Alle Tafeln › Kapitel 7 · Wasserlacke und Elektrotauchlackierung
L-70
Wässrige Systeme
Hydrosole, Dispersionen und der Wasserberg
Prüfungsteil 2A 10
Voraussetzung für Wasserlöslichkeit
Um in Wasser löslich zu sein, müssen Polymermoleküle ionische Gruppen wie Carboxylat- oder Ammoniumgruppen besitzen oder eine beträchtliche Zahl nichtionischer, hydrophiler Gruppen wie Hydroxy-, Carbonyl-, Amino- und Amidgruppen oder Polyetherketten. Bei den ionischen Polymeren unterscheidet man anionische, kationische und zwitterionische Typen: Anionische sind meist Polycarbonsäuren und werden mit Aminen neutralisiert, kationische in der Regel Polyamine und werden mit einfachen Säuren versetzt. Zwitterionische Typen tragen beide Ladungsarten zugleich — eine saure (z. B. Carboxyl-) und eine basische (z. B. Amino-)Gruppe im selben Molekül; im Zwitterion liegen sie dann als Carboxylat- beziehungsweise Ammoniumgruppe vor; nach außen sind sie insgesamt neutral.
Die dispersen Zustände nach Teilchengröße
- Lösung (Hydrosol) — klar, Molmasse unter 20 000 g/mol, Teilchen unter 0,01 µm, ionische Moleküle, Hilfsstoff Neutralisationsmittel.
- Kolloidale Sekundärdispersion (Hydrogel) — fast klar bis opaleszierend, unter 100 000 g/mol, unter 0,1 µm, Knäuel aus zahlreichen Molekülen, wenig Neutralisationsmittel.
- Emulsion beziehungsweise Suspension — trüb bis milchig, über 0,1 µm, Tröpfchen oder Körnchen, Hilfsstoff Emulgator.
- Primärdispersion (Kunststoffdispersion) — mäßig trüb bis milchig, über 100 000 g/mol, 0,05 bis 5 µm, nahezu kugelförmige Polymerisatteilchen, Emulgator und gegebenenfalls Schutzkolloid.
Die genannten Größen- und Molmassenbereiche sind Orientierungswerte, keine scharfen Definitionsgrenzen; unterschieden werden die Begriffe in erster Linie über Dispersionszustand, Teilchenart und Herstellungsweg. In dieser Einteilung bezeichnet Hydrogel nicht ein wassergequollenes Polymernetzwerk, sondern den kolloidalen Dispersionszustand zwischen molekulardisperser Lösung und gröberer Dispersion.
Primärdispersionen sind etwas anderes
Primärdispersionen entstehen nicht durch Dispergierung eines fertigen Polymers, sondern grundsätzlich durch Emulsionspolymerisation. Dabei werden die Monomeren mit einem Emulgator in Wasser fein verteilt und mit einem wasserlöslichen Initiator gestartet; die Polymerisation läuft in den monomergequollenen Micellen und den wachsenden Latexteilchen ab — es entstehen sofort feste Polymerteilchen. Diese in Wasser dispergierten Polymerteilchen heißen Latex (ursprünglich der Milchsaft des Kautschukbaums, heute auch die synthetische Kunststoffdispersion). Die kompakten Latexteilchen haben eine hohe molare Masse; zur Stabilisierung gegen Koagulation enthalten sie Tenside und eventuell Schutzkolloide.
Warum das lacktechnisch wertvoll ist
Weil die Makromoleküle innerhalb der kompakten Latexteilchen und nicht frei in der Wasserphase sitzen, hat ihre molare Masse praktisch keinen Einfluss auf die Viskosität. Das erlaubt hochmolekulare Filmbildner, die in echt gelöster Form zu unzulässig hohen Viskositäten führen würden.
Der Wasserberg
Als Wasserberg bezeichnet man das Durchlaufen eines Viskositätsmaximums beim Verdünnen einer konzentrierten Polyelektrolytlösung mit Wasser. Diese unerwünschte Anomalie zeigen mehr oder weniger alle stark ionischen, echten Polymerlösungen; beim Maximum existieren aufgeweitete Knäuel und Molekülassoziate. Abflachen oder beseitigen lässt sie sich durch Reduzierung der Anzahl ionischer Gruppen bei gleichzeitiger Erhöhung der Hydrophilie, durch Wechsel vom Hydrosol zum kolloidalen Hydrogel oder durch Zusatz wassermischbarer Cosolventien wie Butylglykol. Letzteres gilt als Notlösung, da der Gehalt an organischen Lösemitteln möglichst niedrig bleiben soll.
Verdünnen auf Ziel-Festkörper
Beim Verdünnen bleibt die Festkörpermasse erhalten: m(FK) = m(Lack) · FK/100. Daraus folgt die neue Gesamtmasse m(gesamt) = m(FK) / (FK(neu)/100) und die zuzugebende Wassermenge m(Wasser) = m(gesamt) − m(Lack).
- Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
Übungsblatt Ü-70
Prüfen, ob es sitzt.
1. Unterscheiden Sie Hydrosol, Hydrogel und Primärdispersion nach Teilchengröße, molarer Masse und Aussehen.
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2. Ein wasserverdünnbarer Lack mit 45 % Festkörper soll auf 38 % eingestellt werden. Berechnen Sie die benötigte Wassermenge für 2,5 kg Lack.
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3. Beim Verdünnen eines wasserverdünnbaren Bindemittels steigt die Viskosität zunächst an, statt zu fallen. Benennen und erklären Sie das Phänomen und nennen Sie zwei Gegenmaßnahmen.