Der Lacklaborant Lernwerk

Alle Tafeln › Kapitel 9 · Anwendungen: Objektlackierung

L-126

Kunststoffbeschichtung — Vorbehandlung und Haftung

Niedrige Oberflächenenergie überwinden: reinigen, aktivieren, Haftvermittler

WahlqualifikationB 6 · B 2

KernaussageViele unpolare Kunststoffe, insbesondere Polyolefine, besitzen eine niedrige Oberflächenenergie, wodurch Benetzung und Haftung von Lacken erschwert werden können. Reinigen und Aktivieren (Beflammen/Plasma/Corona) machen sie lackierbar; bei Polyolefinen kommt in der Regel zusätzlich ein CPO-Haftvermittler dazu.

Das Grundproblem

Viele technische Kunststoffe, allen voran Polyolefine wie Polypropylen und Polyethylen, sind unpolar und haben eine niedrige Oberflächenenergie (Größenordnung 29 bis 36 mN/m). Der flüssige Lack benetzt eine solche Fläche schlecht, zieht sich zusammen und perlt ab, statt einen geschlossenen Film zu bilden; selbst wenn er sich auftragen lässt, haftet er kaum und platzt bei geringer Belastung ab (siehe L-12).

Reinigen und Entfetten

Aus dem Spritzguss bleiben oft Trennmittelreste an der Oberfläche, die eine unsichtbare, haftungsmindernde Schicht bilden. Vor jeder Vorbehandlung steht deshalb das Reinigen und Entfetten — lösemittel- oder wasserbasiert, mit CO₂-Schnee oder Dampf.

Beflammen, Plasma, Corona

Diese Verfahren erhöhen die Oberflächenenergie, ohne den Werkstoff im Volumen zu verändern. Beim Beflammen — im Automobilbau am häufigsten — wird die Kunststoffoberfläche oxidativ aktiviert; dabei werden polare sauerstoffhaltige Gruppen gebildet (Hydroxyl-, Hydroperoxid-, Aldehyd-, Keto- und Carboxylgruppen), wodurch die Oberflächenenergie steigt. Wie gut die Aktivierung gelungen ist, prüft man im Betrieb mit Testtinten nach DIN ISO 8296 (früher DIN 53364, zurückgezogen) oder über den Kontaktwinkel; als Richtwert gilt: ab etwa 38 mN/m ist eine Oberfläche lackierfähig, für wasserverdünnbare Systeme sollten rund 44 mN/m erreicht werden. Die Aktivierung hält nicht dauerhaft: Die eingebauten polaren Gruppen wandern mit der Zeit in das Polymerinnere zurück, die Oberflächenenergie sinkt wieder — vorbehandelte Teile deshalb innerhalb des festgelegten Zeitfensters (meist wenige Stunden) beschichten. Plasma- und Coronabehandlung wirken ähnlich über eine elektrische Entladung, die sauerstoffhaltige Gruppen einbaut und die Oberfläche zugleich feinreinigt.

Haftvermittler (Primer)

Für besonders schwierige Substrate wie Polyolefine setzt man Haftvermittler ein: modifizierte, meist chlorierte Polyolefine (CPO), die in organischen Lösemitteln löslich sind und eine Brücke zwischen dem unpolaren Kunststoff und dem Decklack bilden. Sie werden sehr dünn aufgetragen (wenige µm) und sind niedrig im Festkörper. Für andere Kunststoffe wie Polycarbonat gibt es angepasste, auch wässrige Primer.

Metalle im Vergleich

Metalle haben eine hohe freie Oberflächenenergie und lassen sich daher leicht benetzen; hier genügen meist Reinigen und Entfetten plus eine Konversions- oder Grundierschicht (siehe L-64, zum Systemaufbau L-99). Der eigentliche Vorbehandlungsaufwand liegt beim Kunststoff.

Merksatz

Kunststoff lackieren heißt zuerst die Oberfläche aktivieren: reinigen, dann die Oberflächenenergie erhöhen (Beflammen, Plasma, Corona) und bei Polyolefinen einen CPO-Haftvermittler setzen — sonst perlt der Lack ab und platzt.

KunststoffbeschichtungOberflächenenergiePolyolefinePolypropylenBenetzungTrennmittelBeflammenPlasmaCoronaHaftvermittlerchlorierte PolyolefinePolycarbonat
Quellen
  • Brock/Groteklaes/Mischke, Lehrbuch der Lacktechnologie
  • Müller/Poth, Lackformulierung und Lackrezeptur
  • DIN ISO 8296 (früher DIN 53364)

Übungsblatt Ü-126

Prüfen, ob es sitzt.

Verständnis8 Punkte

1. Erklären Sie, warum sich unbehandelte Polyolefine wie PP und PE schlecht lackieren lassen, und nennen Sie zwei Vorbehandlungsverfahren mit ihrer Wirkung.

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UrsachePolyolefine sind unpolar und haben eine niedrige Oberflächenenergie. Der Lack benetzt schlecht, perlt ab und haftet kaum; zusätzlich mindern Trennmittelreste aus dem Spritzguss die Haftung.
Verfahren 1 — BeflammenIn der oxidierenden Flamme wird die Oberfläche oxidativ aktiviert; dabei werden polare sauerstoffhaltige Gruppen (Hydroxyl-, Carbonyl-, Carboxylgruppen) eingebaut. Das erhöht die Oberflächenenergie.
Verfahren 2 — Plasma/CoronaEine elektrische Entladung baut ebenfalls sauerstoffhaltige polare Gruppen ein und reinigt die Oberfläche fein.
ErgebnisDie erhöhte Oberflächenenergie verbessert Benetzung und Haftung, ohne den Werkstoff stark zu verändern.
Warum das eine Eins verdientDie Antwort führt das Problem auf die niedrige Oberflächenenergie und Trennmittel zurück und nennt zwei Verfahren mit dem gemeinsamen Wirkprinzip (polare Gruppen einbauen).
Berechnung9 Punkte

2. Ein Kunststoff-Haftvermittler mit 5 % Festkörper soll einen 2 µm dicken Trockenfilm ergeben (Trockenfilmdichte 1,0 g/cm³). Welche Nassauftragsmenge in g/m² ist nötig?

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Trockenvolumen je m²V = 2 µm · 1 m² = 0,0002 cm · 10 000 cm² = 2,0 cm³/m²
Trockenmasse je m²m(trocken) = 2,0 cm³ · 1,0 g/cm³ = 2,0 g/m²
NassmengeBei 5 % Festkörper: m(nass) = 2,0 g / 0,05 = 40 g/m²
AntwortsatzEs sind rund 40 g/m² Nassauftrag nötig, um einen 2 µm dünnen Haftvermittlerfilm zu erzeugen.
DeutungWeil der Haftvermittler nur 5 % Festkörper hat, sind für 2 g Trockenfilm 40 g Nassauftrag nötig — 95 % der aufgetragenen Masse verdunsten wieder.
Warum das eine Eins verdientDie Kette Trockenvolumen → Trockenmasse → Nassmenge ist sauber, und der niedrige Festkörper erklärt die vergleichsweise hohe Nassmenge für eine sehr dünne Schicht.
Anwendung7 Punkte

3. An einem lackierten PP-Stoßfängerteil platzt der Lack schon bei leichter Belastung ab. Nennen Sie zwei mögliche Ursachen und die Abhilfe.

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Ursache 1Keine oder unzureichende Vorbehandlung — die niedrige Oberflächenenergie des PP wurde nicht erhöht, der Lack haftet nicht.
Ursache 2Trennmittelreste aus dem Spritzguss auf der Oberfläche, die die Haftung blockieren.
AbhilfeGründlich reinigen/entfetten, die Oberfläche durch Beflammen oder Plasma aktivieren und einen CPO-Haftvermittler auftragen, bevor lackiert wird.
Warum das eine Eins verdientDie Antwort nennt beide typischen Ursachen (fehlende Aktivierung, Trennmittel) und die vollständige Abhilfekette aus Reinigen, Aktivieren und Haftvermittler.

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