Der Lacklaborant Lernwerk

Alle Tafeln › Kapitel 7 · Wasserlacke und Elektrotauchlackierung

L-78

Silicatfarben (2K)

Kaliwasserglas trifft Untergrund — mineralische Verkieselung

Prüfungsteil 2B 4 · A 10

KernaussageSilicatfarben härten überwiegend durch mineralische Verkieselungs-/Kondensationsreaktionen mit dem Untergrund — stark anorganisch geprägt, unbrennbar und diffusionsoffen, aber begrenzt verarbeitbar.

Das Bindemittel: Kaliwasserglas

Bindemittel ist eine wässrige Kaliumsilicat-Lösung (Kaliwasserglas). Ihr Molverhältnis SiO₂ : K₂O (der „Modul“) bestimmt Viskosität und Stabilität: je mehr SiO₂, desto viskoser und desto reaktionsfreudiger — und desto weniger lagerstabil ist die Lösung. Der Modul wird auf das jeweilige Anwendungsziel abgestimmt.

Zweikomponenten-System

Silicatfarben werden als 2K-System geliefert: die Pigmentpaste getrennt vom Kaliwasserglas-Bindemittel. Erst kurz vor der Verarbeitung mischt man beide — danach ist die Topfzeit begrenzt, weil die Härtung sofort einsetzt. Angebrochene Mischung lässt sich später nicht mehr verwenden.

Verkieselung

Die Härtung von Silicatfarben ist mehr als eine einfache Reaktion: Carbonatisierung durch Luft-CO₂, Ansäuerung/Polykondensation der Silicatspezies und Reaktionen mit den mineralischen Bestandteilen des Untergrunds (Kalk, Silicate) wirken zusammen und führen zu unlöslichem Kieselgel — die sogenannte Verkieselung. Der Anstrich verwächst dadurch fest mit dem Untergrund, statt nur auf ihm zu haften. Dadurch ist die Haftung besonders dauerhaft.

Eigenschaften

Silicatfarben sind stark anorganisch geprägt, unbrennbar, hoch alkalibeständig, UV- und wetterbeständig und stark diffusionsoffen (wasserdampfdurchlässig); Formulierung und Bindemitteltyp bestimmen die genaue Zusammensetzung und Eigenschaften. Nachteilig sind begrenzte Topfzeit, Ätzgefahr für Haut und Augen sowie eine eingeschränkte Farbpalette (nur silicatbeständige, alkalifeste Pigmente). Persönliche Schutzausrüstung ist bei der Verarbeitung daher Pflicht.

Anwendung

Klassisch für mineralische Untergründe: Putz, Beton, Naturstein — besonders bei der Denkmalpflege und Fassadensanierung, wo Diffusionsoffenheit und Unbrennbarkeit gefragt sind. Auf organischen oder nicht saugfähigen Untergründen haftet Silicatfarbe nicht. Der Untergrund muss also sorgfältig geprüft werden, bevor man sich für eine Silicatfarbe entscheidet.

Verwandt: Zinksilicat auf Stahl

Dasselbe Silicat-Bindeprinzip nutzt man im Korrosionsschutz: Zinksilicat-Grundierungen sind anorganische, zinkreiche Grundierungen aus einem Silicat-Bindemittel (Ethylsilicat, lösemittelhaltig, oder Alkalisilicat, wässrig) und viel Zinkstaub. Warum sie auf blankem Stahl haften: Das Silicat härtet zu einem Kieselgel-Netzwerk (Si-O), das sich chemisch mit der Metalloberfläche und den Zinkteilchen verbindet — dieselbe Verkieselung wie mit dem Untergrund, nur auf Metall statt Mineral. Warum es diesen Typ gibt: Das Zink schützt kathodisch (Opferanode, siehe L-101; zum nötigen hohen Zinkanteil und der daraus folgenden hohen PVK siehe L-55), und das anorganische Bindemittel macht den Film außergewöhnlich hitzebeständig (bis etwa 400 °C, teils höher), lösemittel- und abriebfest sowie sehr langlebig — für den schweren Korrosionsschutz (Tanks, Offshore, Stahlbau). Organische zinkreiche Grundierungen erreichen diese Temperatur- und Lösemittelbeständigkeit nicht.

Reaktionstyp und Ätzgefahr

Chemisch ist die Verkieselung eine Polykondensation (verwandt mit dem Sol-Gel-Prozess): Das Silicat hydrolysiert und kondensiert unter Abspaltung von Wasser — beim Ethylsilicat des Zinksilicats zusätzlich Alkohol — zu einem vernetzten Si-O-Si-Kieselgel; das Kaliwasserglas reagiert dabei außerdem mit dem CO₂ der Luft. Die Ätzgefahr rührt daher, dass Wasserglas stark alkalisch ist (hoher pH): Es reizt bzw. verätzt Haut und Augen — deshalb Schutzbrille und Handschuhe tragen und angrenzende Flächen (Glas, Naturstein, Lack) abdecken.

Merksatz

Silicatfarbe härtet nicht durch Verdunsten allein, sondern durch chemische Verkieselung mit dem mineralischen Untergrund. Das macht sie unbrennbar und diffusionsoffen, aber nur auf mineralischen Flächen einsetzbar.

SilicatfarbeKaliwasserglasKaliumsilicatModulVerkieselungKieselgel2K-SystemTopfzeitdiffusionsoffenwasserdampfdurchlässigunbrennbaralkalibeständigDenkmalpflegemineralischer Untergrund
Quellen
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie

Übungsblatt Ü-78

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Wie härtet eine Silicatfarbe, und warum ist sie ein 2K-System mit begrenzter Topfzeit?

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HärtungDas Kaliwasserglas-Bindemittel reagiert mit CO₂ der Luft und mit den mineralischen Bestandteilen des Untergrunds (Kalk, Silicate) zu unlöslichem Kieselgel — der Verkieselung.
FolgeDer Anstrich verwächst chemisch mit dem Untergrund, statt nur physikalisch auf ihm zu haften.
2K-GrundPigmentpaste und Kaliwasserglas werden getrennt geliefert, weil die Reaktion nach dem Mischen sofort beginnt.
TopfzeitDeshalb ist die gemischte Farbe nur begrenzt lange verarbeitbar.
Warum das eine Eins verdientDie Verkieselung wird korrekt als chemische Reaktion mit dem Untergrund beschrieben, und der 2K-Aufbau wird logisch aus der sofort einsetzenden Reaktion abgeleitet.
Berechnung8 Punkte

2. Ein Kaliwasserglas hat den Modul (Molverhältnis) SiO₂ : K₂O = 3,5 : 1. Berechnen Sie das Masseverhältnis K₂O : SiO₂. (M(K₂O) = 94,2 g/mol, M(SiO₂) = 60,1 g/mol)

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GegebenMolverhältnis SiO₂ : K₂O = 3,5 : 1, also n(SiO₂) = 3,5 · n(K₂O)
Massenm(K₂O) = 1 · 94,2 = 94,2; m(SiO₂) = 3,5 · 60,1 = 210,4
MasseverhältnisK₂O : SiO₂ = 94,2 : 210,4 ≈ 0,45 : 1
AntwortsatzDas Masseverhältnis K₂O : SiO₂ beträgt rund 0,45 : 1.
EinordnungEin hoher Modul (viel SiO₂ je K₂O) bedeutet eine viskosere, reaktivere und weniger lagerstabile Lösung.
Warum das eine Eins verdientDas Molverhältnis wird korrekt über die Molmassen in ein Masseverhältnis umgerechnet, und die Bedeutung des Moduls für Viskosität und Reaktivität wird richtig eingeordnet.
Anwendung7 Punkte

3. Eine Fassade aus mineralischem Putz soll mit Silicatfarbe gestrichen werden, an einer Stelle ist aber eine Holzverkleidung eingelassen. Was ist zu beachten?

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PutzSilicatfarbe verkieselt mit dem mineralischen Putz und haftet dort dauerhaft und diffusionsoffen.
HolzAuf organischen, nicht mineralischen Untergründen wie Holz findet keine Verkieselung statt — die Silicatfarbe haftet dort nicht sicher.
KonsequenzDie Holzverkleidung muss mit einem anderen, für Holz geeigneten Beschichtungssystem behandelt werden.
PraxisÜbergänge zwischen Untergründen erfordern also unterschiedliche Beschichtungssysteme, nicht ein durchgehendes.
Warum das eine Eins verdientDie Grenze der Silicatfarbe (nur mineralische Untergründe) wird richtig erkannt und die praktische Konsequenz für den Materialwechsel korrekt gezogen.

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