Alle Tafeln › Kapitel 8 · Pulverlacke
L-97
Pulverlackherstellung (Extrusion)
Von der Einwaage über die Extrusion bis zum Sieben
WahlqualifikationB 9
Grundidee
Pulverlacke sind überwiegend lösemittelfreie Beschichtungsmaterialien; je nach Formulierung können jedoch flüchtige Bestandteile oder Reaktions-/Spaltprodukte auftreten. Der Pulverlack wird als festes Pulver appliziert und eingebrannt. Deshalb müssen alle festen Komponenten in einer Schmelze dispergiert werden — das geschieht bei der Extrusion, nicht wie beim Flüssiglack durch Mahlen in flüssiger Phase.
Prozesskette
- Einwiegen — Bindemittel, Härter, Pigmente, Füllstoffe und Additive.
- Vormischen (Dry-Blend) — trockenes Homogenisieren.
- Extrudieren — im beheizten Extruder schmelzen die Harze; die Schmelze wird geknetet und alle Feststoffe gleichmäßig dispergiert, ohne dass die Vernetzung (Vorreaktion) startet. Dazu wird die Temperatur systemabhängig gewählt (häufig etwa 90 bis 120 °C), die Verweilzeit ist kurz.
- Abkühlen/Auswalzen/Schreddern — das Extrudat erstarrt auf dem Kühlband und wird zu Chips zerschlagen.
- Mahlen — eine Rotor-Sichtermühle stellt die Korngrößenverteilung ein.
- Post-Blend — Rieselhilfsmittel (z. B. pyrogene Kieselsäure) und Ladungssteuerungsmittel werden im Taumelmischer trocken aufgemischt; sie dürfen nicht durch den Extruder.
- Schutzsiebung und Abfüllen.
Extruder-Einstellwerte (Richtwerte)
Typische Extruder-Temperaturzonen (systemabhängig, Richtwerte): Zone 1 Einzug / Feststoffförderung: 40–60 °C Zone 2 Aufschmelzzone / Plastifizierung: 80–100 °C Zone 3 Homogenisierzone / Düse: 100–120 °C Schmelzetemperatur am Austritt (Max.): ≤ 140 °C Schneckendrehzahl: maschinenabhängig — klassische Anlagen 200–400 rpm, moderne deutlich darüber (bis etwa 1200 rpm). Die Drehzahl allein ist kein Prozessvergleich: Sie ist nur zusammen mit Schneckengeometrie und Durchsatz aussagekräftig. Verweilzeit: 10–60 s, üblich 20–30 s (Sekunden, nicht Minuten — kurz halten, sonst setzt eine Vorreaktion ein) Zone 1 bleibt kalt, damit das Pulver als Feststoff gefördert wird — kein Schmelzpfropf am Einzug. Zone 2 schmilzt das Harz; Zone 3 homogenisiert. Der Grenzwert ≤ 140 °C am Austritt ist entscheidend: Darüber können reaktive Härter vorvernetzen — das Extrudat wird unbrauchbar.
Besonderheiten
Die Pigmente werden bei der Herstellung typischerweise während der Extrusion dispergiert; eine nachträgliche Nuancierung über mehrere Mahlpassagen wie beim Flüssiglack ist kaum möglich, weil erneutes Extrudieren eine Teilvernetzung (Vorreaktion) auslösen würde. Die Korngrößenverteilung (Siebanalyse oder Laserbeugung) steuert die Versprühbarkeit; die Sichterdrehzahl beeinflusst die Trennschnittgröße und damit die Korngrößenverteilung; der Zusammenhang mit der Feinheit hängt von Mühle und Prozessbedingungen ab.
Rotor-Sichtermühle (ACM) — Funktionsprinzip
Die Rotor-Sichtermühle (ACM — Air Classifying Mill) ist die Standardmühle für Pulverlacke. Zwei Funktionen in einem Gehäuse:
1. Prallrotor (Mahlung): Chips treffen mit hoher Geschwindigkeit auf den rotierenden Schlägerrotor und prallen an der Statorwand ab. Aufprall und Reibung zerkleinern die Chips zu Pulver.
2. Sichterrotor (Klassierung): Ein zweiter Rotor dreht im Luftstrom und trennt nach Größe: Zu-grobe Partikel werden nach außen geworfen (zurück zur Mahlung); Feinpartikel passieren den Sichter und gelangen als Fertigpulver in den Zyklon/Filter.
Sichterdrehzahl → steuert den Trennschnitt (d₅₀): hohe Drehzahl = feineres Pulver, niedrige = gröberes. Zielwerte: d₅₀ = 30–45 µm, d₉₈ < 100 µm.
Vorteil: Der Sichter verhindert Übermahlen und liefert eine enge Kornverteilung — besser als eine reine Stiftmühle.
Rieselhilfsmittel und Ladungssteuerungsmittel
Rieselhilfsmittel (z. B. pyrogene Kieselsäure, 0,2–0,5 Gew.-%) und Ladungssteuerungsmittel werden NICHT extrudiert, sondern erst nach der Mahlung als Post-Blend zugegeben.
Warum nach der Mahlung? Im Extruder würden die feinen Additivpartikel in die Schmelze eingearbeitet und lägen nach dem Mahlen im Korninneren statt auf der Kornoberfläche — wo allein sie als Abstandhalter und Ladungssteuerer wirken.
Zugabe im Taumelmischer (Post-Blend):
• Doppelkonus- oder Taumelmischer, niedrige Drehzahl
• Mischzeit: 5–15 min (schonendes Homogenisieren)
• Kieselsäure legt sich als dünne Schicht auf die Pulverlack-Partikel → verhindert Agglomeration, verbessert Rieselfähigkeit und Förderbarkeit
• Ladungssteuerungsmittel optimieren die elektrostatische Aufladung beim Sprühen
Vorteile und Grenzen
Vorteile: lösemittelfrei und dadurch sehr emissionsarm — emissionsfrei ist der Prozess nicht, beim Einbrennen können Spalt- und Reaktionsprodukte entstehen (siehe L-90); Overspray-Pulver ist rückgewinnbar (hoher Materialnutzungsgrad), robuste Schichten. Grenzen: Farbtonwechsel und exakte Nuancierung sind aufwändiger als beim Flüssiglack, und sehr dünne Schichten sind schwer zu erzielen.
Umwelt und Sicherheit
Pulverstäube sind einatembar und können explosionsfähige Staub-Luft-Gemische bilden — Explosionsschutz, Absaugung und Erdung beachten. Overspray-Pulver zurückgewinnen und im Kreislauf führen; das spart Material und Abfall.
Merksatz
Reihenfolge: Einwiegen → Mischen → Extrudieren (schmelzen + dispergieren, ohne Vernetzung) → Kühlen/Chips → Mahlen (Sichtermühle) → Post-Blend → Sieben → Abfüllen. In der Regel nur eine Extrusion (erneutes Extrudieren würde eine Vorreaktion auslösen). Lösemittelfrei, Overspray rückgewinnbar; Staubexplosionsschutz.
- ISO 8130
Übungsblatt Ü-97
Prüfen, ob es sitzt.
1. Nennen Sie die Schritte der Pulverlackherstellung in der richtigen Reihenfolge und erklären Sie die Rolle der Extrusion.
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2. Ein Pulverlack soll 70 µm dick aufgetragen werden; die Dichte des Films beträgt 1,4 g/cm³. Berechnen Sie den theoretischen Pulverbedarf in g/m².
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3. Warum ist eine nachträgliche Farbtonkorrektur bei Pulverlacken schwieriger als bei Flüssiglacken?