unverträglich mit anionischen Partnern im selben System, dafür nützlich auf negativ geladenen Untergründen und mit bakterizider Nebenwirkung
  • amphoter oder zwitterionisch — beide Ladungen im Molekül, etwa Lecithin; verträgt sich sowohl mit anionischen als auch mit kationischen Systempartnern und wird gezielt dafür eingesetzt
  • nichtionisch — ungeladen, meist Polyetherketten; unempfindlich gegen Elektrolyte und pH-Wert, deshalb die häufigste Wahl in modernen wässrigen Lacksystemen

Nach dem Schwanz unterscheidet man Kohlenwasserstoff-, Silicon- und Perfluortenside.

Wie stark sie wirken

Erreichbare Größenordnungen, keine Stoffkonstanten — der Messwert hängt von Konzentration, Temperatur und Medium ab:

  • Wasser rein — 73 mN/m
  • mit Kohlenwasserstofftensid — 40 bis 25 mN/m
  • mit Silicontensid — 30 bis 20 mN/m
  • mit Perfluortensid — 25 bis 15 mN/m

Je hydrophober der Schwanz, desto tiefer lässt sich die Oberflächenspannung drücken. Die Grenze setzt die Löslichkeit: Ein Tensid, das sich im Medium nicht mehr verteilt, wirkt auch nicht.

Der günstige Dosierbereich — und warum mehr nichts bringt

Wie viele Lackadditive haben Netz- und Dispergiermittel einen günstigen Dosierbereich: Zu wenig bleibt unwirksam, zu viel kann Nebenwirkungen verursachen. Die geeignete Einsatzmenge wird nicht abgelesen, sondern am konkreten Lack über eine Dosierreihe bestimmt (siehe L-47). Dass mehr irgendwann nichts mehr bewirkt, hat einen anschaulichen Grund: Sind Pigmentoberfläche und Phasengrenze einmal belegt, geht zusätzliches Netzmittel in die Flüssigphase. In Wasser lagert es sich dort oberhalb der kritischen Mizellbildungskonzentration zu Mizellen zusammen, und die Oberflächenspannung sinkt kaum noch. Übrig bleiben nur die Nebenwirkungen (siehe unten).

Doppelfunktionen

Manche Additive erfüllen zwei Aufgaben zugleich. Calciumnaphthenat ist ein Netzsikkativ: Es verbessert die Pigmentbenetzung und wirkt über das Metallion zugleich auf die oxidative Trocknung. Acetylenglykole (chemisch Alkindiole, verwandt mit Butindiol) netzen ausgesprochen schaumarm und fördern zusätzlich den Verlauf — praktisch überall dort, wo ein Netzmittel nötig ist, aber kein Schaum entstehen darf.

Dispergiermittel

  • Polyanionische Typen unterstützen die elektrostatische Stabilisierung: Sie adsorbieren auf anorganischen Pigmentoberflächen und verändern deren Ladung. Zusätzlich komplexieren sie mehrwertige Kationen und halten damit Härtebildner aus dem Wasser fern, die sonst Flockulation auslösen können. Einsatzgebiet: wässrige Systeme mit anorganischen Pigmenten.
  • Polycarboxylate — Salze von Polyacrylsäuren: polymer aufgebaut und deutlich hydrolysebeständiger als Polyphosphate, dafür teurer. Wie sie wirken, hängt von Molmasse, Neutralisationsgrad und Seitenketten ab. Einsatzgebiet: hochwertige wässrige Systeme, insbesondere wenn Hydrolysebeständigkeit über längere Standzeit gefragt ist.
  • Polyphosphate wie Pyrophosphat oder Calgon: anorganische Salze aus mehreren, über Sauerstoff verknüpften Phosphat-Einheiten (Calgon = Natriumhexametaphosphat); günstiger, gute Komplexbildung, für diese Anwendung typisch 0,2 bis 0,5 %, bezogen auf den gesamten Lack (nicht auf das Pigment — siehe L-53). Nachteil ist die langsame Hydrolyse zu Monophosphat, das auf der Beschichtung auskristallisieren kann. Einsatzgebiet: preissensitive wässrige Systeme mit kurzer Standzeit.
  • Polymere Dispergiermittel wirken sterisch: Ihre Ankergruppen adsorbieren auf der Pigmentoberfläche, während die solvatisierten Kettensegmente frei in die Flüssigphase ragen und die Teilchen rein räumlich auf Abstand halten (siehe L-51). Block- und Pfropfcopolymere eignen sich dafür am besten. Einsatzgebiet: lösemittelhaltige und lösemittelfreie Systeme, in denen elektrostatische Stabilisierung nicht funktioniert (siehe L-50 und L-51).

In allen Systemen — und ihre Nachteile

Netz- und/oder Dispergiermittel werden in pigmentierten Systemen häufig eingesetzt — wässrig, lösemittelhaltig und lösemittelfrei (100%). Nur der Typ unterscheidet sich: In Wasser stabilisiert man elektrostatisch bzw. elektrosterisch (ionische Netzmittel, Polyelektrolyt-Dispergiermittel), in unpolaren lösemittelhaltigen und in 100%-Systemen sterisch — mit nichtionischen Netzmitteln und polymeren Dispergiermitteln (siehe L-50 und L-51). Die Benetzung des Pigments ist überall nötig.

Nachteile: Netzmittel erhöhen die Hydrophilie des Films — zu viel senkt Wasser- und Korrosionsbeständigkeit und begünstigt Schaum (dagegen Entschäumer). Dispergiermittel können teuer sein (Polycarboxylate), langsam hydrolysieren und auf der Beschichtung auskristallisieren (Polyphosphate) oder Verträglichkeit und Zwischenhaftung beeinträchtigen.

Merksatz

Netzen heißt, die Oberfläche zugänglich machen. Dispergieren heißt, die zerteilten Teilchen stabil halten. Welche Molmasse ein Additiv hat, ist zweitrangig — gefragt ist, welche der beiden Aufgaben es im konkreten System erfüllt.

AdditivNetzmittelTensidamphiphilhydrophilhydrophobKopf-Schwanz-StrukturanionischkationischamphoterzwitterionischnichtionischFettalkoholethoxylatDispergiermittelPolycarboxylatPolyphosphatNatriumhexametaphosphatCalgonLecithinNaphthenatNetzsikkativAlkindiolAcetylenglykolMizellbildungskonzentrationEntschäumerDoppelfunktion
Quellen
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur

Übungsblatt Ü-52

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Grenzen Sie Netzmittel und Dispergiermittel voneinander ab und erläutern Sie den Aufbau eines typischen Netzmittels.

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Abgrenzung nach der AufgabeBeide gehören zur Rohstoffgruppe der Additive und werden nach ihrer Funktion unterschieden: Netzmittel erniedrigen an Phasengrenzflächen die Oberflächen- oder Grenzflächenspannung, verkleinern damit den Randwinkel und erleichtern die Benetzung. Dispergiermittel stabilisieren die beim Zerteilen entstandenen Pigmentoberflächen gegen Flockulation.
Die Molmasse als OrientierungNetzmittel bzw. Tenside sind meist niedermolekular und amphiphil, Dispergiermittel meist oligomer oder polymer. Das ist ein Anhaltspunkt, kein Kriterium: Es gibt niedermolekulare Additive mit Dispergierwirkung und polymere mit deutlicher Netzwirkung. Maßgeblich ist, welche Aufgabe das Produkt im konkreten System erfüllt.
Aufbau eines NetzmittelsEs besitzt eine hydrophile Kopfgruppe und einen hydrophoben Schwanz. Dieses gleichzeitige Vorhandensein beider Eigenschaften in einem Molekül heißt amphiphil. Klassisches Beispiel ist Natriumstearat, das Salz der Stearinsäure.
WirkungsweiseAn der Grenzfläche Wasser zu Luft weisen die hydrophilen Köpfe ins Wasser, die hydrophoben Schwänze zur Luft. Die Oberfläche besteht dann nicht mehr aus Wassermolekülen mit hoher Oberflächenspannung, sondern aus Kohlenwasserstoffketten mit niedrigerer.
HinweisHersteller fassen beide Begriffe häufig zusammen, weil viele Handelsprodukte beide Aufgaben erfüllen — die Abgrenzung ist in der Praxis fließend.
Warum das eine Eins verdientDie Aufgabe steht vor der Molmasse — genau in dieser Reihenfolge wird abgegrenzt. Der Schlusshinweis zeigt, dass die Grenze in der Praxis fließend ist.
Berechnung7 Punkte

2. Ein wässriger Lack von 500 kg soll 0,35 % eines Polyphosphat-Dispergiermittels enthalten. Berechnen Sie die Einwaage und beurteilen Sie, ob sie im üblichen Bereich liegt.

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Gegebenm(Lack) = 500 kg; Anteil = 0,35 %
Ansatzm(Additiv) = m(Lack) · Anteil / 100
Rechnungm(Additiv) = 500 kg · 0,35 / 100 = 1,75 kg
BeurteilungFür Polyphosphate in wässrigen Systemen ist ein Bereich von 0,2 bis 0,5 % typisch. Mit 0,35 % liegt der Wert mittig darin — bestätigen muss ihn aber eine Dosierreihe am konkreten Pigment.
AntwortsatzEs sind 1,75 kg Dispergiermittel einzuwiegen; die Konzentration liegt im üblichen Bereich.
Warum das eine Eins verdientDie geforderte Beurteilung wird mit dem konkreten Anwendungsbereich belegt. Bei Additiven gehört die Plausibilitätsprüfung der Einsatzmenge immer dazu.
Anwendung7 Punkte

3. Ein Wasserlack schäumt beim Rühren stark und die fertige Beschichtung nimmt mehr Wasser auf als erwartet. Nennen Sie eine gemeinsame mögliche Ursache und Gegenmaßnahmen.

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Gemeinsame UrsacheEine Überdosierung des Netzmittels erklärt beide Beobachtungen.
SchaumbildungGrenzflächenaktive Substanzen stabilisieren Schaumlamellen, die große Oberflächen besitzen. Je mehr Netzmittel vorhanden ist, desto beständiger der Schaum.
WasseraufnahmeNetzmittel verbleiben nach der Trocknung im Film und erhöhen dessen Hydrophilie. Die Beschichtung nimmt dadurch mehr Wasser auf, was Quellung, Glanzverlust und im Korrosionsschutz Unterrostung begünstigen kann.
GegenmaßnahmenErstens die Netzmittelmenge über eine Dosierreihe auf das Optimum zurücknehmen: Ist die Grenzfläche einmal belegt, senkt zusätzliches Netzmittel die Oberflächenspannung kaum noch — es bleiben nur die Nebenwirkungen. Zweitens einen Entschäumer einsetzen. Drittens ein schaumarmes Netzmittel wählen, etwa ein Alkindiol (Acetylenglykol).
GrundsatzViele Additive besitzen einen günstigen Dosierbereich: Zu wenig kann unwirksam sein, zu viel Nebenwirkungen verursachen — mehr Additiv bedeutet nicht automatisch mehr Wirkung. Die geeignete Einsatzmenge wird am konkreten Lack, z. B. durch eine Dosierreihe, bestimmt.
Warum das eine Eins verdientBeide Symptome werden auf eine Ursache zurückgeführt — das ist der Kern der Aufgabe. Die Gegenmaßnahmen sind nach Eingriffstiefe geordnet.

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